Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1886
- Issue
- Heft 8 (17.5.1886)
- Date
- 1886-05-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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S e l b st - E m a n c i p a t i o n! Vorabend« einer antisemitischen Bewegung in ihrem Vaterlande. Ein unlängst stattgehabtes Duell zwischen einem jüdischen Journalisten und dem Verfasser einer antisemilischen Schrift „La France juive“ ist eines der ersten Symptome dieser nahenden Bewegung. — In einer Wiener Mädchen-Bürgerschule, in welcher vier Fünftel der Schülerinnen dem jüdische» Stamme angehören, erlaubte sich der Director ein derartig antisemitisches Vorgehen, daß sich sein eigener Lehrkörper darüber beklagte. Daraufhin wnrden die klageführenden Lebrer strafweise versetzt, gerügt und in ihrem Ein. kommen geschmälert, während der Director ungestraf t seines Amtes weiter waltet. — Der Jastizminister Ungarns, Dr. Theodor Pauler, durch seine antisemitische Gesinnung, die anläßlich des Tista-Eßlarer Processes zu Tage trat, bekannt, ist am 30. April in Budapest gestorben. (Ter Brand von Stryj.) Baron Hirsch in Paris hat jür die Abgebrannten der galizischen Stadl Stryj 100.000 Francs gespendet. Die polnischen Blätter regist-iren diese Spende ohne jede Bemerkung, ein Vorgehen, das jedenfalls auch keiner weiteren Erläuterung bedarf. — Zu gräßlich, als daß man es glauben könnte, und leider doch wahr und erwiesen ist, daß die Brandstatthyänen von Stryj — der regulären, polnischen Bauernbevölkerung angehörend — verschütteten Unglücklichen erst dann Hilfe brachten. wenn sie sicher waren, keinem Juden das Leben zt, retten. Man hat demgemäß jüdische Kinder, die wohl zu letten gewesen wären elendiglich zu Grunde gehen lasien. (Ludenhetzen und Blutbeschnldignngcu.) Wie alljährlich so hat auch in diesem Jahre da« Peßachfest jene unglückseligen Erscheinungen zu Tage gefördert, welche am Besten das seitJahrtausenden über Israel hereingebrochene Leid charakterisiren. Am Abend des 7. Peßachtages (26. April), fand in Odessa ein Indenkrawall statt, der leicht größere Dimensionen hätte annehmen können, wenn nicht Militär und Polizei energisch eingeschritten wären. Auf dem sogenannten Kulikowoselde, einem großen Platze vor dem Bahnhofe, rottete sich der Gegenwärtig wiid außerdem der Bau einer großen Synagoge, zweier Schulen, eines neuen Admiiilstrationsgebäudes und einer Wohnung für den Director unternommen, alle natürlich von Stemen, die als Ueberreste früherer Bauten in großer Zahl bearbeitet vor Händen sind. Gegenwärtig sind in Lichron Jacob zwischen 60 und 70 Familienväter, etwa 15 bis 20 haben auch ihre Familien schon dort, während die Familien der andern noch in Haifa sind. Außer der früher erwähnten Unterstützung von 12 Francs per Seele erhalten die Männer für jeden Arbeitstag 2 Piaster 37 Centimes Arbeitslohn und Brod; auch die von ihnen gelrisleteten Fuhren werden ihnen bezahlt. Es sollen bis jetzt schon größere Anpstanzungen von 3000—4500 Olivenbäumeu und 30 Hektar Weinberg gemacht worden sein. Die besten Pflüge aus Ulm werden den Ansiedlern zur Verfügung gestellt und so wird in jeder Weise für sie gesorgt. Erleichtert ist die Ansiedlung und das Wohnen in derselben auch dadurch, daß man in der Nähe auf einem Hochplateau in einer Tiefe von nur 2 5 Meter Wasser gefunden hat; es sind schon 5 Brunnen gegraben worden, die hinlänglich Wasser liefern. Die Pöbel zusammen und mißhandelte einige Juden. Von berittenen Kosaken verjagt, stürmten die Exce deuten in die nächstgelegenen Straßen, wo einige Tabaksläden geplündert und diverse Fensterscheiben eingeworfen wurden. Das Militär zersprengte aber bald die Pöbelrotten, die sich mit Steinwürfen zu wehren suchten. Es tauchten noch einige excedirende Banden auf, wurden aber durch Militärpatrouillen am Plündern verhindert. Zwei Juden und zwei höhere Polizeiorgane erlitten gefährliche Verletzungen. — In Sebastopol fanden am 26. April den ganzen Tag hindurch arge Judenhetzen statt. Jüdische Häuser wurden geplündert und Männer, Frauen und Kinder mißhandelt. Die Hilfe kam erst spät. Erst nachdem der Krawall im vollen Gange war, langte Militär an, das auf die Excedenten einhieb, viele derselben verwundete und verhaftete, und den Rest zerstreute. — Auch Blutbeschuldignngen hat die diesjährige Peßachsaison aufzuweisen: In Bukarest (Rumänien), in D ü n a b u r g (Rußland) in Zabrze (Oberschlesien), in Smyrna (Kleinasien), also an allen Ecken und Enden sind Fälle dieser Beschuldigung mit dem ganzen dazu »othwendigen Apparate von vermißten Kinder», verzweifelten Eltern, Excessen n. s. w. vorgekommen. (Große Brände in Rußland.) Ebenso wie in Galizien fanden um die Osterzeit auch in Rußand schreckliche Feuersbrünste in Städten mit großer jüdischer Bevölkerung statt. Hunderte jüdischer Familien sind brodlos geworden. Die heimgesuchten Städte find Rossiany, Schad, Mostrag, Ostrin, Ushpol, Mohilew u. A. (Hebräische Predigt.) In Riga hielt Herr Rabbiner A. A. P o m p i a n s k y am ersten Tage des Peßachfestes eine Predigt in hebräischer Sprache. Es ist dies ein verdienstvolles Gegenstück zu den traurigen Bemühungen unserer Assimilationspriester, welche die Sprache Gesammtauslagen für diese Colonie werden sich aus etwa T5 Mill. Francs belaufen. Die Ordnung wird bis jetzt unter den Emigranten dadurch aufrechterhalten, daß dem Widersetzlichen das Monatsgeld entzogen wird. Eine störrige Familie ließ man auf diese Art in Roth gerathen und bewirkte dadurch in ihr die Bereitwilligkeit, sich nach Rumänien zurücksenden zu lassen, was auch ausgeführt wurde. Wenn die im Bau begriffenen Häuser fertig sein werden, soll alles den Ansiedlern übergeben werden und dann soll die Unterstützung anfhören und die einzelnen genöthigt werden, für sich selber zu sorgen. Damit sie dann aber nicht Haus und Land verkaufen und davon gehen können, bleibt alles auf den schon erwähnten Herrn Erlanger in Paris eingeschrieben. Die deutschen Colonisten haben durch Fuhrwerk und Handwerk schon verschiedenen Verdienst von dieser Ansiedlung gehabt, und wenn, was freilich noch durchaus nicht sicher ist, die jüdische Colonie auch ferner gedeiht und vorwärts kommt, so hilft auch dieses Unternehmen dazu, das Land zu heben und es besseren Zuständen entgegenzuführen. Kaifa. Fr. Lange. > unseres Volkes selbst aus den Gebeten verdrängen wollen. (In Kreta) ist für unsere Glaubensbrüder eine schwierige Zeit herangebrochen, da sie nicht wissen, mit welcher Partei sie es halten sollen, ob mit den Türken oder mit den Griechen. Sie sind treue Unterthanen des Sultans Abdul Hamid,' unter dessen Scepter sie glücklich und zufrieden leben, da ihre sociale und politische Stellung nichts zu wünschen übrig läßt, und andererseits lieben sie ihre griechischen Mitbürger, die sie gleichfalls auf's Beste behandeln. Dieselben haben daher auf Anrathen des Rabbiners in Kanea. der Hauptstadt dieser Insel, beschlossen, in ihrer Treue gegen ihren geliebten Landesvater muthig auszuharre», sich von jeder politischen Demonstration ferne zu halten und ruhig den Lauf der Dinge abzuwarten. — Wenn nur unsere Juden überall so gescheidt wären, sich nicht in fremde nationale und politische Händel zu mischen. (Todesfall.) Am 3. d. M. verschied hier unser Gesinnungsgenosse, Herr Alexander Breth o l z, ein wegen seines lauteren Charakters und seiner tiefe» jüdische» Gelehrsamkeit allgemein hochgeachteter Mann, im Alter von 62 Jahren. An seiner Bahre standen trauernd seine Witwe und seine zwei erwachsenen Kinder. Liohrono li-wrachah! Korrespondenzen. Belgrad. (Briese a n s B e l g r a d.) Die kurze Unterbrechung im Erscheinen der „Selbst-Emancipation!'' hat unsere Berichterstattung in's Stocken gebracht und den Faden unserer Betrachtungen abgeschnitten. Nu», da unser Organ in repräsentablerer Form wieder erscheint, wollen wir, getragen vom Gefühle, daß hinter diesem Organe auch Männer mit jüdischem Herzen und jüdische,» Geiste stehen, getragen ferner von dem Bewußtsein, daß unser kleines Häuflein in so kurzer Zeit zu einer ansehnlichen Partei erstarkt ist, wieder an unsere nationale Arbeit gehen. Also zum Thema der Berichterstattung, zur spagnoliichen Gemeinde Belgrads. Wolle,! wir nunmehr zusanunenfassen, was die Beobachtung der spagnolischen Gemeinde uns lehrt, so müssen wir eingestehen, daß wir es hier mit einer Gemeinde zu thun haben, welche noch vom Zehrvfennige des Conservatismus lebt — und die sehr Gefahr läuft, durch Andringen der Assimilation nach modernem Zuschnitt jeden jüdischen Boden unter den Füßen zu verlieren. Die jüdisch-spagnolische Gemeinde Belgrads hat ein großes Deficit an jüdischem Wissen, welches schon dem neben oben geschilderten Geiste der Nachäfferei fremder Sitten und Gebräuche eine zweite unheilvolle Rolle im Volksleben dieser alten und interessanten Abkömmlinge vom Stamme Jehudah spielt. Die jüdische Schule, Thalmud Thorah, ist alles eher als eine solche. DieWohlthätigkeitspflege erheischt hier, wie in allen jüdischen Ge-' meinden namhafte Opfer; die Gemeinde versieht Arme mit Holz und Mazzoth. Jedoch geht hier ein jüdisches Waisenhaus ab, ebenso ein jüdisches Krankenhaus. Die Krankenpflege