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Selbst-Emancipation · 1886-05-03 · Heft 7 (3.5.1886) · p. Seite 4

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1886
Issue
Heft 7 (3.5.1886)
Date
1886-05-03
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Selb st-Ema ii ci Patron! Nr. 7 borah und andere jüdische Frauen hin, die säunntlich von sozusagen makkabäischem Geiste beseelt waren, von dem Geiste, der das Judenthum conservirt hat, das aber nun viele seiner eigenen Söhne zu vernichten trachtet. „Müssen wir nicht," ruft der Redner aus, „das brennende Gefühl tiefer Beschämung empfinden, wenn die Völklrin ringsum aufstreben zur Macht, zur Freiheit, während die unablässige Thätigkeit unserer eigene» Stammesgenossen darauf gerichtet ist, die hoffnungsvollen Keime zu entwurzeln, die wir selber gepflanzt? Sind wir nicht zu bemitleiden ob unserer nationalen Zerrissenheit?" Redner schließt mit der Aufforder ung zur Einigung und mit dem Ausdruck de frohesten Hoffnungen seine ungemein beifällig aufgenommene Rede. — Nach Herrn Fischler erhält Frl. Anna Wolf das Wort zur Schlußrede« Diese, exact in Form und Inhalt, rief geradezu sensationelle Begeisterung hervor und wir bringen sie daher im Wortlaute: H ochgeehrte Stammesgenossen! Es ist keine seltene Erscheinung in der Geschichte der Völker nnd auch in der des jüdischen Volkes, ebensowenig im modernen gesellschaftlichen Leben, daß sich Frauen in heivorragendcr Weise daran betheiligen, das allgemeine Wohl ihres Volkes, ihrer Mitmenschen zu fördern, und zwar gilt dies hauptsächlich den mate. riellcn Jntcresicn derselben. Wir machen daher nur von einem schönen Rechte Gebrauch, das unserm Geschlechtvielleicht in erster Linie zukommt, wir folgen dem in unserer Natur besonders begründete» edlen Gefühle der Wohlthäiigkeitsliebe (Nichtig!), dem Rufe einer ernsten, heiligen Pflicht, der dringenden Forderung, welche die heiligsten Jntereflen unseres Volkes auch an uns stelle»; — wir folgen endlich dem edlen Beispiele der besten unserer Stammesbrüder, wen» wir mit Ueberwindung der uns natürlichen Scheu vor einem öffentlichen Auftreten, — hier die Gründung unseres Vereines festlich begehen, uni einen größeren KreiS unserer Ctammesgenoffeu mit deffen Bedeutung und Zweck bekamst zu machen, und in ihnen ein gleiches Streben zu wecken. — Dem ehrenvollen Aufträge gemäß, welcher mir von Seite der Vereinsleitung zu theil geworden, will ich an unsere geehrten Festgäste einige Worte über unser Streben und Ziel richten, und zur Begründung auf folgende Thatsachen Hinweisen. Zeder, der die Geschichte unseres Volkes kennt, weiß, daß unsere Vorfahren znr Zeit ihrer nationalen Selbstständigkeit bewiesen haben, zu welcher Heldengröße sic sich emporschwiugen konnten, wenn ihre Liebe für Freiheit und Glaube ihnen das Schwert in die Hand drückte. Die heldenmüthigen Kämpfe der Makkabäer, ihre wunderbaren, glänzenden Siege über weit mächtigere Feinde, die begeisterten Kämpfe unseres Volkes um seine nationale FreihUt, für seine heilige Lehre gegen die Riesengewalt der Römer, — müffen uns mit Bewunderung und Stolz erfüllen; (Bravo!) — der Rückblick jedoch auf die nach der Zerstörung ihres Staates beginnende, nun fast zwei Jahrtausende dauernde ziellose Wanderung, während welcher sie von alle» Völkern gehaßt, verhöhnt, unterdrückt und verfolgt heimatlos hernmirrteii, bald da, bald dort Schutz suchend vor deni blindivüthcndei, Fanatismus ihrer Unterdrücker, — der Rückblick auf dieses zweitausendjährige Martyrium, diese endlose Kette der Leiden, muß jedem warmfühlenden Menschen mit tiefem Schnierze erfüllen. Und die Geschichte dieser Leiden, sie Hot in unserm vielverheißcndcii vielgepriesenen Zeitalter der Aufklärung, der Duldung, der Humanität noch nicht geendet. Sie erzählt uns von russischen Judenverfolgungen, von Judenhetzen in Ungarn, Rumänien, Algier, von, Ausweisungen aus Deutschland und Rumänien, die tausende von Familien dem unbeschreiblichste» Elende preisgeben, lausende von Existenzen vernichten. Es ist wohl überflüssig, hier eine Schilderung der trostlosen, jammervollen Lage zu geben, in der sich unsere Stammesgenossen im Osten Europa's befinde,,; cs ist dies ja schon unzählige Male und mit einer, Beredsamkeit, geschehen, die mir nicht zu Gebote steht. Wozu den», auch ein so unsäglich trauriges Bild hier entrollen, jeder kennt es ans den vieluchen Berichten, die jeden Me iischcnfrcmid, sei er Jude oder Nichtjude, mit Schmerz und Entrüstung erfüllen müffen. Ich will nur auf diese sich immer trauriger gestaltenden Thatsacheu Hinweise», um Ihne», 'meine geehrte» Stammesgenoffen, nahezulege», daß wir, die Glücklichen, . die Dank der Gerechtigkeitsliebe unseres edlen Monarchen (Begeisterte Hochrufe) Menschen- und Bürgerrechte genießen, die man in jenen Ländern unsern Stammesbrüdern gegenüber mit Füßen trilt, daß wir angesichts einer so schmachvollen unmenschlichen Behandlung nnserer Brüder nicht inüffig zusche» dürfen, daß es unsere heiligste Pflicht ist, ihr trauriges Los zu mildern, sie von Druck und Verfolgung, von Roth und Elend zu befreien nnd ihnen zu einer menschenwürdigen Existenz zu verhelfen. (Bravo!) Wir sind umsomehr zu dieser Abhilfe verpflichtet, als wir das Glück habe», unter dem Schutze gerechter, humaner Gesetze zu lebe». — Unser Volk hat dm Leiden, den Stürmen der Jahrhunderte getrotzt, die hochgeheuden Fluten der Völkerbewegung haben es nicht begraben; seine heilige Lehre, die reiche Fülle seiner sittlichen Kraft hat es vor dem Untergänge bewahrt. (Sehr richtig!) Aus diesem in der Geschichte der Völker einzig dastehenden Factum muß jeder klar und unbefaugeii denkende Mensch die Ueberzeugung gewinnen, daß dieses Volk als solches sortbesteht, daß es die moralische und historische Berechtigung dieser Wciterexistenz hat; (Sehr richtig!) wir aber können daraus auch noch die Hoffiuing schöpfe», daß sein trauriges Wanderschicksal ein glückliches Ende finden, daß die Zeit feiner Erlösung kommen werde, wo es freier aufathmmd, im Wettkampse andern Nationen ebenbürtig zur Seite stehen wird. (Stürmischer Beifall.) Diese schöne Hoffnung, ans der das unglückliche Volk, in leinen größten Drangsalen, in seinen traurigsten Tagen Miilh und Kraft zum Dulden geschöpft, vereint mit jener erhebenden Ueberzeugung, sowie der Schmerz über die gedrückte, trostlose Lage nnserer Brüder in den östl. Ländern Europa's haben zwei große, erhabene Ideen gezeitigt: — die Idee, das gefunkene Bewußtsein unserer Stammcseinhelt zu heben und zu kräftigen, das Zusamineugehörigkeitsgesühl unseres Volkes zu beleben und zu Pflegen, in ihm die Erkenntniß seines eigenen Wertes zu wecken, damit keiner sich des Namens, „Jude" schäme, und jenes Selbstbewußtfein, jene Selbstachtung gewinne, deren jeder Mensch bedarf, um von seinen Mitmenschen geachtet zu werden. (Lebhafter Beifall). .Die zweite Idee ist, die unglücklichkn Juden intoleranter Länder, welche seit vier Jahren in immer größerer Zahl auswaiidern, im heil. Lande, der Heimat unserer SBSUr (Brausender Beifall) anzusiedel», wo sie in redlicher Arbeit, durch zweckmäßige Bewirthschaf" tung des Bodens eine sichere und ruhigere Existenz finden können, und wo ihnen die natürlichsten Menschenrechte nicht entzogen werden. — Edle Männer, von Liebe zu ihrem Volke erfüllt, schritten nun zur Ver * wirklichung dieser beiden Ideen durch die Gründung jüdisch-nationaler und Colonlsationsvereine und kämpfen mit Begeisterung nnd unerschütterlichem Muthe für die Ehre und Würde unseres Volkes, für .dessen geistige, moralische und materielle Existenz; ihr Sieg n,uß und wird die feste Einigung, ein kräftiges Wiederanfblühen, ein Wiederaufleben unseres Volkes sein, deffen endliche Erlösung von dem Fluche, der seit zwei Jahrtausenden ans ihm lastet, die gründliche Befreiung von dem durch jahrhundcrtlangen Druck erzeugten, traurigen Zustand, indem sich noch ein großer Theil unseres Volkes beflndet. (Stürmischer Applaus.) Der einzige und beste Weg zu diesem Ziele ist die Umkehr zum Ackerbau, der ja allein die Grundlage des BolkswohlcS bildet. (Sehr richtig!) Deshalb hat der Gedanke der jüdischen Colonisirung Palästina's rasche Verbreitung gefunden, in Rußland, Rumänien, Deutschland, England, Frankreich und andern Ländern Wurzel gefaßt und zur Bildung zahlreicher Colonisationsvereine geführt; die Meisten derselben traten im Jahre 1884 auf einem Desegirtentage zu Kattowitz in Preußisch-Schlcsie» zum „Moistefiore-Berbande" zusammen, der bereits eine Mitgliederzahl von 20.000 erreicht hat. Gegenwärtig bestehen in Palästina schon achtColonien unter den günstigsten Verhältnissen. Die jüd. Colonisirung Palästinas ist ein rein, praktisches Unternehmen, ein verdienstvolles, großes, erhabenes Werk, das zu fördern, jedem wahren Jude» eine heilige Pflicht sein muß. (Bravo!) — Dem edlen Beispiele unserer Stammesbrüder, den »inthigen Kämpsern für das Wohl unseres Volkes, — der dringenden Forderung einer ernsten, heiligen Pflicht, dem Zuge unseres eigene« Herzens folgend, haben wir im October 1835 einen Verein gegründet, der sich ebenfalls die Aufgabe gestellt hat jenes große, schöne Werk zn fördern. (Bravo!) Soll aber unser Verein seinen im besten Sinne des Wortes edlen, wohlthätigen Zweck zn erfüllen im Stande sein, so ist es unbedingt nothwendig, daß sich eine möglichst große Zahl, nnserer StammeSschwestern an unserm Unternehmen betheilige. Wenn wir auch der großen Mehrzahl noch nicht über Glücksgüter verfügen, so darf und kann uns dies nicht entmuthigen; jede helfe nach Maßgabe ihres Vermögens, denn die Menge der Beiträge soll hier die Größe derselben ersetze», und da bekanntlich aus den kleiustrn Beträgen große Summen werden, wenn jene nar in entsprechender An zahl vorhanden sind, so dürfen wir gewiß sein, das Ziel unseres' Slrebens erreichen zmkönnen. (Sehr richtig!) Es sind leider viele der ganz irrigen Meinung ihr Beitrag könne wohl leicht entbehrt werden, und bedenken nicht, daß, wenn dies alle sagen wollten, niemals etwas zustande kommen könnte. Keine unserer Stainmesschwestern sollte sich daher von der Mithilfe ausschließe», sondern diese vielmehr als eine ihrer heiligsten Pflichten betrachten, sich dieselbe zn einer ihrer LebenSanfgaben machen. (Lebhafter Beifall.) Unserunglücklichen Brüder fordern dies von uns und sie haben das beste, begründetste Recht dazu. Wenn wir also unsere Stammesgenossen „iryt geradezu verleugnen wollen, so müsse» wir ihn:» helfen, muffen wir das große Elend lindern, indem wir die Mittel Herbeilchiffen, ihnen . eine ruhige, sichere, menschenwürdige Existenz in der Heimat unserer Väter zu gründen, welche alle Bedingungen zu einer erfolgreichen Bewirthschaflung des Bodens bietet, und durch diese könnte unser thenres Ahnenland zu einer neuen Blüthe gelangen. Ich stelle daher in erster Linie im Namen jener verfolgten, heimatlosen Unglücklichen unseres Volkes, in zweiter Linie im Namen des Vereines jüdischer junger Damen „Mirjam“ die dringende Bitte, sich mit uns zu dem bekaiiiilen Zwecke zu vereinen, und in dieser dreifachen Vereinigung durch Abstammung, Glaube und gemeinsames Streben werden wir stark genug sein, jenes große, edle Werk fördern zu helfe», an dem der „Montefiore-Berband", die besten unserer Stamines- , brüder, arbeiten. (Frenetischer Beifall.) Die Unterstützung der Valästina-Colonisatian ist nicht ei» bloßer Act der Wohlttzätigkeiisliebe, sie ist eine heilige Pflicht, die unsere eigene Ehre, der Ranke .Jude" uns auferlegt, denn das Unlecnehmen Hot das schöne, glückoerheißende Ziel, unser Volk von den traurigen Folgen jahrhundertelangen Druckes zn befreien, seine Ehre,. seine Würde, seine Menschenrechte zu sichern, ihm seine Selbstachtung wieder zu geben, ihm die Stellung wieder zu erobern, zn der es durch die Geschichte und seine eigene Natur berechtigt ist, die Stellung eines freien, edlen Volkes, mit anderen Völkern vereint im Streben nach den höchsten Zielen der Menschheit, nach Bildung und Wahrheit. (Unbeschreiblicher, minutenlang andauernder Beifall. Redneriu wird von allen Seiten beglückwünscht.) Der zweite Thril des Abends, die musikalisch deklamatorische Soiree bot viel des Schönen in reichlicher Abwechslung. Herr Jaques. F r i e d b e r g e r auf dem Harmonium-Flate (Miseröre aus „Troubadour"), Herr W. Neuen a n n auf der Violine („Ballade et Polonaise" von Vieuxtemps), leisteten Vorzügliches. Frl. Josefine König sang die Romanze aus der „Jüdin" unter großem Applaus des Publikums. Ebenso riefen die Deklamationen der Frl. Henriette F i s ch b e i n („Die Brautgeschwister") und Ernestine Tauber („Mycerin") lebhaften und verdienten Beifall hervor. Gegen Mitternacht ging die junge Welt an. die lustige Tanzbeschäftignng, der sie mit seltener Opferwilligkeit bis in die frühen Morgenstunden oblag. Erschienen waren : der Vertreter der hohen k. k. Regierung, die Vertreter der Vereine ^Kadimah“, „Zukunft" und „Admath. Jeschurun“, Vertreter einiger jüdischer Zeitschriften, sowie einige. Capacitäten ans jüdisch-wissenschaftlichem Gebiete. — Glückwunschschreiben

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