Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1886
- Issue
- Heft 7 (3.5.1886)
- Date
- 1886-05-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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eines (!) — Als der Verein gegründet wurde, -haben wir Anderes von ihm erwartet, als er jetzt an's Tageslicht bringt. (Antisemitisches.) Einem in Budapest gegebenen Beispiele folgend, hat stch auch in Prag ein antisemitischer Schriftstellerverein gebildet. — In Zala-Egerszeg (Ungarn), wo vor einigen Jahren die großen Judenkrawalle stattfanden, deren Erneuerung man bei der dort jetzt stattgehabten Äbgcordnetenwahl fürchtete, wurde der Antisemit Emil Szemuecz mit einer Majorität von 78 Stimmen gewählt. — Wien und, Umgebung werden immer antisemitischer. Da annoneiren die Hausbesitzer einer Sommerfrische, daß sie nur christliche Parteien aufnehmeu, dort placatiren sie Anzeigen, wie folgende: . „Diese Villa ist zu vermiethen und kostet dieselbe für Christen 600, für Juden dagegen 1000 fl.!" Anderswo (in der Leopoldstadt) trägt eine Tafel die Aufschrift: „Juden ist der Eintritt verboten." Bei den Wiener Gemeindcrathswahlen haben die Antisemiten große Minoritäten erzielt und im Bezirke Mariahilf sind sie sogar durchgebrungen. Noch viel entschiedener ist der Antisemitismus der Wiener Studenten, die den Abgeordneten Türk zu seiner Rede gegen die jüdischen Professoren beglückwünschten. Ein jüdisches Blatt in Deutschland bemerkt dazu: „Hier wäre es wirklich am Platze, wenn die übrige, andersdenkende Studentenschaft gegen solche Herabwürdigung der Burschenehre energisch Front machte." Ja, wenn es nur so eine übrige, andersdenkende Studcntenschast gäbe > („Em Todter.") Unsere Leser wissen bereits, daß wir eS lieben, die assimilatorischen Siegesnachrichlen. welche darauf hinzielen, das jüdische Volk über die Größe der Ausbreitung/des Antisemitismus zu täuschen, auf das richtige Maß zu reduciren. Wenn man die Berichte assimilatorischer oder gedankenlos diesen nachbetender Blätter liest und die Wirklichkeit damit vergleicht, wird man unwillkürlich an den „einen Todten" erinnert, der sich in den Gefechten des russisch-türkischen Krieges niit einer erstaunlichen Regelmäßigkeit wiederholte. „Es sind immer nur einige wenige einflußlose, allgemein ignorirte Individuen, die das Geschäft des Antisemitismus betreiben", das leuchtet deutlich aus jeder Zeile solcher Berichte hervor. So werden die Zufriedenheitskundgebungen einzelner Ortsgruppen des Deutschen Schulvcreines über die Auflösung der antisemitischen akademischen Ortsgruppe in Wien mit vielem Behagen in der Tagespresse und den jüdischen Fachblättern registrirt. Besondere Aufmerksamkeit aber wurde der Kundgebung der Ortsgruppe „Innere Stadt Wien" geschenkt und die Rede eines -jungen Juden, Herrn Gundelfinger, die dieser bei dieser Gelegenheit hielt, wurde in allen Blättern reproducirt. „Es scheint", sagte der junge Mann, „als ob die Mitglieder der akademischen Ortsgruppe keine Ahnung von der AnschauungS- und Denkungswrise jener Mitglieder des deutschen Schulvereinrs haben, welche zufällig der jüdischen Confession .angehören. Mit ihrem ganze» Denken und Fühle» hängen diese an der deutschen Sache. -Insbesondere befremdend wirkt cs auf uns, 'die Heranwachsende' Generation, welche dieselbe'Erziehung genösse»'hat, wie die christlichen College,,, wenn wir plötzlich erfahren -Kritik und geniale Auffassung sich anszeichiienden Selb st - E in a » c i p a t i o „! müssen, daß wir jedes nationalen Gefühles bar sind. So wenig als man einem rechtschaffenen Manne die Biederkeit absprechen kann, kann man uns, die wir deutsch fühlen und deutsch sind bis in unser innerstes Mark, das Deutschthum absprechen. Ich will nicht betonen, daß Männer wie Lasker und Kuraiida für die deutsche Sache gewirkt. Die Hauptsache ist, daß man redlich, treu und offen handelt und sich als Deutscher bekennt. Das mögen sich Jene, welche sich seit einigen Jahren als Generalpächter des Germanenthums geriren, gesagt sein lassen. Wir werden treu zum Deutschthum halten, so lange ein Hauch uns beseelt. In diesem Streben werden uns jene wackeren Männer bekräftigen, welche nicht zugeben, daß wir Fremde sind auf deutschem Grund uttd Boden, wo wir geboren und erzogen wurden". Glauben Sie gar so fest an die anhaltende „Bekräftigung jener wackeren- Männer", Herr Gundelfinger? Glauben Sienur zu, denn glauben macht selig! —Unsere heiligste Pflicht aber ist es, unsere Staiiiniesgeiiosse» vor der Beherzigung solcher Worte, wie sie hier augenscheinlich ein Verblendeter und Unerfahrener, anderwärts irgend ei» Verführer ansspricht, eindringlichst zu warnen. Wir glauben nicht dazu da zu sein, u», unser» Stammcsgeiiossen eiu X für ein U vorzninache»; vielmehr dazu, um ihnen ei» getreues Bild ihrer Lage zu zeichnen und deren Düsterheit um keinen Schatten zu mildern; denn thäten wie letzteres, so wäre es ein gefährliches, frevelhaftes Spiel. Will man w,ssen. aus was für Männern die Ortsgruppe „Innere Stadt Wien" besteht? 1. Aus den Quai- und Börsengroßen „jüdischer Confessio,,"; 2. aus - Groß-Geschäftsleutei, und Beamtem „christlicher Confession", die das, aller- ■ gewöhnlichste Interesse / an den „Quai" und die „Börse" fesselt; 3. aus Politikern der alten Schule, die die Fünfzig und Sechzig schon längst überschritten haben und ihre jildenfreundliche Gesinnung in unsere antisemitische Zeit hinübcrgerettrt haben. Will man aber wissen, was für Mitglieder die aufgelöste Ortsgruppe zählte: 1. Durchgängig „Deutsche christlicher Confession"; 2. durchgängig Studenten, welche fest entschlossen find, die Freundschaft mit den Juden aufzugeben; 3. durchgängig junge Männer, von denen noch keiner die Dreißig überschritt und die dazu berufen sind, den Staat dereinst nach ihren Principien zu lenken. (Assimilatorisches Räthsel.) Im österreichischen Abgeordnetenhause sitzt der jüdische Professor der Prager ezechischeu Universität, Dr. Zucker, als rnragirter Czeche, während, wie der Antisemit T ü r k bnn^kte, der Bruder desselben Zucker in Wien als entschiedener Deutscher auftritt. ES ist geradezu schon horrend, was der assimilatorische Mummenschanz für Widersinnigkeiten in die Welt setzt. (Neuer Verein.) In Wien hat sich ein neuer jüdischer Verein unter dem Namen „Verein für hebräische Wissenschaften, Geselligkeit und Unterstützung „Ohawe Israel“ gebildet, dessen Statuten bereits die behördliche Genehmigung erhalten haben und in dessen, Ausruf man die nationale Tendenz, wenn auch weniger prononcirt, finden kam». Die Gründer sind - ehemalige Mitglieder der „Zukunft". Mögen beide Vereine, , da ihrr Son'verexistenz einmal eine vollzogene, ' tvem, auch bedauerliche, Thatsache istgedeihen Nr. 7 und ihre schönen Ziele erreichen. Vielleicht finde t sich später doch noch eine Gelegenheit zur Vereinigung. (Die Brände irr Galizien.) Die meisten ' jüdischen Gemeinden erlassen Aufrufe zur Unterstützung der bedanernswerthen Opfer der schrecklichen Katastrophen von Stryj und Lisko 'in Galizien. Es steht außer Zweifel, daß unsere Stammes- und Glaubensgenossen allerort en an der Hilfsactio» theilnehmen werden. (Josef Victor v. Scheffel), der berühmte deutsche Dichter, der Verfasser des „Trompeter . von Säkkiugen" und des Romanes „Ekkehard" ist am 9. April, im Alter von 60 Jahren in Karlsruhe gestorben. Die gesammte Tagespresse von Deutschland und Deutsch-Oesterreich, die sich dich größtentheils in den Händen unserer Stammesgeiiossen befind,'', schreibt natürlich bei dieser Gelegenheit ellenlange Nekrologe und Feuilletons, in welchen die Bedeutung dieses Dichterfürst-,, hervv'gehoben wird und gewiß nicht mit Unrecht, denn selbst der blässeste Neid kann das Talent oder den Charakter Scheffel's nicht bemängeln. Und doch hat dieser Mann die freilich von den Tagesblättern verschwiegenen Worte niedergeschrieben: „Die Abueigluig der germanische» Völker gegen die Semiten beruht nicht auf der Verschiedenheit von Religion und Dogma, sondern auf Verschiedenheit von Blut, Rasse, Abstammung, Volkssitte und Volksgesinnung." Wie reimt sich nun die in der That - verdiente Verherrlichung Scheffel's durch die Tagesblätter zu ihren sonstigen Ausführungen, wonach nur der Pöbel antisemitisch ist und jeder antisemitisch gesinnte Main, ein Tollhäusler oder ein.Schurke sein muß? Es läßt sich eben nicht zusammenreimen» weil die letztere Behauptung einfach übertrieben ist. So sehr wir als Juden, die ihr Volk lieben und für seine Ehre eintreten, die Jrrthümrr erkenne», dessen sich . der Antisemitismus schuldig macht, wenn er einen ganzen Stamm, der Herrliches geleistet hat, in Bausch und Bogen verdammt, — so verschließen wir uns aber andererseits nicht der Einsicht, daß auch edle Männer sich des Äiitisemitismns schuldig machen können und daß, solange wir unsere jetzige Zigeunerrolle fortspielen werden, schuldig machen müssen. Mau weiß es ja ganz gut, daß auch Schiller, G ö t h e, Fichte, Kant antisemitisch gedacht oder richtiger gefühlt Haben. Und gegen ein so mächtiges, im nationalen Triebe der europäischen Stämme begründetes Gefühl will unsere Presse mit ihrem Vertuschungs-Systeme aufkommen? Das Schlimmste an dieser Taktik ist aber.'daß sie unser Volk selbst entnervt und für eine radicale Selbsthilfe fühllos macht. (Dr. Leopold Zunz todt.) Am 17. März 1886 starb in Berlinder berühmte jüdische Gelehrte Dr. (Jomtow Lipmann) Leopold Z u n z. Derselbe ist am 10- August 1794 in Detmold geboren, war also bereits in das 92. Lebensjahr getreten. Zunz studirte Philosophie, war 1820—1822 Prediger in Berlin, später Director der Gemeindeschule ebendaselbst. Im Jahre 1835 ging ,er^alS Prediger nach Prag, wo er aber nicht lange verblieb,, sondern nach Berlin zurückkehrte; hier übernahm er die Directorstelle am Seminar, die er bis 1850 ' bekleidete. Seine schriftstellerische Thätigkeit, begann mit - seinem -20. Lebensjahre und bald < Schilf er sich durch seine berühmten, durch.sirhere