Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1886
- Issue
- Heft 7 (3.5.1886)
- Date
- 1886-05-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nach einmonatlicher Unterbrechung, die wir seinerzeit unfern geehrten Abonnenten durch Circüläre anzeigten, treten wir wieder vor unsere Leser. Wir hoffen, daß die geehrten Abonnenten mit der Formatveränderung unseres Blattes zufrieden sein werden. Die Red actio» der Zeitschrift „^eiBß-^txxaxtcipatiöxtl“. wie lange noch? Nur der Elasticität des jüdische» Naturells, der Lebhaftigkeit des jüdischen Temperamentes, dem Optimismus des jüdischen Wemüthes ist es zuzuschreiben, wenn unser Stamm nicht die ganze Schwere des beispiellosen, geschichtlichen Hohnes empfindet, der darin liegt, daß das Erinnerungsfest einer vor drei Jahrtausenden errungenen Freiheit — heute, mitten in den Tagen des nationalen Elends, heute, wo diese Freiheit uns schon längst nicht mehr beglückt, gefeiert werden soll! — Und doch gibt es wohl keine jüdische Seele, die diesen grausen Conträst ganz übersehen würde; namentlich, nachdem die Festzeit, in der wir bestrebt sind, die Gegenwart zu Gunsten der Vergangenheit zu vergessen, vorüber ist, nach dem unmittelbaren Uebergange aus den schönsten Verga'ngenheitsträumen ,in die häßliche Wirklichkeit von heute, kommen wir so recht zur Empfindung dieses grellen Gegensatzes und uiiserm geängstigten Herzen entringt sich der Ruf: „Wie lan g e no ch?" - Wie lange noch sollen wir gezwungen sein, die Sederabende mit der Lüge zu beginnen:;,AwatUm h a j i nn“ „Wir waren Knechte" da wir eS ja noch immerfi »d? Wie lange noch sollen sie währen, die'Zeiten unserer Erniedrigung? Wie länge noch soll uns, das dereinst so stolze mid stämmige Israel, L äkaiendenkart herabwürdigen,' Bedienten sin n besudeln, Dom e st i k e n b e ne hm e n entehren? Oder-kann; jemand leugne», daß dem so ist, will jemand behaupten, daß unser Volk' sich jetzt einer hohen Denkweise, eines männlichen Auftretens rühmen darf? Den wahren Freund erkennt man beim Tadeln. Wer also seinem Volke gut ist, der verhüllt ihm nicht seine Fehler, wer uneigennützig seine Nation liebt, der verführt sie nicht durch Schmeicheleien, sondern donnert ihr die Wahrheit in's Gesicht, ob er sich auch dadurch den allgemeinen Unwillen zuziehe. Und so sei es unerschrocken wiederholt: Die Rolle, welche der jüdische Stamm in unfern Tagen spielt, ist die Rolle eines Lakaien nnd so lange er diese Rolle fortspielen will, kann und wird er nichts anderes sein, als eine erbärmliche C a r r i c a t u r des großartigen alten Hebräervolkes. Angesichts dieser traurigen Sachlage aber wirft wieder jeher, der Angen hat, um unsere'Schmach zu"sehen,' die Frage auf: „Wie lange noch?" Die Antwort auf diese bange Frage ist nicht so schwer zu finden, als man vielleicht glauben könnte, sie lautet ganz einfach: >,So lange noch, als wir e S w o l l e n!" In uns selbst, und sonst nirgends, liegt die Kraft, unsere Knechtschaft in Freiheit zu verwandeln, aus der Tiefe unserer Entwürdigung auf die Höhe einer geachteten Existenz uns emporznschwingen. Der erste Schritt aber, um unserm entnervten Volke diese Kraft zu verleihen, der erste Schritt zur Selbsterlösung ist die Selbsterkenntniß. Und zwar Selbsterkenntniß nach allen Richtungen hin. So wie wir uns Mühe geben müssen, die hohe Begabung, die sittlichen Fähigkeiten, die unzerstörbare Lebensenergie unseres Volkes zu erkennen und zu würdigen, ebenso sollen wir beherzt und ohne Voreingenommenheit daran gehen, die leider eingeriffene geistige und sittliche Zerfahrenheit-und Verwahrlosung Israels, die ganze Versumpfung seines Volksthums einzrisehen und offen zu gestehen. Wenn wir auf diese Weise nach allen Seiten hin Selbsterkenntniß geübt habe», nerden wir in Wahrheit um eine Stufe höher gekommen sein und mit größerer Raschheit emporklimmen können. Oeffnen wir doch die Augen und sehen wir, daß wir eine Livräe tragen, die Livrse anderer Völker, welche umso schroffer und beleidigender uns begegnen, je mehr Bücklinge >vir vor ihnen machen, je mehr sie die niedrige Freude bemerken, welche rrns die g o l d e n e n Knöpfe unserer B e d i e n t e n r ö ck e verursachen. Als man uns die Emancipation gab, da hörte wohl die Sclaverei auf, aber der Knechtessinn blieb und weil man uns nicht knechten darf, so machen wir uns selbst zu den Domestiken Anderer. Wir merken eS vielleicht gar nicht, denn nach echter Bedientenart halten wir unsere Anmaßung für Freiheitsgefühl, unsere Aufdringlichkeit für Höflichkeit, unsere Schmeichelei für Liebenswürdigkeit, »nsern Flitter für Herrlichkeit, unsere Selbstgefälligkeit für Selbstbewußtsein, unsere Sinnezfreude für Lebensglttck. Deshalb opfern wir einem lächerlichen Phantome, einer natürlichen und geschichtlichen Unmöglichkeit unser Volksthum, deshalb ziehen wir es vor, die Zerrbilder von Deutschen, Slaven und Magyaren zu sein, statt wahre und ganze Juden, und nur Juden. Wir haben für diese seltsame Neigung, um unser Gewissen zu beruhigen, eine lendenlahme Entschuldigung gefunden. Es sind die Ideen des Fortschritts und des Freisinns, die wir mißbrauchen, um unserm häßlichen Beginnen einen gut klingenden Namen zu geben. Wo liegt der Fortschrit, der Assimilation, wenn sie noch nicht vermochtet aus unserem Volke den Schacher- und Trödelgeist, der ihm nicht eigen ist, sondern den das Exil ihm einimpfte, zu bannen? WaS nützt der Freisinn der Asiimilationspriester, wenn Gold ihr Götze und roher Materialismus ihre Religion ist? Also fort mit den Entnationalisirungsgelüsten aus unserem Volke, fort mit der Liebedienerei gegenüber den andern Nationen, fort mit dem Lakaienthum auS unserer Mitte und nicht lange werden wir fragen brauche» : „W i e l a n g e n o ch?" Nachum Nathan Agassi. (Lhronik. (Oesterreichisch.Jsraelitische Union ) Der unter diesem Namen vor einigen Monaten gegründete politische Verein hielt Samstag de» 24. April d. I. seine erste eonstituirende Generalversammlung ab, in welcherBanquicr Berg e r zum Präsidenten gewählt wurde. Rabbiner Dr. M. Güdemann hielt einen Vortrag über die „Bedeutuug der jüdischen Wissenschaften''. Die „Hebung des jüdischen StammesgefühleS", welche von den Gründern in's Programm ausgenommen wurde, ist aus den ausgearbeiteten Statuten wohlweislich ausgelassen worden, was gar nicht zu verwundern ist, da sich die Herre n auch bei der Generalversammlung als. „Deutsches erklärten, und Herr Dr. Güdemann sogar erzählte, er sei Mitglied des Deutschen Schulver- Die nächste Nummer erscheint am 17. Mai.