Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1886
- Issue
- Heft 6 (17.3.1886)
- Date
- 1886-03-17
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr 6 S e l b st - E m a n c i p a t i o$n J diesem nicht uuintereflanlen Schauspiel finden sich auch allerart Gesindel und Vagabunden ein. Dieser Abschaum der menschliche» Gesellschaft inscenirte nun letzhin eine recht artige Juvenhetze, deren Object vier zufällig anwesende polnische Inden abgcben mußten..— Die Wiener Antisemiten Hollomay und Mehringer waren Ende Februar bei ihren Gesinnungsgenosien in Berlin zu Besuche. Das war natürlich eine rührende Znsammcnkunfl. So erzählt wenigstens Mehringer im „öfterr. Bolksfreund." (In Triest) ereignete sich eine Begebenheit, die erzählt zu werden verdient: Im Jahre 1862 übcrtrat in Lug (Italien) eine jüdische Frau zum Christenthume und ließ gleichzeitig ihre beiden, im zartesten Alter befindlichen Kinder, ebenfalls taufen. Eines von diesen Kindern, Josef Bicini, lebt gegenwärtig in Triest, wo er als Journalist thätig ist. Derselbe, ein Mann von makellosem Charakter und von bedeutenden Kenntnissen, war während der letzten drei Jahre der eifrigste Besucher der Triester „Talmud Thora," wo man ihn für einen Juden hielt, und zählte zu den in den hebräischen Wisse,tschaften Bestwanderten. Bor Kurzem theilte nun Herr Bicini dem Rabbiner von .Triest mit, daß er Christ sei, daß er aber entschlossen sei, zur Religion seiner Väter zurückzukehren. Dies ist auch unter cnisprechender Feierlichkeit geschehen. Herr Bicini nahm gleichzeitig den Namen seines Vaters, der Del Bicini geheißen hat, wieder an. Die Sache macht in Triest, wo der neue Jude eine hervorragende gesellschaftliche Stellung einnimmt, bedeutendes Aufsehen. (Aus Rntzlaild.) Gegenwärtig ist vorr Seite» des Kriegsmiiiisterinms die stricte Weisung ergangen, fortan keine Studcnten jüdisch r Religion, ohne jedes Mal vorher einzuholende specirlle Genehnngung dieses Ministeriums, zu dem der Anstellung im Petersburger Militärbezirke vorhergehenden Coiieursexamen zuzulassen. Diese Borschiift wird durch den Umstand beg-ündet. daß die Zahl der jüdischen Aerzte im Petersburger Militärbezirke nicht 5 Pro» cent übersteigen solle. — Bon den wegen Rückführung e ner zur > ussischen Landeskirche übertretenen Jüdin zum väterlicdin mosaischen Glauben angeklagten acht Juden und drei Jüdiniun, wurden vom Kreisgerichte in Tschigirin sieben Personen zu achtjähriger und zwei zu fünfjähriger Zwangsarbeit in den sibirischen Bergwerken verurtheilt. Eine Angeklagte wurde freigesprochen. — Wie der „Odeßkij Wiestuik" meldet, wurden aus der Ortschaft Lazowa (Südrußland) fünfzig jüdische Familien ausgewiesen. Die Kürze des Termines (bis zum 1. April müssen die Alisgewiesenen Lazowa verlassen) hat unter den jüdischen Einwohnern dieser Ortschaft große Bestürzung hervorgerufen. Korrespondenzen. Lemberg. „Ojczyzna“ und „Agadas Achim!“ Wo sind die herrlichen Zeilen von ehedem?! Wohin ist der alte Glaube an Euer falsches Prophetenthum?! Wo sind die Hunderte und abermals Hunderte jüdischer Herzen, in die ihr das Gift des Bolksverraths stroniweise gegossen? Ist denn Alles vergänglich?! So mußte man unwillkürlich bei der vor wenigen Tagen stattgefundenen Jahresversammlung des charmanten, einst so hoffnungsvollen, nunmehr aus den Bettelstab gekommenen Vereines „Agudas Achim“ ausrufen. Denn gäbe ihm der galizische Landesausschuß nicht das angeschnorite Almosen (im Vorjahre st. 500, Heuer blos fl. 300), er wäre längst sammt seinen morschen Jrrlchrrn in Ascbe und Staub zerfallen! Nationales Judenthum, freue Dich! Du feierst glänzende Siege; wenn sich Dir auch das Gros unserer Stammesbrüder nicht sofort anschlicßt, so hast Du wenigstens das unsterbliche Verdienst, die Assimilation in ein erhebliches Wanken gebracht zu habe». Wer würde dies vor zwe Jahren, oder noch vor einem Jahre geglaubt haben, daß die gewöhnlich von Hunderten besuchte einzige Jahres- Versammlung des Vereines „Agudas Achim" Heuer blos 20 und etliche Jünger zählen wird! Und wie theilnamslos, wie still, wie geräuschlos ging die Generalversammlung vor sich! Als ob der Saal ein Friedhof wäre und einige Geister in mitter nächtlicher Stunde darüber hinweg huschen würden! Dies dr Verlauf der Sitzung: Das Oberhaupt begrüßt das winzige Häuflein und verkündet freudestrahlend die Unterstützung des LandesauSschusses. Hierauf wird zur Wahl der „Selig wacher" g. schritte». Gewählt wurden einige „Firmen" und der Rest rerrutirte sich aus „Arbeitsochsen", wie sich ein Mitarbeiter der „Ojczyzna“ selbst ausdrückte. Den letzten Punkt der Tagesordnung sollten Anträge und Interpellationen der Mitglieder bilden. Allein kein Mensch kümmerte sich darum, und Alles, schwieg gleichgiltig. Schon wollte der „K>ongrvßmarschall" den Reichstag schließen, als knapp vor Thorschluß m „Sapieha" sich erhob und Vorwürfe gegen die „höchste Oberleitung" wegen des passiven Verhaltens der „Ojczyzna“ und des „Agudas Achim4, gegen die immer wehr um sich greifende nationaljüdische Bewegung schleuderte! Diese Nationalen, sagt Redner, wagen es sogar unser Heiligstes, unsere„Ojczyzna“ in ihrem Blatte „Selbst-Emancipation!" zu beschimpfen! Hier citirt Redner als Beweis hiefür eine Stelle der Corrrspondeuz aus Lemberg an die „Selbst-Emancipation" (Nr. 16, Jahrgang I) worin gesagt wird, die „Ojzcyzna“ wäre bereits eine alte Jungfer und hätte keine Zähne mehr!!! Als Antwort hierauf erhielt vom „Regierungstische" der nach Blut dürstende Apostel: daß die jüdischnationale Idee gar keinen Anhang .habe und die ganze n ationale Bewegung sich blos auf sehr enge Kreise in Wien und Lemberg erstrecke. Angesichts des kläglichen Viertelhunderts „Agudiauer" eine recht unverfrorene Anwort! Nicht wahr?-^ —x.— Lrez Israel. (Eilt Triumph des Zions-Gedankens.) Als vor einigen Jahren die Judenhetzeu in Rußland die ganze civilisirte Welt in Erregung brachten, und namentlich die Juden aller Orts berathschlagten. wie den ruffischen und den ebenfalls sich mehrenden rumänischen Flüchtlingen geholfen werden könne, entstand der Gedanke der Colonisation Palästina's und mit ihm concurrirenv der Gedanke der Ansiedlung russischer Juden in Anierika. Es ist bei der merkwürdigen Manie unserer Stammcsgenossen, um Gottes Himmels- Willen nur nicht gefühlvoll und unpraktisch, pur nicht unmodern und altvaterisch zu erscheinen, kein Wunder, wenn der letztere Gedanke mehr Auklang fand. So entschied sich denn auch der Verein „Agudath Achim“ in London, an deffen Spitze die größten jüdischen Männer Englands stehen und der thatsächlich Vieles und Ersprießliches leistet, für Amerika und überging die eigentliche Palästina-Idee mit kühler Vornehmheit, obwohl er sonst recht viel Gutes im heiligen Lande stiftet. Diese Ansicht ging auch in der Folge auf die „Alliance Israelite“ über und es wurden M i l l i o n e n. d e m a m e r i k a n i s ch e n Colonisations-Spleen geopfert. Man kennt die Erfolge dieser grandiosen Amerika-Idee. Die rnffischen und rumänischen Jude» in Amerika sehen sich heute vor die Alternative gestellt, entweder nach Europa zurückzukehren (und wie selten erlauben ihnen dies ihre Mittel?) oder in der neuen Welt zu hausieren und zu schachern und zu darben, wie sie es in der alten Welt gewohnt waren - Alle Versuche mit amerikanisch-jüdischen Ackerbau-Colonien