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Selbst-Emancipation · 1886-03-17 · Heft 6 (17.3.1886) · p. Seite 3

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1886
Issue
Heft 6 (17.3.1886)
Date
1886-03-17
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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‘ Nr. 6 S e l b st - E m a n c i p a t i o n! Leiche der Esther Solymossy?" Der Abg. Dr. B loch beantwortete, anspielend ans die allgemein bekannte Geschichte aus der Krugei straße, die Frage in schlagfertiger Weise mit den Worten.: „Sie befindet sich in Ihrem Hause!" Die obenerwähnte Rede des Dr. H a a s e wird von allen Blättern verdientermaßen gewürdigt und grprieien. Jüdische Blätter aber sollten solche Vorgänge nicht in einer Weise mittheilen, die geeignet ist, das jüdische Volk in ein ungerechtfertigtes Gefühl der Sicherheit zu wiegen. Wer die einseitige Darstellung der Tagesblätter nnd der jüdischen Speeialpresse liest, muß an die Schwäche des Antisemitismus glauben. Wenn aber eiir jüdisches Specialblatt seinen Namen verdienen will, dann darf es nicht so Vorgehen, dann darf es unserem Volke die traurige Erkenntniß der Verdüsterung unserer Lage nicht vorenthalten, dann darf es unserem gebeugten Stamme iricht verschweigen, daß es der toleranten Männer wie Dr. Haase leider nur noch wenige gibt, daß schon ein großer Theil der liberalen Partei nur noch aus Opportunitätsgründen als Judeiisreuilde sich gerirt und daß überhaupt der dem Judenthum geneigte Liberalismus ein versinkendes Princip darstellt, während eine mit Antisemitismus durchrränkte Jugend das politische System kommender Tage repräjentirt.. (Die deutsch - nationalen Antisemiten nnd die Juden.) Die Affaire der Wiener akademischen Ortsgruppe ist von interessanten Nachspielen begleitet. Die antisemitischen Deutsch-Nationalen veranlassen immer neue Kundgebungen ihrer Gesinnung: Ritter v. Schönerer hat seine Stelle als Auffichtsralh des deutschen Schnlvereins niedergelegt. Die Ortsgruppen Asch und Mödling sprachen der Bereinsleitung in Wien die „tiefste Entrüstung" über die Auflösung der Wiener akademischen Ortsgruppe telegraphisch aus. Die Vereinsleitung hat ferner der FrauewOrtsgruppe im 9. Bezirke in Wien das gleiche Schicksal wie der akademischen Ortsgruppe in Aussicht gestellt, falls sie auf ihrem Standpunkte der N i ch ta u f n a h m e v o n I ü d i » n e n beharre. In der nun letzthin aus diesem Anlässe stattgesundenen Vollversammlung dieser Gruppe wurde die Centralleitung in unerhörter Großsprecher seiner Frömmigkeit. Er kennt offenbar die Worte Micha's: „die wahre Frömmigkeit bewahrt eine ehrfurchtsvolle Zurückhaltung". Wie gesagt, in einer Hinsicht kann Mordechai als Typus der Israeliten der Neuzeit gelten. Die Mildthätigkeit der Israeliten ist ja sprichwörtlich und wahrhaftig unerschöpflich : Wer kann ihren Patriotismus bestreiten? In Frankreich, England, Italien, Oesterreich, Türkei, kurzum überall zählt man die Juden zu den besten und ergebensten Unterthanen. Ueberall sind sie es auch, weiche die Partei des Freisinns vertreten. Es wird wohl Jedermann bekannt sein, daß ein Minister einst einen ehrwürdigen Rabbiner gefragt, „warum die Juden in allen Parlamenten ihre Plätze links einiiehmen", und von Letzterem folgende Antwort erhalten hat: „Weil die Juden keine Rechte haben". Diese Worte sind wohl geistreich, haben auch Vieles für sich, sind aber dennoch nicht berechtigt. Daß der Jude sich zumeist an den Ideen und Principien begeistert, die die linke Seite der Parlamente vertheidigt, hat nur seinen wirklichen Grund darin, weil er von jeher, unter dem Einflüße seiner Erziehung und Religion, für die Ideen der Toleranz und Brüderlichkeit, der Gerechtigkeit und Freiheit eingenommen ist. Ist aber auch wirklich der moderne Israelit gleichfalls so ein treuer und warmer Jude im wahrste» Sinne des Wortes wie Mordechai? Leider nicht! Gleichgiltigkeit gegen die väterliche Religion und Sitte und das nationale Interesse ist auf der Tagesordnung, wiewohl auch unseren Heutigen Stammes- und Glaubensgenossen ein gewisses Gefühl der Solidarität nicht abgesprochen werden kann. Lau Alexander. Weise angegriffen, so daß sich der anwesende Regier»,igs- Commissär in Folge tumultarischer Seenen veranlaßt sah, die Versammlung aufzulösen. Jedoch erlaubte er noch früher die Abstimmung über den von der Vereinsleitllng gestellten Antrag auf Auflösung der Ortsgruppe, welcher nun auch mit Stimmeneinhelligkeit angenommen wurde. — Bei dieser Gelegenheit dürfte es auch für unsere Leser nicht ohne Interesse sein, zu erfahren, wie die deutsch-nationalen Antisemiten, die nach ihren eigenen Worten „die Juden nicht als Glaubensgeiiossenschaft, sondern als Nation" bekämpfen, über die Lage des jüdischen Volkes denken. „ES ist unbillig," sagt Dr. Kummer in Graz in einer Rede, „uns wegen des Widerstandes gegen die jüdische Präponderanz als gehässig zu bezeichnen. Wir gebrauchen nur das Recht, welches der Nothftand gewährt und wünschen jenem unruhigen Volke den Frieden, den es seit nrdenklichen Zeiten nicht findet. Unsere Ueberzeugung aber geht dahin, daß es ihn nur dann finden wird, wen» es sich aus sich selbst zurückzieht." Müssen uns solche Worte erst — von Verächtern unseres Volkes zugerufen werden; würde es nicht stolzer und schöner gewesen sein, wenn wir in Selbstachtung dem Rathichlage zuvorgekommen wären, den dort die Verachtung dictirt? (Ein cnrioser Erlatz.) Das u -garische Unterrichtsministerium hat den merkwürdigen Erlaß an die Staats- Mittelschulen ergehen lassen, daß fortan nur Söhnen von Rabbinern oder solchen Schülern, die dem Rabbinate sich widmen wollen, gestattet werden soll, am Samstag nicht zu schreiben. Jedenfalls ist dieser Erlaß ein Gewissenszwangs wie er der Gleichberechtigung nicht entspricht, aber abgesehen davon, ist die Maßregel durch ihre seltsame Einschränkung noch lächerlich. Wie soll z. B. Jemand, der im zehnten Lebensjahre steht, Nachweisen, daß er Rabbiner werden will. . (50 Kreuzer-Magyaren.) Bekanntlich kann Jedermann, der beim kgl. ungarischen Ministerium des Innern ein mit einem 50 Kreuzer-Stempel versehenes Gesuch um Magyarisirung seines Familiennamens einreicht, ohne Umstände die betreffende Bewilligung erhalten. Den meisten Gebrauch von diesem Rechte machen natürlich unsere in Ungarn domicilirende» Stammesgenossen. So kamen einem amtlichen Ausweise nach, im Laufe des Jahres 1685 nicht weniger als 340 jüdische Familienväter um die erwähnte Erlaubnis zu Magyarisirung ihrer Namen ein. Unsere Assimilanten in der diesseitigen Reichshälfte beneiden natürlich die glücklichen „Ungarn" nicht wenig. Wie schön wäre es z. B., wenn so ein bedauernswerther „Kohn" um lumpige 50 Kreuzer sich nicht blos in Konody, > sondern auch in Kühn, Kaminsky und Kami nek umtaufen könnte. — Glückliche 50 Kreuzer-Magyaren! Es nützt Euch doch nicht, „denn es kann ein Spatz aus Erden niemals ein Stieglitz werden." (Autisemitisches.) Samstag den 20. März, Vormittags findet ein von Ritter v. Schönerer einberufener Deutscher Bauerntag in Wien statt. — In Rumänien wird eine nationale Freimaurerloge gegründet, in der Juden keine Aufnahme finden. — Der Wiener Reform- Antisemit Ernst Schneider wurde wegen Beleidigung einer Baucommission, welche die Abhaltung einer antisemitischen Versammlung im Leopoldstädter Panoramasaale wegen Feuer- und Gesundheitsgcfährlichkeit verbot, zu 30 Gulden Geldstrafe verurtheilt. — An der unlängst in Prerau erhobenen Blutbeschuldigung ist, einer amtlichen Kundmachung zufolge, kein wahres Wort. Das angebliche Opfer ist einfach nach Verübung einer Veruntreuung durchgegangen und wird steckbrieflich verfolgt; gegen die Ausfprengerin des Blutgerüchtes ist die strafgerichtliche Untersuchung eingeleitet. — In Wien wird täglich um die Mittagsstunde die Wache in der k. k. Hofburg unter klingendem Spiele abgelöst. Zu

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