Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1886
- Issue
- Heft 6 (17.3.1886)
- Date
- 1886-03-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3092672-3092783-3092789--0360-3093306- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 Nr. 6 Selbst-Em ancipation! '• Das „Ich will nicht!■' der Assimilanten ist soeines der zweiten Art. Es beruht nicht auf dem Willen, dem Andern und sich Gutes zu erweisen, sondern auf der trotzigen Absicht, den Andern zu ärgern, mag man auch selbst darüber zu Grunde gehen. Das „Ich will nicht!" der As.similanten ist nicht daS „Nein!" des Erwachse nen, es i st d as „Iu st!" des Kindes. Der „Muth" der Assimilanten ist nicht der Muth des Helden, der schönen Zielen seine Kraft weiht, sondern derjenige des Bettlers, der sich immer noch an die Thüre wagt, obwohl man ihn schon tausende Male davon zurückstieß. Dieser Muth ist kein Muth, sondern Zudringlichkeit. Wir ' Nationaljudcn aber danken unserem Schicksale, das uns nicht muthig werden ließ auf diese Weise. Wir sind glücklich, daß uns jene Wahrheitsliebe und Aufrichtigkeit, jene Kühnheit und jener Stolz, jene Kampfeslust und Siegbegierde beherrscht, welche die Assimilanten „Feigheit" zu nennen pflegen. Nachum Nathan Agassi. Ghronik. (Protest Ritter.) Der oberste Gerichtshof in Wien hat in seiner Sitzung vom 3. März die Eheleute Ritter mit Stimmeneinhrlli gleit (diese ist in vorliegendem Falle gesetzlich nothwendig) freigesprochrn und sofort das Landesgericht Krakau telegraphisch beauftragt, die Freigesprochenen, seit 10. März 1882, also volle 4 Jahre Jnhaftirten, freizulassen. Die geheime Sitzung des Cassa- , tionshofes, in welcher die Freisprechung erfolgte, - fand unter dem Vorsitze des zweiten Präsidenten Dr. v. Stremayr statt. Der Vertreter der General-Procuratur, Hofrath Simonowicz, beantragte die Freisprechung der Angeklagten, indem erinsbesondere aüsdie zahlreichen wesentlichenWidersprüche in den Aussagen der Belastungszeugen hinwies. Schon in der Cassations-Verhandlung, in welcher über die Nichtigkeits- Beschwerde gegen die zweite Verurtheilung entschiede» wurde, hatte Hofrath Simonowicz den Antrag auf ein freisprechendes Erkenntniß gestellt, damals entschied jedoch Mordechai. Ein Charakterbild. Mordechai ist der Typus eines Juden im Exil, wie ■; er immer sein sollte und nur selten ist. Vor allem finden l wir diejenigen schönen Eigenschaften, deren Existenz wir , zu unserem Tröste auch allgemein bei unseren zeitgenössischen Israeliten, die ja so viel der Mängel besitzen, wahrnchmen, in weit höherem Grade bei diesem großen Juden der ersten Gefangenschaft. Mordechai ist erstens warmer und aufrichtiger Patriot. Seinem Adoptivvaterlande und besten Herrscher ist er bis zum letzten Blutstropfen ergeben. Befindet er sich nicht in der größten Lebensgefahr, wie er dem Monarchen die Meuchelmörder anzeigt, die nach dessen Leben trachten, und durch ihr Verbrechen zugleich die Ordnung des Landes zu verwirren die Absicht haben? Wird er nicht durch seinen Eifer für das Wohl des Landes in seinen hohen Aemtern» die er nach dem Falle Hamans bekleidet, so populär? Gewinnt er nicht etwa deshalb die Liebe und Achtung. der Gesammtbevölkerung, weil er sowohl für das Wohlergehen seiner eigenen Nation, als auch der anderen Völker seines Adoptivvaterlandes mit allen Kräften arbeitet? Sein Patriotismus jedoch gestattet keine Erniedrigung und schließt die männliche Selbstständigkeit nicht aus. Er wünscht, daß das Land im ruhigen und blühenden Zustande sich befinde, aber er will auch, daß Gerechtigkeit und Humanität darin herrschen, daß die vornehmsten Aemter nicht unwürdigen Männern, nicht Männern ohne Sittlichkeit anvertraut werden. Diese Denkart war es auch, die ihm verbot, dem der Castationshost daß zum zweitenmale eine neue Verhandlung angeordnet werde. So ist denn der Gerechtigkeit Genüge geschehen. Mit knapper Noth sind, die BedäuernSwerthen dem Schicksale entgangen, Opfer eines Justizmordes zu werden. Angesichts des in der Bevölkerung waltenden Judenhasses ist es noch ein Glück, daß es einen obersten Gerichtshof gibt. — Die Familie Ritter steht jetzt ganz hilflos da, denn sie hat ihr ganzes Vermögen durch die lange Haft verloren. Es ist natürlich Sache der Stammes- und Glaubensgenossen, diesen Märtyrern unseres Volksthums helfend zur Seite zu stehen. Möge sich nicht jenes Schauspiel wiederholen, das sich gegenüber den Märtyrern von Tisza-Eszlar abspielte. Man weiß es ja allgemein, wie wenig damals trotz der Maulmacherei unserer Assimilationsgeneräle für diese Märtyrer geschah und wie so manche Gemeinde herzlos die Armen aus erbärmlicher Furcht sür das eigene Ich zurückwies. (Die Börsettstener-Debatte.) Der deutsch-nationale Antisemir Türk hat nn Parlamente den Antrag auf Einführung der Börsensteuer gebracht. Die Antisemiten verstanden es, der am 5. März darüber sich entspinnenden Debatte den Stempel des Antisemitismus aufzudrücken. Der Antragsteller selbst und Dr. P a t t a i empfahlen die Börsensteuer vom antisemitischen Standpunkte, was den liberalen Abgeordneten, Dr. H a a s e, einen protestantischen Geistlichen, der selbst für die Einführung einer Börsensteuer ist, veranlaßte, gegen die antisemitische Begründung des Antrags Front zu machen und bei dieser Gelegenheit ein verdammendes Urthcil über den Antisemitismus selbst auszusprechen. Die mit tiefem Gefühle vorgetcagene Rede wurde von der linken Seite des Hauses beifällig ausgenommen und durch sie hat sich der Redner ein Anrecht auf die unbedingte Dankbarkeit der Juden erworben. Der Abgeordnete Ritter v. S ch ö n e r e r, der ja so sehr auf den nichtconfessionellcn -"Charakter seines Antisemitismus pocht und so stolz ist, Antisemit blos aus deutsch-nationaler Gesinnung zu sein, cntblödete sich nicht, den Abgeordneten Dr. Haase, der auch auf die Blutbeschuldigung zu sprechen kam, mit den Worten zu unlerbrechen: „Wo ist denn d ie stolzen Höfling Haman zu huldigen. Kurz Patriotismus und Freisinn sind Hauptzüge im Wesen Mordechai. Was ihn ferner auszeichnet und ihn ebenfalls unseren modernen Juden zum Typus werden läßt, ist seine eifrige Wohlthätigkeit, wofür uns die Megillah zwei ansehnliche Beispiele liefert. Zuerst nimmt er an Kindesstatt eine Waise auf, pflegt sie mit der größten Sorgfalt und macht sie einer Köniqskrone werth durch Veredelung ihres Charakters und ihrer Sitten, ehe sie noch wirklich Königin wird. Als er später ein Befreiungsfest zur Erinnerung an die Erlösung seiner Stammes- und Glaubensgenossen vom entsetzlichen Geschick, das sie zu treffen gedroht hatte, veranstaltet, ordnet er speciell eine große Spendenvertheilung für Arme an. Das große Fest ist eben nur für Mordechai da, um Gutes zu thun, um Almosen zu geben, um die Rothleidenden ebenso zu erfreuen, wie Verwandte, Freunde und Nachbarn. Was aber unseren Helden aus der ersten Golus-Zeit von den heutigen Golus-Juden ihrer Mehrzahl nach wohlthuend unterscheidet, ist seine Liebe zu dem Stamme und der Religion, denen er angehört. Er ist stets besorgt um das Wohl seiner Brüder und empfindlich für alle ihre Leiden. Sowie er von den Uebeln erfährt, die seine Conuationalen bedrohen, genirt er sich nicht, die Straßen der Hauptstadt in einem Büßerhemde und mit Asche auf dem Haupte zu durcheilen. Als überzeugter Monotheist, spricht er selten den Namen Gottes aus; aber, wenn er auch nicht oft von Gott spricht, so denkt er doch stets an ihn und richtet alle seine Handlungen nach dem Willen und den Gesetzen des Allmächtigen ein, Er ist fromm, aber kein I