Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1886
- Issue
- Heft 5 (2.3.1886)
- Date
- 1886-03-02
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite JO S e l b st - E in a n c i p a t i o n! Nr. 5 Literarisches. Zur Judeufrage, nach den Acten des Procestes Rohling-Bloch von Dr. Josef Kopp, Hos- und Gerichtsadvocat, Abgeordneter des n.-ö. Landtages und des österr. Reichsraths, Leipzig, Verlag von Julius Klinkhardt 1886. — Wir haben bereits in voriger Nummer die Mittheilung von der Herausgabe dieses Aufsehen machenden Buches gebracht, wobei wir versprachen, noch darauf zninckzukommen. Der Verfasser beweist, gestützt auf das Zeugniß der Sachverständigen, welche unter Intervention des k. k. Wiener Landesgerichtes hunderte von hebräischen und anderssprachigen Texten übersetzten und prüften, daß eine jede der von Rohling erhobenen Anklagen entweder auf einfacher Textfälschung und tendenziöser Sinnverdrehung oder auf Unwissenheit beruhe. Dr. Kopp theilt das Buch in zivei Abschnitte, in „Beweis der Wahrheit durch nichthebräische Texte" und „Beweis der Wahrhit durch hebräische Texte". Die Methode, welche der Verfasser befolgt ist die: Er weist zu allererst nach, daß ein gewisses Citat gefälscht, erdichtet oder entstellt sei, findet sodann, daß für gewisse uns in unseren Verhältnissen immerhin als solche erscheinende Härten irgend eines Paragraphen in den Zeitumständen seiner Entstehung die natürliche Berechtigung liege und weist schließlich darauf hin. daß in christlichen Schriften eben so scharfe Stellen zu staden sind, als in den jüdischen, ohne daß es jemandem emfiele, sie zu beanständen, ja, daß sogar Gesetze, welche die christliche Praxis schuf, in Wirklichkeit unentschuldbar sind. — Dr. Kopp hat sich durch seine Schrift ein Anrechts ans den Dank des jüdischen Stammes erworben, denn die Stimme eines katholischen Mannesvon der-Stellung ,und Bedeutung des Verfassers wild gewiß, nicht wirkungslos verhallen; so mancher, der - die'Blutfabel u. dgst / geglaubt, ‘ wird von diesen . schändliche»-"Lügen«? ein für alle-.Male' nichts mehr wissen wollen. Wenn man nämlich die dem' jüdischen Stamme vonden Antisemiten, gemachten Vorwürfe betrachtet, so kann man ganz' deutlich zwei -große! Gruppen in derselben unterscheiden. "Die einen sind der- ■ artige, daß sie de» Juden sociale und sittliche Mängel einfacherer Art zuschreiben, die andern aber sprechen von un-; gdheuerlichen, jedes Maß. des Lasters übersteigenden Scheußlichkeiten. Die ersteren trägen zümeist ein nationAes/ die letzteren größtenthcils ein' religiöses-'Gepräge. Mit den' ersteren beschäftigt sich Dr. Kopp gar nicht, blos mit den letzteren. Wenn er dabei von ^,zu den religiösen Motiven hinzugekommenen anderen Ursachen der Judenverfolgungen" spricht, so stnden wir das zwar nicht richtig, weil wir, überhaupt und namentlich' in 'der Neuzeit' keine religiösen Motive des Judenhasses anerkennen, ' sondern' blos religiös e A e u ß e ru n g e n des in n at i o na l-s o c i a l e n Gründen wurzelnden Judenhasses, — doch hat diese Ansicht auf den eigentlich, richtig verfolgten "und dahcr auch erreichten Zweck der Broch'üre keinen "Einfluß. Die dem jüdischen Stamme angedichteten religionsgesetzlichen Barbareien, wie der Kannibalismusdes Jungfrauenopfers und des erlaubten Christenmordes, der gestattete Meineid ui s. w. sind von Dr. Kopp in glänzender Weise als das gezeichnet, was sie wirklich sind, als die Ausgeburten haßerfüllter gewiffenloser Köpfe. Leider wirken solche Schriften nicht auf's Volk, das sie nicht versteht oder nicht verstehen ustll und daher bei den ihm beigebrachlen Ammenmärchen uiid seinem Judenhaß verbleibt, während der Gebildete, der über die>e entsetzlichen Verleumdungen so denken lernt wie Dr. Kopp, oder vielleicht schon längst so gedacht hat, auch ohne diese Antisemit sein kann, — wie ja d r vom Verfasser angeführte Sachverständige Prof. Dr. Weihrich rrotz seines anti-rohlingianischen Gutachtens in demselben, keine sehr judenfreundliche Gesinnung verräth. —--- („Hajom.") Dieses Blatt hätte schon am 1. (13.) Januar zu erscheinen beginnen sollen. Doch Verzögerte sich die Herausgabe bis 31. Januar (12. Februar), an welchem Tage es nun thatsächlich in St. Petersburg zu erscheinen anfing. Selbstverständlich begrüßen wir die e r st e hebräische Tageszeitung mit den wärmsten Sympathien, umsomehr, als die uns vorliegenden, bis jetzt erschienenen Nummern zu stolzen Hoffiiungen berechtigen. Ist auch idieTendenz, wie wir leider ersehen mußten, nicht die ungetrübt nationale und hat stch auch die Redaction durch das Gebelfer der von uns in unserer vorletzten Nummer erwähnten und gekennzeichneten „Selbstverständlich-Nativ - nalen" („Anti-I'nmürn") ein wenig beirren lasten, so müssen wir doch mit Vergnügen verzeichnen, daß der, „Hajom" die Idee der Einheit und Einigkeit des jüdischen Volkes zu seiner leitenden Idee gemacht hat und außerdem recht warm für den Gedanken der Colonisation Palästinas eintritt. „Wir sind wie Fremde geworden. Einer in den Augen des Andern", sagt das neue Blatt in seinem erste» Leitartikel „statt> daß wir Brüder sein sollten, Brüder als Söhne eines Volkes und Brüder durch gemeinsames Leid." An einer anderen Stelle dieses Artikels heißt es wieder: „Sie ist doch kein leerer Wahn, die Liebe des ganzen Volkes zu seinem mm schon seit zwei Jahrtausenden vei-lassenen Lande; warum wollt Ihr also die Hände der Männer lähmen, welche von - ihrem Gelds Hergebell, um es aufzurichten aus seinen Trümmern, um aufzubauen seine Ruinen — zum Heile tausender von Söhnen unseres Volkes» die hier in unseren Wohnsttzen Beschäftigung snchcn, ohne sie zn finden." Der „Hajom“ zeichnet sich auch durch gutes Hebräisch, durch prompte Mil'.heilüng der politischen Tagesereignisse, durch gefällige, äußere Form und durch den billigen Preis (jährlich j in Rnßländ 10 Rubel, im Ausland 16 Rubel) aus. -> . , ' " M i senkten. (Die Juden in Jemen ) Im 32. Bande der „Mittheilungen Dr. A. Petermann's und Justus Perthes' Geographischer Anstalt" wird aus dem Tagebuchs des Forschungsr eisenden Eduard Glaser eine Reisebcschrribnng ans Jemen (Südarabien), „von Hodeida nach San'L vom 24. April bis 1. Mai 1885" veröffentlicht; das in dersetben von den Berhältnisten der dortigen Juden Handelnde soll im Folgenden hier wiedergegeben wecoen: - „Vermischt mit den JsmL' iligia und. den Tujüd kommen auch zahlreich: Judxn vor, und-zwar in SaffLn, MenLkha, in den Dörfern bei MenLkha, dann ganz besonders in Sän'L! Entgegengesetzt' ihren abessinischen Brüdern tragen sie an keinem Püiicte des Landes Waffen und werden allen Demüthigungen seitens der Araber ausgesetzt. Ebenso wie die Sabäer und Himjaren seit den ältesten Zeiten nach Norden ausgriffen und dort Colonien anlegte», habe» auch die alten Jude» ihr Augenmerk nach Außen, speciell nach Süden, gewendet, wo sie befreundete Königreiche wußten. Es scheint durchaus keine Fabel zu fein, daß zahlreiche Juden auf dem großen Handclswege im Innern der arabischen Halbinsel schon zur Zeit Salomo's bis nach dem Jemen vordrangen, immer in Verbindung mit den ihnen befreundeten Sabäern und sich gegenseitig unterstützend. Die ersten jüdischen Einwanderer, allerdings in unbedeutender Zahl, dürsten also vielleicht schon zur Zeit Salomo's, das Gros jedoch gewiß nicht viel vor ' 1200 Jahren, in's Land gekommen sein- Vielleicht sind sie gerade den ChassLniden nach dem Jemen nachgcfolgt. In den himjarischen Inschriften, die doch bis zum dritten oder vierten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung hinauf- -reichen, finden sich die Juden ebenso wenig erwähnt,- wie in den älteren sabäischen Jnscriptionen. Sie scheinen nur yerauvvrvr»-