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Selbst-Emancipation · 1886-03-02 · Heft 5 (2.3.1886) · p. Seite 5

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1886
Issue
Heft 5 (2.3.1886)
Date
1886-03-02
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 5 Selbst - E wo »r i p a t i on! Seite 5 auch der Eine oder Andere, nachdem er sich eine Zeit lang hat pflegen lassen, abtrünnig wird; zuweilen geschieht das auf Verlangen der Anverwandten, mitunter auch aus freien Stücken. Augenblicklich sollen sich sieben Neophyten im „Heim" besindeu, .von denen kürzlich einer dir Taufe empfing. Die Anstalt beschäftigt ihre Zöglinge mit der Anfertigung von Bürsteuwaaren, deren Vertrieb sie auch durch dieselben besorgen läßt. Sie geht mit dem Plane um, ein zweites „Heim" in dem in der Nähe befindlichen Wandsbeck Herrichten;u lassen und solches in der elegantesten Weise auszustatten. (Phtlofiunismns.) Die in Wien erscheinende „Neuzeit", ein jüdisches Wochenblatt, welches man das officielle Organ der Wiener Cultusgemeiude nennen kann, bringt in seiner vorletzten Nummer einen Leitartikel unter obigem Titel. Darin wird auf das Vorgehen der Finnen hingewiesen, welch; eine Massenpetition an den finnischen Landtag um Einführung der Gleichberechtigung der Juden vorbereiten und cs wird im Anschluß an diese Mittheilung an die Juden die Aufforderung gerichtet, fürderhin nicht blos den Ariern und Semiten, sondern auch der finnischen Race (Finnen. Türken, Magyaren, welche beide letzteren ja auch judenfrenndlich. seien) Aufmerksamkeit.. zu schenken, die Sprachen der finnischen Volksstämme zum Gegenstand des Studiums zu machen, nicht blos die „brutalen Laute" der Aiier, überhaupt sich als Philofinnen (Finnenfreunde) zu erklären. — Wozu diese Spielerei taugen soll, kann uns nicht einleuchten. Ist die finnische Race wirklich toleranter also sittlicher höher stehend, als die arisch:., nun dann wird sie im Bewußtsein ihres höheren Werth'es Befriedigung finden und braucht die Freundschaft eines ohnmächtigen, selbst schutzbedürftigen "Stammes nicht, die Arier aber (Deutschen, Slaven, Romanen), unter denen doch die meisten Juden wohnen, kann eine solchedemonstrative Hintansetzung nur aufrrizen. Sollte, man diesen. Herren „Phllofinncn" die Zumüthung machen, Philhebräer..im Sinne des-Nationaljud-mthums zu sein, dann, würden. sie sicherlich die Hände über den Kopf zusämmenschlagen und vor einer „Aufregung der arischen Stämme" warnen; wenn es sich aber darum handelt, eine eitle Grille zu hqben und den „Philofinnismüs" in's Leben zu rufen, dann verlohnt es sich auch, die „ruhige Stimmung" der Arier zu riskiren. — Uebrigens gibt es in Finnland eine rührige antisemitische Agitation, die sich ans ein noch aus der Zeit der Schwedenherrschaft datirendes Gesetz beruft, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, daß in Schweden selbst schon längst die Gleichberechtigung der Glaubensbekenntnisse anerkannt ist. (Aus Rumänien.) Die Regierung hat der Kammer einen Gesetzentwurf vorgelegt, wonach die Fabrikation der Spirituosen, der Lichter und Spielkarten monopolisirt werden soll. Durch dieses beabsichtigte Monopol sind namentlich viele Juden, die einen großen Theil dieser Maaren fabricire», in ihrer Existenz bedroht. Bratiano trachtet immer mehr darnach, seinen vor Jahren gethanen Ausspruch : „Dian muß den Juden nach und nach alle Exist-n;- mittel entziehen, so verlassen sie freiwillig das Land" in Erfüllung zu bringen. — Und die Colonisationsvereine schlafen noch immer! (Ans Kischinew) bringen die Tagesblätter die Meldung :^„Jn dem Processe gegen die jüdische Räuberbande, welche einen katholischen Priester in Bieltzj beraubt und der Polizei bewaffneten Widerstand geleistet hatte, verurtheilte das. Kriegsgericht drei der Angeklagten zum Tode, und drei z>l je fünfzehnjähriger Zwangsarbeit." — Wie nun der „R. Jüd. Pester Zkg." aus Kischinew. direct gemeldetwird, gehören die-Räuber zu der bekannten von.dem Renegaten Josef R a b b i n v w i tzgegründeten „jüdisch-christlichen". (In Odessa) haben die jüdischen Arbeiter eine neue Bibliothek von hebräischen Werken gegründet, welche es in kurzer Zeit bereits auf 1500 Bände gebracht hat. (Strenges Nrtheil.) In Nowosibkow (Rußland) hatte ein angesehener Jude von 71 Jahren bei einer Beschneidungsfeier, berauscht vom Weine, einige Worte gegen christliche Gebräuche geäußert, was zwei Nichtjuden, die die Aeußerungen gehört, zur Anzeige brachten. Derselbe wurde daraufhin vor das Schwurgericht gestellt, wo im vorigen Monate die Verhandlung stattgefunden. Obgleich der Staatsanwalt selbst die Strafbarkeit des Angeklagten bezweifelte, weil dieser sich in berauscht e m Zustande befunden, wurde derselbe doch von den Geschworenen verurtheilt, und zwar zu lebenslänglicherVerbannung nachSibi rien. Das Richter-' collegium konnte sich jedoch bei diesem Urtheile nicht beruhigen und reichte deshalb ein Gnadengesuch, die Strafe auf 1 Jahr Gefängniß zu ermedrigen, beim Kaiser ein. Bis zu dessen Entscheidung bleibt der Verurtheilte im Gefängniß. (Freimuth eines jüdischen Mädchens.) Der „Hamelitz“ bringt in seiner letzten Nummer eine interessante Mittheilung aus Odessa: Im dortigen Mädchen-Gymnasium erhielten die Schülerinnen der sechsten Classe über die Ferienzeit eine Stilaufgabe „Weihnachten und Neujahr". Eine der Schülerinnen schrieb mm Folgendes (ans dem Nuffischen übersetzt): „Ueber jene Juden, welche in ihren Häusern am heiligen Abend einen Weihnachisbaum aufstellen." „Den Weihnacktsbaum stellen die Christen, prächtig, im Lichter-; glanze, mit allerlei Zierrarhen und Kostbarkeiten auf, um dadurch ini Herze» der Kinder die Erinnerung an die E r l ö s u n g einzupflanzen. welche ihren Ahnen in dieser Nackt zu Theil wurde. Wie > weil aber diese Erlösung die Herzen der Inden berührt, bezeugt i nicht nur die Geschichte des Mittelalters mit seiner Inquisition,! seinen Verfolgungen und Vertreibungen, seinen Blut- und Freveli thaten, sonder» auch das Leben, des jüdischen Volkes unter den l Nationen in den verschiedenen Ländern durch die in unserer Zeit täglich vor unseren Augen sich ereignenden Vorfälle -4 warum also j die Feier der Juden unter den Völkern in dieser Nacht? Können diese Feierlichkeiten und diese Ceremonien mit dem Sinne eines Juden sich vertragen, der besorgt ist um die Ehre seines Volkes und der sich selber ehrt? Ist das nicht das Vorgehen eines Schmeichlers, ist das nicht ein Zeichen der Lakaiendenkart, welches sich diese zu ihrer Schande und Schmach auf die Stirne drücke». — ei» ecketerregendes Brandmal, welches auch charaktervolle und die Schmeichelei verachtende Christen mir Abscheu erfüllt. In jeder Beziehung ist dieses Vorgehen eine Taktlosigkeit, welche nur Schimpf und Schande einbringt." „Auch die Juden geben ihr Festmahl in der Pessachnacht — kür ihre Kinder, „m i„ den Herze» derselben die Erinnerung au.den Auszug aus Egypten zu wecken und da hat der Vater auf alle die Fragen der Ki»der nur die eine geflügelte Antwort: „Knechte waren wir!" Diese Antwort kann mit einer Aenderuug auch in unserem Falle angewen et werden und auf die Frage der Kinoer: ' „2Ba« finD das für Ceremonien, die ihr da habt?" braucht nur erwidert zu werden: „Knechte (l-jaksi — Lakeien) sind wir...." „Doch zur Ehre des jüdischen Volkes sei es gejagt, daß eS nur wenige solche ehr- und gesühllose Leute in unserer Mitte gibt und diese sind jung an Jahren und gering an Zahl."; Der Lehrer, der offenbar zu denjenigen Christen gehört, von denen das Mädchen in seiner Aufgabe spricht, tobte die Schülerin für dieselbe vor allen Colleginne» und claffificirte die Arbeit, in günstiger W.lse. (Sabbathruhe.) Nachdem ein Theil der amerikanischen Reformrabbiner in Pittsburg die Verlegung des Sabbath auf den Sonntag decretirt hat, führte die dadurch unter den jüdischeren Juden hervorgerufene Aufregung in der Stadt Wooowill zn dem onrch den Rabbiner Henry Kohn angeregten Beschlüsse seitens der dortigen Kaufleute, chon nu» an ihre Geschäfte am Samstag geschloffen zu halten, trotzdem der Wochenmarkt in dieser Stadt gerade an diesem Tage abgehalten wird. (Ans Marokko) kommen sehr düstere Nachrichten. Die Lage der Juden verschlechtert sich mit jedem Tage, .da der Sultan die alten Judengesetze erneuert, so z. B. -dasjenige, weiches die Juden zwingt, barfüßig, zn gehen.

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