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Selbst-Emancipation · 1886-03-02 · Heft 5 (2.3.1886) · p. Seite 3

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1886
Issue
Heft 5 (2.3.1886)
Date
1886-03-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 5 Selbst - E man cipation! Seite 3 halb der Staaten. Die wahre» N a t i o n a l j u de » sind eher eine social-nationale als eine politische Partei zu nennen; sie haben nichtdenEhrgeiz, dirpolitischrLageOesterreichs oder anderer Staaten in irgend einer b e st i in m t e n R i ch t u n g z u b e e i n f l u ß e n; in politischer Beziehung mit den anderen Völkern gehend, und den verschiederrsten politischen Lagern an gehörend, einigt s i e blos das nationale Endziel derSchafsung eines örtlichen Mittelpunktes für das jüdische Volk und die socialeAufgabe, einen jüdischen Ackerbau st and zu erziehen. Es wird gewiß auch die Zeit komme», wo die im Entstehen begriffene „Politische jüdische Partei", die ja doch ein wesentlicher Schritt zur Wahrheit ist, di'sen letzten noch unerkannten Fehler erkennen und nach seiner Beseitigung in Wahrheit jüdisch-national werden wird. Uebrigens ist es eine erbärmliche Verdächtigung von Seiten des antisemitischen Blattes, der neuen politischen Partei vorzuwersen, sie wolle „der einheimischen christlichen Bevölkerung die Zähne weisen." Jedenfalls will doch diese Partei nur oefensiv gegen den überhand nehmenden Antisemitismus auftreten. (Ein Sensalionsprocetz.) In de: Zeit vom 4. bis 16. Februar fand vor dein Schwurgerichte in Znaim (Mähren) ein Proceß statt, der bei Weitem nicht das Aufsehen hervorgerufen hätte, welches er thatsächlich hervorrief, wenn nicht im Laufe der Verhandlung Vorfälle sich ereignet hätten, die an die Tisza-Eszlarer Vorgänge lebhaft erinnerten: Der Pferdehändler Heinrich Herzog (Jude) und der Lederhändler Philipp Weiniger (Jude) aus Mislitz hatten den Bürgermeister Franz Lutz beschuldigt, daß er dem Ersteren die Rippen gebrochen habe und war auch wirklich Lutz am 26. Juli 1884 verurtheilt worden; dem Verurtheilten gelang es aber, ein Gutachten ' der Wiener medicinischen Facultät. wobei Professor Dr. I. K u n d r a t als Referent sungirte, zu erwirken, welches sich im Gegensätze zu vier vor- Gericht vernommenen praktischen Aerzten dahin aussprach, daß die fraglichen Rippenbrüche keine frischen, sondern schon vor Jahren durch einen Pferdehufschlag erlittene seien. In Folge dessen wurde gegen Herzog und Reiniger die Anklage wegen Verleumdung und falschen Zeugnisses, gegen letzteren (einen notorischen, überaus gehaßten Wucherer) überdies wegen Widersetzlichkeit eingeleitet. Die Vertheidiger der beiden Angeklagten, die Herren Dr. Elb ogen und Dr. N e u d ä aus Wien beleuchteten den geringen Werth des Facüllätgutachtens, das nicht auf unmittelbarer Wahrnehmung beruhe, sondern wie sich Dr. Elbogen ausdrückte, auf „lückenhaftem, unvollständigem, zudem durch die persönlichen Eindrücke des Untersuchungsrichters verwischtem, einseitig dargestelltem Material." Herr Dr. Elbogen schloß mit den Worten: „Die vollste, uneingeschränkte Schuldlosigkeit dieses arme» Mannes ist meine tiefste, innerste Ueberzeugung. So wahr mir Gott helfe!" —' Sein charakteristisches Gepräge erhielt aber dieser Proceß durch das Vorgehen des Präsidenten O. L.-G.-R. S mu t n y, welcher sich darin gefiel, den jüdischen Jargon spöttisch zu i m i t i r e n. „A i w a i h, a i w a i h," ließ sich der Herr Präsident vernehmen, oder „Eppes e so i, ün eppes esoi, üneppes n i s ch t." Ein anderes Mal wieder fertigte der Herr Präsident den (jüdischen) Vertheidiger Dr. Elbogen mit den Worten ab: „Reden's meinetwegen bis morgen Früh". Man sieht, welcher gewählten Ausdrucksweise ein österreichischer Oberlandesgerichtsrath sich befleißen kann. — Der Proceß schloß mit der Bejahung der Schuldfragen Seitens der Geschwornen (8 Stimmen gegen 4) und mit der Verurtheilung des Angeklagten Herzog, eines gut beleumundeten Mannes, zu v i e r I a h r e n s ch w e r e n K e r k e r s, neschärft mit eine», Fasttage iu jedem Monate und de» Angeklagten Weiniger zu fünf Jahren schweren Kerkers mit derselbe» Verschärfung. — Der öffentliche Ankläger, St.-A.-S. Stöhr, dankte den Geschwornen, daß sie „durch ihr Verbiet dem Rechte zum Siege verhalfen" und hatte sogar zehn- bis zwanzigjährige Kerkerstrafe beantragt. — Daß die Vertheidiger sofort die Nichtigkeitsbeschwerde anmeldeten, ist selbstverständlich. — Dieser Proceß hat zur Folge gehabt, daß eine Anzahl Wiener Bürger durch den Reichsraths-Abgeord- ' neten Dr. Bloch eine Petition an den Justizminister, überreichte, worin um eine Untersuchung der im Znaimer^ Verleumdungsprocesse vorgefallenen Unzukömmlichkeiten er- - sucht wird. Der Justizminister erklärte, bereits Schritte ' gethan zu hoben. (Jüdischer Czechenthnm.) Wie der „Israel. Gmd.?" Ztg." aus Dresden gemeldet wiro, ist daselbst am Tage der b. Dreikönige der Redactenr der „Politik", des bekannken in Prag in deutscher Sprache erscheinenden Czechen« Blattes, Herr Ignaz Schick sammt Familie znr römischkatholischen Kirche übertreten. Welche Dienste übrigens der „junge" Katholik noch als Jllde seit Jahren den Juden erwiesen hat, ist männiglich bekannt. Die schärfsten Ang^An dieses Journals gegen die Juden, waren zumeist di edlen Manne zu danken, der noch vor kaum drei Jaichte^ in den Verband der hiesigen israel. Bcerdigungs-B‘"emsmschaft getreten, dem koscheren Bankett in derselben^. Wie wohnt hat und noch heute als Spender einer Sill, bezeugt von 100 fl. auf einer im Saale dieser Brüderschafuwüsition. brachten Tafel prangt. Herr Schick, der, insolange den Titel „Chef-Redactcur" führte, Feuillctonist der „Politik" war und in seinen Arbeiten seine Stammesgenossen mit der ätzenden Lauge des Spottes übergoß, noch bevor es das Schlagwort „Antisemitismus" gab, hat im Judcnhasse nicht Unbedeutendes geleistet, so daß er nicht selten von seinen liberaler denkenden christlichen College», welche diesen unnatürlichen Vorgang anstaunten, schief angesehen wurde. Heute, wo dieser Herr in den Schoß der katholischen Kirche ringekehrt ist, hat er auch nach dieser Richtung freieren Spielraum gewonnen, um auf die Juden recht loszuhauen. —■ Herr Schick ist eben so ein Prototyp des assimilatorischen Journalismus; dieser „Czeche" hat übrigens seines-"" gleichen unter den „Deutschen", „Polen", „Magyaren" und „Russen" jüdischer Race. (Jüdisch-theologische Anstalt iu Brünn.) Das Unterrichtsministerium yat genehmigt, daß in Brünn eine israelitisch-theologische Anstalt errichtet werde. Die Anregung hiezu ist vom mährischen Landesrabbinat auSgegangen, welches auch von dem Unterrichtsministerium aufgefordert wurde, das Errichtungsstatut, sowie einen Lehrplan vorzukegcn. - (Herr Dr. Gustav Karpeles) hielt auf seiner Reise durch Galizien--in verschiedenen Städten sehr interessante Vorträge aus dem Gebiete der deutschen und jüdischen Literatur. Folgende Stelle aber eines seiner in Lemberg gehaltenen Vorträge ist offenbar eine tendenziöse Unrichtigkeit. Der Vorleser wieS auf das kurze Gebet am Schluffe des Bersöhnungstages hin: „Und nichts ist uns geblieben, als einzig diese Lehre". Daran fügte er die Bemerkung: „Nicht an sich und sein Haus, nicht an sein Volk und die versunkene Zionsstadt denkt der Jude, da die letzten Strahlen der Sonne des großen Tages in sein Gebet fallen, sondern n u r an die Lehre, das einzige Kleinod, das ihm übrig geblieben und das ihn auf seinen vielen Wanderungen erhalten hat." Und an den Ruf: „lüssoünnah. habaah bi-Jerusehalajim!" der die Synagoge am

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