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Selbst-Emancipation · 1886-02-16 · Heft 4 (16.2.1886) · p. Seite 11

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1886
Issue
Heft 4 (16.2.1886)
Date
1886-02-16
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 4 Selb st-E mancipatio»! hin, als wolle er ein Gespenst abwehren und leise entfuhr es seinem Munde: „Herr Kerner, Sie bei mir?" „Ja, ich bei D i r," antwortete der Geftagte, den ein einziger Blick auf Salzer üb-rzeugte, daß der Doctvr richtig vermuthet haben müsse. Der junge Mann senkte die Blicke zu Boden und schwieg; er wußte nicht, was er sprechen solle. Auch Kerner schwieg einige Zeit, den Blick unansgesetzt auf Salzer gerichtet. Endlich begann er: „Du hast einen Brief an meine Tochter gerichtet?" „Ja!" „Weshalb thatest Du das?" Salzer seufzte und gab keine Antwort. „Hast Du Dir nicht vorgestellt, was daraus entstehen könnte?" „Ich mußte es thun. Dringen Sie nicht weiter in mich, Herr Kerner; ich konnte nicht anders handeln." „Und wenn ich Dir nun erzählen würde, daß Dein Brief meine Tochter auf das Krankenbett geworfen, was dann?" „Was sagen Sie, Rös-le krank? Und durch meinen B-ief"? rief Salzer, jähaufspringend, mit gellender Stimme „Nicht nur krank, sondern in Lebensgefahr!" antwortete Kerner in düsterem, nachdrücklichem Ernste. „In Lebensgefahr?" kam es zitternd von des jungen Mannes Lippen. „Oh, ich Elender, was habe ich gethan? Ich habe ihr theueres Leben meinem Stolze geopfert!" Und der junge Mann weinte wie ein Kind. „Wozu das Klagen?" begann Kerner nach einigen Minuten. „Sage mir lieber, was veranlaßt? Dich zu diesem Briefe?" „Lassen Sie mich jetzt; ich werde es Ihnen ein andermal erzählen. Jetzt will ich hin zu Rösele, will sehen, was ich Unglückseliger, angerichtet habe." „Nun es sei," sagte Kerner.- Es war ein trübes, regnerisches Aprilwetter, als Kerner mit dem Wiener Professor und Josef Salzer nach T. zurückkam. Das Befinden des kranken Mädchens hatte sich indessen verschlimmert. Salzer schrie in fürchterlicher Angst auf, als er sein Rösele in diesem Zustande sah. Der Professor untersuchte die Kranke, besprach sich sodann mit dem Landarzt und verließ darauf wieder das Haus. Es begannen trübe Tage in dem Hause Samuel Kerners. Rösele schwebte fortwährend in Lebensgefahr; so oft sich anscheinend eine Besserung zeigte, wich sie bald wieder einem neuen Angriffe der tückischen Krankheit. Die Hausleute schlichen wie Schatten durch das Haus. Der Schweigsamste aber war Salzer, der vom Krankenlager des Mädchens nicht wich, dessen von den Nachtwachen geröthete Augen unermüdlich das fieberentstellte Antlitz Röseles betrachteten. Endlich schlug die ersehnte Stunde, wo neue Hoffnung einziehen sollte in das verdüsterte Haus des Dorfjuden. Rösele hatte die Stunde der Krists übertebt, das Fieber war gewichen, und als wieder der erste klare Blick nach langen, dunklen Wochen aus den schwarze», jetzt so matten Augen des Mädchens auf den jungen Mann fiel, glitt ein seliges Lächeln über das Gesicht der Genesenden. -Das Mädchen erholte sich rasch unter dem günstigen Einflüsse von Salzers Nähe und bald konnte sie die ersten NachmittagsstUnden im Garten verbringen. Beide vermieden es, über das zu reden, was vielleicht am meisten des Besprochenwerdens zwischen ihnen bedurfte und die Zeit wurde mit anderen Gesprächen ausgefüllt. Salzer wußte ja so schön zu erzählen! Wie gerne hörte ihm Rösele zu, wenn er von dem schönen Lande sprach, das einst von Milch und Honig überffoß, und jetzt verödet ist, weil man eS vernachläßigt; wie lauschte sie seinen Schilderungen, wenn er sie in die Vergangenheit unseres Volkes rinführte; wie trank sie begierig seine Worte, wenn er ihr die Zukunft Israels in den herrlichsten Farben malte! Es war dem Mädchen, als wenn sie nicht unter den Baumzwergen ihres Obstgartens, sondern unter den Cedern des Libanon und den Palmen ZionS ihre volle Gesundheit wiedererlange. DaS Lodsvnotst-Fest war herangekommen und Rösele Kerner wieder im Vollbesitz ihrer Kräfte. Sie prangte wieder in holder Schönheit, ja sie war noch schöner» noch vollendeter geworden. Kerner und Salzer waren Vormittags vom Llinjan. heimgekehrt; letzterer suchte Rösele im Garten auf, wo sich das Mädchen befand, da es die Mutter, noch wenig bei der Wirtbschaft mithelfen ließ. Und heute war er, wo endlich Rösele sich entschloß, den jungen Mann nach dem Grunde jenes Schreibens zu frage,!. Er erzählte, ohne lange zu zaudern, den ganzen Sachverhalt., indem er natürlich schließlich mit bewegten Worten die Hoffnung aussprach, Rösele werde, da sie ja schon bewiesen habe, wie sehr sie ihn liebe, van dieser Zufälligkeit sich nicht leiten lassen. Statt jeder Antwort fiel ihm das Mädchen um den Hals und er drückte es mit wonniger Lust an sein klopfendes Herz. „Rösele, ich danke Dir" rief er bewegt. „Nicht zu frühe, Josef. Ich will noch eine Bedingung an mein Jawort knüpfen." „Eine Bedingung?" „Ja eine Bedingung; ich habe schon mit dem lieben Vater darüber gesprochen. Sieh', mein Vater hat eine tiefe Sehnsucht — und diese ist auch die meine geworden — nach jenem schönen Heimatlande unseres Volkes, von dem Du mir soviel erzähltest. Komm mit uns dorthin, in eine der Colonien, die der nationale Geist gründete, erhält und beschützen wird! Komm', oh Josef, komm' in's heilige Land der Väter! Gott hat uns ja beide mit Glücksgüteru gesegnet und. Anderen eine Stütze, können wir in unseres Stammes Baterlande herrlich und friedlich unsere Tage verleben. Salzer blickte mit anbetender Bewunderung auf. sein Rösele. „Mädchen, Du bist ein Engel des Himmels und glücklich ich Unwürdiger, daß es mir vergönnt ist. Dich mein zu nennen!" rief er, Rösele bei der Hand fassend, mit stürmischer Begeisterung ans. „Ich folge Dir. mein Alles, mit unsagbarem Wonnegefühl auf die heilige Bätererde. Welcher Unterschied zwischen dem Dorfjude nth um Europas und dein j ü d i s ch e n B a n e r n t h n m des heiligen Landes! Rösele, Rösele! Wie glücklich machst Du mich! Ende. Miscellen. (Hilleh, das alte Babel.) Der Mainzer „Israelit" veröffentlicht in seiner Nummer vom 4. Februar einen interessanten Bericht über das jetzige Babel, welches heute Hilleh heißt. Wir geben im Nachfolgenden Einiges aus demselben wieder. Die einstige Millionenstadt ist zu einem klein.-n türkischen Landstädtcheu mit 20.000 Einwohnern geworden, unter denen sich 2000 Jude» befinden. Letztere bewohnen hier ein eigenes Stadtviertel, das der Ueberlieferung nach auch von den jüdischen Kriegsgefangenen Nebukadnezar's bewohnt war. In dem Judenviertel befinden sich zwei Synagogen, von denen eine das Bethaus des Propheten Jecheskel benannt wird, weil dort derselbe seine Andacht verrichtet haben soll. Der Unterbau dieses Bethauses rührt jedenfalls noch von den Exilirten Babels her. — Das nationale Gefühl der heutigen babylonische» Juden ist ei» sehr entwickeltes. Roch heute betrachten es die Frommen daselbst als eine besondere MizwaB, am SucooiiB die Bachweiden aus dem zwei Stunden entfernten Bachweiden-Wäldchen kommen zu lassen, in dem vor dritthalbtausend Jahren der herrliche Sang: „An dm Bäche» Babels saßen wir und weinten" ertönte. Der Correspondent des „Israelit" sagt: „Nie hat derGrieche so Athen und

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