Mannheim
Compact Memory

Selbst-Emancipation · 1886-02-16 · Heft 4 (16.2.1886) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1886
Issue
Heft 4 (16.2.1886)
Date
1886-02-16
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3092672-3092783-3092787--0335-3093279
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

SSt'. 4 Selbst-Emancipation! Seite 3 Und so wünschen wir, daß überall, wohin diese unsere Blätter dringen, die Z i o n s i d e e, diesersreih eitlicbe, f o r t s ch r i t t l i ch e, prakt ische, volksthümliche Gedanke, Vorkämpfer finde, und überall, wo es noch keine Colonisation-.vereine gibt, baldmöglichst solche entstehen — zum H"le des jüdischen Volkes. Nachum Nathan Agassi. Nationalität und Sprache. Ueberall auf dem weiten Erdenrunde ist die Erkenntniß voii der sittlichen, geschichtlichen und praktische» Richtigkeit des nationalen Princips zur Geltung gekommen. Nationalgefiihl und Nationalbewußtsein sind die Triebfedern der Geschichte der Jetztzeit geworden. So ist es denn auch leicht erklärlich, daß von allen Seilen Bemühungen gewacht werden, um das 'Wesen dieses im Leben der Völker zu ungeahnter Bedeutung emporgestiegenen Factors nach allen Seiten hin klarzulegen. Ganz besondere Aufmerksamkeit aber wird der Frage gewidmet, was eigentlich nöthig sei, um eine Gemeinschaft zur Nation zu machen. Diese Frage ist nicht so leicht zu b antworten, als es vielleicht scheinen mag, denn man muß hier sehr auf der Hut sein, um sich nicht durch landläufige Verwechslungen und Ungenauigkeiten irreführen zu lassen. Es soll hier nicht unsere Sache fein, alle die einzelnen Fälle falscher Begriffe und Vorstellungen über das Wesen der Nation aufzuzählen, heute * soll blos eine derartige Irrung uns hauptsächlich beschäftigen. Unläugbar ist, daß zwischen Nationalität und Sprache ein enges Verhällniß obwaltet, unrichtig dagegen ist es, letztere zur wesentlichsten Grundlage der ersteren zu machen. Unrichtig ist es, wenn der Feuilletonist der „Neuen Fr. Pr." bei Besprechung der Bedeutung Mendelssohn's sagt: „Dmch ihn lernten sie (die Juden) deutsch reden, und wie die Sprache eine Verführerin ist, lernten sie auch deutsch denken und empfinden." „Unmöglich!" meinen die „Unverbciden. Der moderne Nationaljude sott mit G e m ü t h und Verstand national sei» und das ist es, was unsere Vorfahren nicht verstanden haben — bis auf die ersten Makkabäer und ihre Anhänger, welche auch deswegen siegreich aus ihrem Kampfe hervorginge». Der moderne Nationaljude muß von den Sadducäern den Gedanken der Selbsthilfe und die weltliche Gesinnung, vo> den Pharisäern die Liebe zu den Ideen seines Volkes und die Vertiefung in dieselben recipiren. So wenig die a» de» Fatalismus streifende Verachmiig unserer eigenen Kraft deni Nationaljude» eigen sein darf, ebensowenig darf es ihm beisallen, die Fülle von nationaler Kraft geringznschätzen, die in den geistigen Schöppingen unseres Volkes liegt. Und da gelangen wir auf einen wichtigen Punct. auf die Frage der Stellung des modernen Nationaljudenthums zur jüdischen Religion. Ein Blick in die Geschichte unserer Ahnen und in unsere heutige Zeit lehrt uns. daß wir, bevor wir unS in dieser Frage entscheiden, auf die geänderte Lage des jüdische» Volkes Rücksicht nehme» müffe». Saddncäcr und Pharisäer geriethen ja nur aus dem Grunde so hart auseinander, weil von dem Siege der einen oder andern Partei das Regierungssystem des Staates abhiug» weil ein pharisäisches Shnhedlion der von den Sadducäern gewünschten Weltlichkeit ein Ende machte, während umgekehrt ein saddncäisches den von den Pharisäern vertheidigte» vriesterlichen, heiligen Charakter des Volkes bedrohte. Heute aber har die jüdische Nation keinen Staat zu regieren, da stehen die Dinge wesentlich anders. Heute können, Leute von mehr sadducäischer, d. i. weltlicher und mehr pharisäischer, d. i. religiöser Gesinnung ganz gut vereinigt wirken, da ja beim Mangel eines zu leiten Staalsweseus, die Verschiedenheit ihrer religiösen Qualität auf das ganze Volk von keinem wesentlichen Einfluß sein kann und da sie ja ferner heute eine gemeinsame Gegnerin besitzen, die ihnen damals mangelte, die Assimilation. Freilich müflen, soll eine solche Bereinigung möglich sein, von den folgenden beiden in Gegensatz gerathcnen, aber ihrer Natur nach nahestehenden Richtungen, nämlich den größtentheils aufgeklärten Nationaljuden und den strenggläubigen Religionsjuden zwei Principien fallen gelassen werden; von den Frommen die Verachtung der Selbsthilfe, ein Priucip, das ja bereits auch die späteren Pharisäer nicht mehr ausstellten, von den Nationalen die säjarfe Scheidung zwischen Nationalität und Religion des Judcnthüms, ein Princip, das alles andere eher ist, als practisch, und fälschte» Deutschen Worte", das Organ Schöuerer's. zu obigem Ausspruche und wir muffen diesem Blatte, das, von seinem extremen Antisemitismus abgesehen, durch richtige Auffassung und kraftvolle Vertretung deS nationalen Principes sich auszeichuet, beipflichteu. Unmöglich! wiederholen wir. Unmöglich ist es, daß die eigenthümliche Denk- und Fühlart eines Volkes dadurch in die eines anderen sich verwandle, daß das eine die Sprache des zweiten zu sprechen beginnt. Die Verstandes- und Gemüthseigenthümlichkeit eines Volkes ist ja nicht anders als naturgeschichtlich zu erklären. „Die Race ist Alles", sagte unser große Stammesgeuoffe Lord Beaconsfield. In der Besonderheit seiner Race ruht die Besonderheit eines Volkes. In den Racenunteisch-eden ist die nationale Mannigfaltigkeit begründet. Vermöge des Racengegensatzes denkt und fühlt also auch der Deutsche oder Slave anders als der Jude; in diesem Gegensätze ist die Erklärung dafür zu suchen, daß der Deutsche das Nibelungenlied, der Jude die Bibel schuf. Wie grundverkehrt und geradezu lächerlich wäre die Behauptung, das Nibelungenlied hätte den eigenthi'unlichm deutschen, die Bibel den eigenthümliche» jüdischen Geist hervorgevracht. Hieße das nicht eine unsinnige Verwechslung von Ursache unb Wirkung? Aber so Manche von Denen, die für eine solche cnriose und confuse Behauptung mit Recht nur ein geringschätziges Lächeln hätte», würden vor einer anderen Verwechslung, die der ebenbesprochenen auf ein Haar ähnlich sieht, keineswegs zurückschrecken. Was ist die Sprache anderes als das Product des eigenartigen Volksgeistes und Kemüthes? Die Eigenthümlichkeit der Race bedingt die Eigenthümlichkeit der Denk- und Fühlart ei >eS Volkes, und diese schafft wieder die Eigenthümlichkeit der Sprache. Wir glauben, der Zusammenhang ist klar. Nicht, weil das deutsche Volk deutsch spricht, ist es deutsch, sondern weil es deutsch ist, mußte es die deutsche Sprache schaffen. Sollte ri einmal die deutsche Sprache zu verlernen national, und das auch die Sadducäer nicht lange aufrecht halten konnten, indem sie dem religiösen Geiste des jüdischen Volkes nachgebend, auch religiöse Puncte in ihr Programm aufnahme». Wer unter unseren Nationalen zu viel mit dem Phari'älsmus sympathisirt, der hüte sich vor den Folgen einer Einseitigkeit, die im Volke das Kraftgesühl erstickt und die Gleichgiltigkeit an den materiellen Schicksalen desselben gebärt, die einst den nichtnationaleil Essäismus schuf; wer aber wieder zu viel Neigung dem SadducäismuS entgegenbrlngt, der stelle sich das Bild eines Körvecs ohne Seele, einer Nation ohne nationale Cnltnc und ohne geistigen Werth vor, ei» Bi>d, dem auch die letzten Hasmouäer mit ihrer Haudegennatur, der jede Durchgeistiguilg mangelte, entsprachen. Der moderne Nationaljude sehe nicht, mag er auch »och so aufgeklärt sein, geriagschätzend auf die jüdische Religion herab, denn sie ist, wen» auch der Ausfluß der nationalen Eigenart, so doch auch vice veraa die Erhalters» der jüdischen Nation; an ihrer Hand ist das jüdische Volt zu der bohen geistigen und moralischen Qualität emporgeklimmt, die uns National; »den es werth erscheinen läßt, für seine Weiterexistenz zu kämpfen. Der strenggläubige Jude aber zögere nicht, den Nationalen beizutreten, weil auch Aufgeklärte in ihrer Mitte seien, denn diese Aufgeklärten in ihrer Weltlichkeit, mit ihren praclischen Erfahrungen, in ihrer Keniitiliß der anderen Völker sind die Geeignetsten, um dem Erzfeinde des Jndenthums und zwar des Judenthums als Religion und Nation, der Assimilation die Spitze zu bieten. Verschmähen die Frommen noch lange die Hilfe der ausgeklärten Nationalen, dann mögen sie sich selbst die Folge» znichreibe», wenn dann in nicht gar zu ferner Zeit die vernichtende Wirklichkeit über ihren zuwartenden Idealismus dahinbrausen und der Judalismus von der Bildfläche deS Lebens verschwinden wird. Die Nationalen aber werden dann mehr im Einverständnisse mitdem jüdische» Volksbewußtsei» handeln, wen» sie sich vom alten Fehler deS Sadducäismvs, von dem einseitig praclischen Standpuncte ferne halte», wenn sie d^r jüdischen Religion den ihr gebührenden Rang im Jnlereffeubereiche der Nation einräumen werden. Doch so sehr das zu empfehlen ist, so sehr eine innere Trennung zwischen jüdischer Nationalität uud Religion ein wiedersinnigeS Beginnen ist, so muß aber anoerersetts nach außen h i n das nationale Interesse vom religiösen insoserne g eschieden merden, als bei Ecreichnng practischer Bedürfnisse der Nation religiöse Meinungsverschiedenheiten g anz aus dem Spiele zu lassen sind, als eS Bestre« A

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.