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Selbst-Emancipation · 1886-02-02 · Heft 3 (2.2.1886) · p. Seite 6

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1886
Issue
Heft 3 (2.2.1886)
Date
1886-02-02
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Selbst-Em ancipalion! Rr. A Wer nicht wagt, gewinnt nicht — und wahrlich, was habe»' wir noch zu verlieren? Im schlimmsten Falle bleibe» wir auch scrnerhin, was wir bislang waren, und waS wir auS Feigheit nicht aushören wollen zu sei»: die ewig verachteten Juden. Im Leben der Völker wie im Leben des Einzelnen, gibt eS wichtige Momente, die nicht oft wiederkehren und die, benutzt oder unbenutzt, eine» entscheidenden Einfluß auf die Zukunft, auf das Wohl oder Wehe deS Volkes wie des Einzelnen ausüben. Wir durchleben gegenwärtig einen solchen Moment. Das Bewußtsein deS Volkes ist erwacht. Die großen Ideen des 18. und IS. Jahrhunderts sind auch an unserem Volke nicht spurlos vorübergegangen. Wir suhlen uns nicht allein als Juden; wir fühlen uns als Menschen. AlS Menschen wollen wir auch leben und eine Nation sein wie dje andern. Und wenn wir dar ernstlich wollen, dann müssen wir vor Allem unS dem alten Joch entwinden und uns männlich aufrichten. Dann müssen wir vorerst uns selbst helfen wollen. Dann erst wird auch die fremde Hilfe nicht auf sich warten kaffen. Unsicher und prekär wird unsere Zukunft in Ewigkeit bleiben, so lange in unserer Lage nicht ein radicaler Umschwung eintritt. Nicht die bürgerliche Gleichstellung der Juden in dem einen oder anderen Staate vermag diesen Umschwung herbeizuführen, sondern einzig uno allein die Autoemancipatio» ves indischen Volkes als Nation, die Gründung eines eigenen jüdischen ColonistengemeinwesenS, welches dereinst unsere ureigene, unveräußerliche Heimat, unser Vaterland werden soll. Anstatt der viele» Asyle, die wir von jeher zu sucben gewohnt sind, wollen wir ein einziges Asyl haben,, dessen Existenz aber auch politisch gesichert sein müßte. „Jetzt oder nie!" sei unsere Losung. Wehe unseren Nachkommen, w-he drm Andenken unserer jüdischen Zeitgenoffe», wenn wir diesen Moment verpaffen! % - (Lorrespondenzen. St. Petersburg. (Federzeichnungen eines Petersburger Beobachters.) Die Wohlthätigkeit unserer Stammes» und Glaubensbrüder ist ja sprichwörtlich auf dem ganzen Erdbälle geworden. Nach der „Odessaer Zeitung" soll der als solcher bekannte Wvhlthäter, Herr L. M. B r o d S k y, als rr erfuhr, daß die Schüler der jüdische» Volksschulen wochenlang kein gekochtes Essen zu sich nehmen., angeordnet haben, den ganzen December hindurch für '100 Schüler Mittage aus einer Garküche zu be» sorgen. Dem edlen Beispiele dieses Wohlthäters folgte» bald mehrere Andere, die zu diesem Zwecke ihr Schärflein beitrügen. Aber meine Absicht ist es hier durchaus nicht, Beweisgiünde für die jüdische Wohlthätigkeit anzusühren, die ja schon längst bewiesen ist. — Ich will hier nur von einigen wohlthätigen Einrichtungen sprechen, die ihre» Zweck verfehlt, oder richtiger gesagt, die unseren Stammes- und Glaubensbrüdern gar wenig Nutzen gewährt haben, trotzdem die Wohllhäler Israeliten sind. Unlängst wurde in Kiew das Hospital des hochherzigen Herrn Israeli Brodskh feierlich eingweiht. Dieses Hospital, worin Kranke ohne Unterschied d,s Glaubensbekenntnisses Aufnahme finden sollten, ist ein Prachtbau, der allen Anforderungen der woderi en Hygiene nachkommt, und enthält 160 Betten, Die Gesammtkosten desselben betragen 260.060 Rbl., von denen mehr als die Hälfte besagter Wohlrhäter gab. Aber kurz nach der Eniwerhuiig wurde der behördliche Bescheid des schon seit 1865 überreichten Gesuches bekannt, nach welchem nur 12 jüdische Kranke im Spitale Aufnahme firrdrn dürfen. Nicht minder lehrreich und bedauerlich ist folgendes Factum, das uns wiederum Anlaß gibt, an der Bruderliebe der Arier zu zweifeln: Bor einige» Jahren gründete Herr S. P o l j a k o f s Unterstützungs- Collegie» au der Universität St. Petersburg, deren Ausgaben von den Reutk» der von ihm bewilligten großen Geldsumme bestritten werden. Nun höre man und staune: Unter de» 135 Studenten, die in diese» Collegien ihr voll» r ständiges Unterkommen finden, befindet sich blos ein ein-, k . ziger Jude, der erst nach langen Bemühungen der angesehensten Glaubensgenossen der Residenz. ausgenommen wurde. Demnach hat die jüdische Studentschaft St. Petersburgs ein doppelter Unglücksschlag betroffen, indem sie einerseits, wie ihre übrigen Leidensgenossen im Lande» der Stipendien beraubt wurden, andererseits denselben der Eintritt in diese Poljakoff'schen Collegien nicht gestattet ist. Mögen unsere Stammes- und Glaubensbrüder fernerhin bei der Errichtung derartiger wohlthätiger Anstalten vorsichtig sein, damit etwaigen ähnlichen Folgen ein Ziel gesetzt werde. — Am 26. December des der Ewigkeit bereits zugezählten Jahres 1885 fand eine außerordentliche Versammlung der Mitglieder des „Vereines für Verbreitung, von Bildung unter den Inden in Rußland" statt, wobei die Wahlen dreier Comitsmitglieder und des Vice-Präses vorgenommen wurden. An Stelle des früheren Vice- Präses, Herrn Banquier A. Sack, der aus Mangel an freier Zeit diese Ehrrnfunctio» aufgegeben hatte, wurde der obenerwähnte kais. Geheimrath L>. Poljako ff erwählt. Darauf setzte man fest, daß die ordentlichen Ausgaben für dar Jahr 1886/ nach dem Beispiele früherer Jahre, sichauch auf 6000 Rubel beziffern sollen. Gleich bei der Eröffnung besagter Versammlung widmete Dr. A. H a rk a v y einige herzrührende Worte dem unlängst in Wilna ver>torbe»en Ehrenmitgliede des Vereines, drm bekannten R. Mathias S t r a s ch u n. Darauf theilte noch Herr L. Rosenthal mit, daß er nun „Materialien zur Geschichte des Vereines während seines 20jährigen. Bestehens" in hebräischer Sprache herausgegebe» habe, und daß ec das Geld, welches durch Verkauf dieses Buches gelöst werden würde, drm Vereine widmen, daß er ferner das historische Jahrbuch, dessen Herausgabe der Verern beabsichtigt, bereits zusainmcngesteUt habe und bald hecausgeben werde. Die Versammlung drückte dem auch sonst um den Verein und seine Stammesgenossen so verdienten Herrn Rosenthal ihre Anerkennung für diese s«ue Bemühungen aus. — Vom kärs. Ministerium der Volksanfklärung ist nun die Erthcilung von Religionsunterricht an die jüdischen Schüler dec mittleren Lehranstalten durch jüv. Religionslehrer (Melamdim) genehmigt woiden. Diese Anordnung kan» man nur mit Freuden begrüßen, denn bisher gab >s gar viele Gymnasiasten — besonders in den größeren Städte» — die keine Ahnung von der jüdisch'» Lehre hatten. Die - Folge des Uiiwissens der jungen Leute war nun die, daß sie den lästigen Namen „Schid" (Jude) mit dem auf dieser Welt so besonder s glückjeligmachenden Name» „Prawoslawnyi" (rechtgläubiger Christ) bei der ersten besten Gelegenheit vertauschten. Ja, viele Elt'rn hielten es sogar für ganz natürlich, gar nicht die Entscheidung des selbstständigen Willens ihrer Kinder abzuwarten, sonlern führten sie, um ihre zarten Sprößlinge frühzeitig zu versorge» und sich ein sorgenloses Alter zu verschaffen, selbst zur Taufe. Diese eigenthümliche Kinderversorgung in den Großstädten wird schon seit Kai ser Nikolaus. Zeiten ir den Ostseeprovinzen geübt und hat eine beträchtliche Anzahl von Proseliten gezeitigt, wovon auch die Proselitenvereine Zeugniß ablegen. Einen oerartigeir Verein gibt es auch in dem stolzen nordischen Palmyra, der «rach dem Muster der englischen Bibel-Gesellschaft die Glückseligkeit der Jliden in diesem und in jenem Leien zu beföldern die Absicht hat. In diesem Vereine hielt vor Kurzem der berüchtigte Kischenewer Profel Joses Rabinowitz ein-'n Vortrag, welchem auch Herr Axakoff, der Redacteur der antijüdischen Zeitschrift .,Rusj“, der zufällig aus Moskau hier eingetroffen war, beiwohnte: Da besagter Rrdacteur den Jargon des Redners nicht recht verstehen konnte, so übersetzte ihm dec Prediger des Vereines, Herr Meiersohn, den Vortrag fast wörtlich in's Russische. Der Vortrag erschien bald darauf in der von Axakoff redigirtm Zeitschrift. —-Wieder „Hamelitz“ aus genauer Quelle erfährt, soll die Pahlen'iche Inden-Commission noch keine einzige Sitzung gehalt-n haben; ihre Thätigkeit beschränke sich noch immer auf Sammlung von Materiale aus deir Provinzialstädten unv aus den Verfassungen der westeuropäischen Länder. Demselben Blatte nach soll auch ein Com-

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