Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1886
- Issue
- Heft 3 (2.2.1886)
- Date
- 1886-02-02
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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©f Ift fl-Emancipation! ©rite 5 Nr. 3 Als Jude geplündert sein, oder als Jude beschütztwerden müssen/ ist gleich beschämend, gleich. peinlich für das menschliche-Gefühl der' Juden.: ' - Im Seelruleben der Völker also finde» wir. die Begründung der Bo> eingenommenheil gegen die jüdische Nation- Aber auch »och andere wichtige Momente, welche die Berschmelzung oder.Gleichstellung-der -jüdischen Ration mit den anderen Nationen unmöglich machen, müssen'in Betracht gezogen werde». - Im-Allgemeinen besitzt kein Volk eine Vorliebe für den Ausländer.. Diese Thatsache hat ihre.ethnologisch Begründung und kann keinem Volke zum Vorwurf, gemacht.werden, jedoch die Abneigniiu, . die dem-Ausländer im sremden Lande entgegeiitrilt. kann in deffen Heimat mit gleicher Münze vergolten werde». Der Jude aber ist in - seiner Heimat »ich, nur kein Einheimischer, er ist auch kein Ausländer, er ist recht.eigentlich ein Fremder „kat’ exochan“.. SKau sucht in ihm weder den.Freund noch den Feind, sonder» einen Uubek nute»/ von welchem nue bekannt ist, daß er keine Heimat besitzt. Die Juden Hud-Fremdlinge, welche keine Vertreter haben könne», weil sie kein Va erlaub haben. Weil sie ein-solche»-nicht haben, weil ihre Heiuial ohne Grenzen ist,. hinter denen sie sich verschanzen könnte» — ist auch ihr Elend ohne Grenzen. Für die Inden al . für wahre .Fremde ist das Gesetz nicht geschrieben. Dag sie selbst, dag auch ihre Vorfahre» in dem Lande geboren sind, ä»bert an bie'ein Thaibestand-nicht chas: Geringste. In den alle, meisten Fällen werden sie als Stiefkinder behanoelt. im günstigste» Falle al» Adopliotinder, chere» Rechte bestrilten werden fönueu; nie als legitime Kinder des Vaterlandes. Die legale Emaneiparion der Juden ist der Cutniinalivusptinkl der Lüftungen nuseres Jahrhunderts . Aber diese legale -Ema. cipation. in nicht die gesellschailliche niid mit der Decrelirung der elftere», sind die Juden »och bei W-iteni nicht, von der AuSichli-ßlichkeit ihrer gesellschaftliche» Stellung.emancipirt. Das Brandmal, das diesem Volke anhafter, wird durch leine officielle Gleichstellung weggewischr werde» tönneil. so lauge dieses Volk seiner Äainr gemäß iiniieie Landstreicher ichasfe» wird; so lange es sich nicht darurrr. auslveise» kan», woher e» komntt und wohin es geht; jolauge die J»dc,> selbst in arische, Gesellschaft nicht gerne von ihrer -seiniiiichc» Herkuust sprechen, nichr gerne aii oit.c erinnert werden Mögen; so tauge, man sie versotge», -dulden, beschützen, emailcipireu wird. Zu jenem entwürdigrildeii Abhäligigkeltsv.-rhälltiß des ewig sremden Jvdcu znm Nichtjube» kommt nun »och ein wesentliches, praltiich wichtiges Moment hiuz», welches eine B-rschmelzaug der Juden mit neu tireliiwohiierii vollends unmöglich macht. Im großen Kanipfe um's Dasein uurerwerfen die Cultilrwölker. sich gern oen Gesetzen, welche diesen Kamps iu eine snedtiche Soncurrenz verwandeln Helsen. Hier machen ore Völker gewöhnlich eitlen Unterschied zwischen dem In- und Ausländer. W.-lin nun dieser Unterschieo schon i» Bezug auf den eb.-nvültigen Ausländer geltend gemacht wird, wie grell muß er mm oem ewig sremd u Juden gegeuaver ausfall-.n! Mit welchem Un>vllle» muß Ser Berrmr angesehen werden, der es wagt,, seine lüsternen Äuge» ans die ihm -fremde Heimat zu werfen! Und har er rrotzoein E.solge und gelmgr es lyiil, manche Blume von iyreur Kranze zu psiücken, dann w.-qe den, Uitglülklichen! Er beklage sich nicht, wenn' es ihm ergeht, wie .«» den Inden iu Spanien und Rußland ergangen ist. Rejumiren wir das Gesagte, so ist der Jude für die Lebende,! ein Tooier, für die.Eingeboreiren ein Fremder, firr die Einhelintscheil ein Landstreicher, sür die Besitzenden eia Betrler, für die Arm n ein Ausbeuter und Millionär, für den Patrioten. ein Vaterlanosloier, für alle Clasien ei» verhaßter Cournrcenr. Auf diesem naturgemäßen Antagonismus oeriiht dir Unzahkder beiderseitigen. Mißverstanoniffr und da Beschmoiz,rügen uno Vorwürfe, welche beide Parteien mir. Recht oder Unrecht einander rutgegenschleudern. Wer aber ilnpaiteuich feiu will, wec oie Dinge dieser Welt nicht nach den Pri»c:picileines ilioptstischen Arcai»ens beurtheiien und zurechtlegeii, jondern eiujach conuanteu u»b erklären will, um daraus einen. prakllich-»ützua>c>i Schluß zu zieqe», der wird für de» geschiiderrcil Äiltagonism»s ke-n: oon oe>oeu Paciel-n. ernstlich ve autworilich machen. Len zznden aver, n n o>e e» uns hier Zu thun ist, wird er sagen: Ihr seid doch wahrlich ein lyöttchre-s und verächtliches Volk! Thöcicht seid »hr, weit ihr mibeijoiieii oaftehet und der menschliche» Naur etwas zämuiher, was ihr von jeher, abging — die Humanitäl nämlich. B:räch.llch jem .ihr, weil ähr keine wahre Eigenliebe und kein nationales Selbstgefühl habt. Wahr ist, daß unsere lieben Schlltzgeoer v»n jeher biehir dafür gesorgt haben, daß wir - nie zu Aryem romine» und üiljec Selbstgefühl nicht zur Geltung gelange. Als vereinzelte Juden, aber nicht als jüdische Nation, führen wir seit Jahrhunderten Heu harten und ungleichen Kampf um's Dasein. I» diesem verzweifelten Kampfe unterlagen - wir nicht/ Aber der Krieg, den wir fährien, und den wir noch Gott.weiß wie lange sühre» werde»,'. galt nichr etnent Vaterlands, sondern, der - kümmertlchen Erhalrung oo» Millionen — „hausireiider Judenl" . Weil» alle Völker der Erde nicht im Stande. waren, unser Dasei» zu vernichte», so verinochteu sienichi-üestoweiuger, in uns bas Gefühl miiscrer nationalen Selbstständigkeit zu ersticken. Wir waren der Spielball, den die Volker sich gegensei ig znoacien. Wir wurden ebenso gerne anfgefangen, wie gestoßen. Man trieb mit »nS das böie.Spiel um so lieber, je nachgiebiger und und elastischer unser national-S Selbstbew.iß sein sich in be» Händen der Spieler erwies. Wie konnte unter solchen Uuftanaen uoi einer nationalen Selbstbestimmung, von einer freien acriven Entiolck.lnng nnserer »aiionaleil Kcaic oder von iirwüchäger Ge iialitär die Rede sein? Beiläufig bemerkt, habe» unsere Feinde nicht ermangelt, ans diesem letzteren, an sich tbeilweise nicht iliiwahre», aber im Grunde genommen höchst irrelevanten Charakterzug Münze »u schlagen, um linsere Inferiorität zn beweise». Die Armseligen! Dem Adler, der einst, znm H immel eniporstieg »nd die Gottheit erkannte, machen sie den Vorwurf.- daß er nicht hoch grung in den Lüsten schwebt, wenn ihnr.die Flügel adgeichnitten sind. Doch auch mit ob-geschnittenen Flügeln sind wir auf der Hübe der großen Culturvölker geblieben. Gönne: uns einmal das Glück einer freien nationalen Existenz — dann waget es, uns de» Mange au genialen Männer» vorzuwersen l. Für jetzt leben ivir noch unter dem Drucke der Uebel, die ihr uns z»fng!.. Was »»Stehlt, ist nicht die Ge n i a l i l ä». s o nder» das Selbstgefühl u » o das Bewnßlsein der Men > he n w ü r ü d a s i y r u n s g e r a » b t. So.lven sind wir dadurch geinnten, daß wir fast übermüthig werden vor Freiioe, wen», ro'ie; int O cident, ein ge ing.-r Bruchthei! unseres Volkes mit den Nichtjnden /.leichgestellt worden. Wer ge. stellt iveroen muß.-steht beka-intlich schioach auf den Fuß:». Wird kei»e Notiz genoinniell von nnserer Abstammung, und werden wir wie die ander,-» Lindeskindec ahgcichen, so sind wir dankbar — dis zur absolute» S lbsio rl-uznnag. Für die uns gegönnte behagliche Stellung, für de» Flenchtovs. den wir »nge stört benutzen dürren, reden wir uns und den Anocrn e ->, daß wir gar keine Inten mehr slno. sonder» Vollblntssöhne d-s Vaterlandes. Eitler Wahn! Ihr mög t euch als noch so treue Patrioten bewähren, ihr möget eurer, übrigens ganz selbstoerständlichen Bürgertreue die Berechtigung zn jedem selbststiinaigeir nativi alen Lebe» znm Ovfer bringe», ihr werder dennoch ver jeder Gelegenheit an en-e semitische Abstammung er» iiinerc ,,>er0'». Wrt.h' klägliche Figur »lache i wir doch! Unser Äa'erland — die Fremde, unsere Einveir — die Zerstreuung, unsere Solidarität — Die allgemeine Anfeindung, unsere Waffe die Demiuh, unsere Weh-krofi — die Flucht, unsere Originalität — die Ailpassnil i, nnsere Znkn ist — der nächste Tag. - Welche verächtliche Rolle >ür eia Volk, das einst seine Makkabäer Haie! Wis Wunder, daß ein Volk, welch-z fiic das liebe Leben sib mir Füßen tften ließ uns diese F iße auch z-i kü;sen gelernt, d r lieiste» V-rachtn ig^ aliheinls.ille» m igre! So leben w r seit achtzehn Jatzrhnndec.en in Schmach — und nicht ein einziger ernstlich r Versuch, sie abzuschnktelii! Heurznlaz-, jeitdenr »Niere stammesgenosien auf einem kleine.» Theile der Erde zn Alhein gekomme i und für die Leiden ihrer Brüder lheilnahnlsfätiiger geworde i stad; y -utzaiage, seitdem man eine Anzahl nnrergeord^ieler und ilnte-drückter Rati onalitätei, ihre Selbstständigkeit >vied-rg:ivi»iien ließ, oüefe» auch wir nicht einen Augenblick mehr die Häiide tut Schoß-' ruhen lassen, dürsei' wir nicht zugeben, d >ß wir auch in Zilknilt! dazu oerdamnlt sein tollen, die aussichtstose Rnlle des „eiv gen J tden' sorlzaipiele». Es ist die Zeit gekommeii. füc eine iliichterne nttö leidenjchaftsloje Erkenmniß uilserer wahren Lige. Mit unvarteiischem Blicke, ohne vorgejaßle Meinnng müssen mir im Völkerspiegel die tragisch-poisenhafte Figur unseres Vol-eS Hera iSerkennen, welch: verzerrten G.-sichtes und mit verstnm- Hielten Gliederii die große Weltgeschichte mirnncheil hilft, ohne Mir der eigneir kteine» Loiksgeschtchie nach nu-/ leidlich 'ertifl zu werden. Wir iniissen uuS ein für alle Mal mir der Idee befreunden, daßchie andereil Ratioueii, oerinöge ciir-s iy»e>l iiiiiewohneilden, »»nrrgeniäßen Attlagollisnlus Nus ewig ausnoßeil weroe». Airs dem uunbfetib.tr laitgen Wege zum vollkoiiliiie.len -praktischen>Hnmanisin»s, wenn es üderüanpl je z» einem solchen komni-il >oll, besind t sich das Menicheilgeichlech'. und >uir mit ihm, kau»» ans der'crsteil Etappe. D.irni» »insj.» wir von »er Wahnvorstellung ablasse,,, daß wir nur unserei Zeriirennug eine p.ovideiltielle Miffivll erfüllen — eine Miffio», aii weiche K iner gtanvi, ein Ehrenaint. das ivir, ausrichng gesprochen, gern onfgeben inöchten. wen» nur damit zugleich auch der Schunpfna.ne »I lde" aas dec'Welt geschafft werden könnte. Nicht ia illusorischen Selbsttäuschungett. sondern nur iu der Wiedechrrstelluug eines eigenen, -einheitlichen nationalen Bandes haben wir nilsere Ehre, muec H->l zu suchen. Wenn die nationale>t Bestrebungen inancher unter unseren Auge» erstandener Völker eine innere Berechtigung halten, kan» es dann „och fraglich iein, ob auch de» Inden diese Berechtigung znkomm-? Mehr als jene greifen stin das int rnationale Culturleben ein; mehr als jene habe» sie sich um die Menschheit verdient geiuachr, haben sie eine Vergaiigenhelt, eine Geschichte, eine gemeinsame, unoerniischte Adstammuiig» eine iliiverwüstliche Lebenskraft, einen, unerjchütteritchen Glauben und eine'beispi lloje LeidenSgeschichlanfzuweiien; mehr als an jeder ailde.e, Natioil haoen an ihnen die .Völker sich, versündigt. Ist das noch immer zu wenig um sie.Vaterl aiidSfähiu, vaterlaiidSwüldig zu machcil?