Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1886
- Issue
- Heft 3 (2.2.1886)
- Date
- 1886-02-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 3 Selbst-Emancipation! Bedingung thu» und verlangte sein Kind zurück, ob es nun Jüdin oder Christin sei. Nichtsdestoweniger ernannte das Krakauer Bezirksgericht den Advocaten Dr. Josef Mochnacki zum Bormund des geraubten Mädchens und das Krakauer Oberlandesgericht bestätigte, den Recurs des Vaters abweisend, die erstrichterliche Entscheidung. Stieglitz ergriff nun den außerordentlichen Revisions-Recurs an beu Obersten Gerichtshof, welcher nun beide untergerichtliche Entscheidungen bezüglich der Ernennung des Dr. Machnacki zum Bormund,aufhob. Das obergerichtliche Erkenntniß wurde Anfangs Jänner dem Vater der Rachel Stieglitz zugestellt. Uebrigens hat derselbe vor einigen Tagen auch von der Breslauer Polizeidirection erfahren, daß seine Tochter nicht mehr in Breslau sei, sondern sich nach einem unbekannten Orte begeben habe. (Der Proeeß Ritter) wird Ende Februar vor dem Obersten Gerichtshof in Wien verhandelt werden. (Etwas vorsichtiger!) In einem Wiener Tagblatt stand wörtlich zu lesen: „Es ist ein rührender Zug des ermaNischen Volkes, daß sich seine großen Männer o gerne eng aneinanderschließen. Goethe und Schiller, Lesfing und Mendelssohn, und in unseren Tagen Bismark und Moltke sind leuchtende Beispiele. Hier trefft sich's bei zwei Juristen; etwas Ungewohntes, denn diese sollen Fischblut in den Adern haben. Josef U n g e r steht trauernd am Grabe Julius Glasers." Die Freundschaft der beiden getauften Juden Ungar und Glaser auf einen Zug des germanischen („deutsch" riecht noch zu wenig nach Assimilation) Volkes zurückzuftthren, ist bereits ein wahrhaft haarsträubender, wissenschaftlicher Unsinn. Und was wird durch diesen Tendenzunstnn erreicht? Nichts Anderes, als daß die Antisemiten wie hungrige Wölfe über die erwünschte Beute herfallen und — worauf sie vielleicht sonst nicht verfallen würden — bei Gelegenheit Moses Mendelssohn mit dem Begründer der 27-Krenzer-Bazare auf eine Linie stellen. (Die „Ojczj'Jsua“) veröffentlicht in ihrem hebräischeu Theile vom 15. Jänner den ersten der versprochenen Artikel gegen die „Nationalen", die sie „falsche Profeten" Thalmud-Thorah bieMikwaii und auf beti Bikur-Cholim- Verein. Schön und geräumig wie die Gotteshäuser ist das Schulhaus, in welchem auch ein Bibliothekzimmer mit alten talmudischen Werken sich befindet. Geschmackvolle Divane, geziert mit den Symbolen des Davidschildes und Tische, bilden das Ameublement dieses kleinen Bibliothekzimmers, welcher von den Chachamim und Lehrern besucht wird. Wie aber ist es mit dem jüdischen Unterrichte beschaffen? Leider traurig! Der Unterricht in alleu vier Classen erreicht nicht die Höhe seiner Aufgabe, da die serbische Regierung die Schulzeit für die Volksschulgegenstände absorbirt und nur wenige Stunden der Woche für das Hebräische zurückläßt. Wer kann bei einer derartigen Lage nicht das Schlimmste Vorhersagen. Würde in der spaniolischen Gemeinde nicht so viel ConservatismuS stecken, die Gemeinde würde bei dieser Unwissenheit längst in die umgebende Völkerschaft aufgegangen sein. Hier haben wir also den wundesten Punkt der sephardischen Judengemeinde in Serbien; hier bedarf es drfngender Abhilfe. Schon zeigen sich bedenkliche Erscheinungen in der Gemeinde; die wohlhabenderen Mitglieder, welche ihre Töchter in die jüdischen Erziehungsanstalten in's Ausland schickten, fangen bereits an, sich ihres alten Judenthums zu schämen — und Christenthum scheint ihnen die höchste Civilisation zu sein, weßwegen manche Familien dem modernen Assimilationsmoloch opfern. Aber noch schwebt der jüdische Geist über der Gemeinde — noch ist es Zeit! Benzion. (Wird fortgesetzt.) nennt. Wir. halten es nicht einmal für werth, dem Schreiber dieses Artikels speciell zu erwidern, da wir ja abgedroschene Einwände wie seine schon unzählige Male früher gehört und widerlegt haben. Man kann sich von der Tiefe des geschichtlichen Wissens dieses Herrn einen Begriff mache», wenn man bedenkt, daß er Bar Cochba, dessen Größe die Größten in Israel (selbst die Assimilanten) anerkennen und anstaunen, auf eine Linie stellt mit Schabthai Zwi und Josef Frank. Was würde z. B. der uns übrigens unbekannte Verfasser erwähnter Musterleistung dazu sagen, wen» wir ihn, ebenso vorgehend, mit einem anderen Manne „seiner" Nation, mit KosziuSko vergleichen wollten. Der geehrte Artikler weiß auch von den „Nationalen" zu erzählen, daß sie den Namen Mendelssohns verunglimpften. DaS ist einfach eine Unwahrheit. Die Nationalen ehren das Andenken dieses Großen, wenn sie auch der Ansicht sind, daß er in einer Beziehung irrte. Bewundert etwa das deutsche Volk seinen Goethe deshalb weniger, weil es nebenbei emgestehen muß, daß er keinen Sinn hatte für des Deutschthums Auferstehung? (Antisemitisches.) Zwischen einem christlichen Officier und dem jüdischen Chemiker und Rejerveofficier Wolff fand in Berlin ein Säbclduell statt, das mit der schweren Verletzung des Ersteren endete. Anlaß desselben war, daß der christliche Officier im Kaffeehause einem Kellner laut die Worte zurief: „Bringen Sie Kaffee, aber in einer Tasse, aus der noch kein Jude getrunken." — Im Monat Februar wird in Wien unter persönlicher Leitung S ch öii e r e r 's ein allgemeiner deutscher Bauerntag stattfinden. — Dreihundert Studenten der Wiener Universität machten am Nachmittag des 17. Jänner eine gemeinsame Schlittenfahrt in der Umgebung Wiens. Dem Carneval und ihrer Gesinnung Rechnung tragend, setzten sich die dreihundert jungen Arier riesige „Judennasen" ans und ließen von ihren Schläfen gut imitirte „Pejes" herabbaumeln. Und als die dreihundert jugendlichen Nachkommen der trutzigeu Germanen in der Judenmaske nach Döbling kamen, fanden sie einige echte Juden, mit denen sie nun ihr Kurzweil trieben. . . . Und bei solchen Zuständen, angesichts dieses Faschingsstreiches von 300 gebildeten Jünglingen, den künftigen, geistigen Führern des Volkes, haben noch unsere Affimilanten den traurigen Math, von einer Vermählung des Deutschthums mit dem Judenthum zu sprechen. Wir müßten dann natürlich die Rolle des Weibes spielen, welche die Schläge ihres Mannes als Liebkosungen hinzunehmeu sich gewöhnt hat. (Wieder eine Gegenpartei.) Die national-jüdische Idee hat sicher eine Zukunft; das zeigt schon die ungeheure Anfeindung, die sie allseits zu ertragen hat. Nebst de» Assimilanten in ihren verschiedenen Schattirungen, den social-demokratisirenven Weltbürgerthümlern und den augrnverdrehenden,Frömmler» ist uns noch ein Gegner erstanden, dem wir keinen Namen geben können, weil er keinen führt. Diese Namenlosen sagen nämlich: „Was wollen dir ,,1'nmiim“, die „Nationalen" mit ihrer Bewegung? Wozu ist denn diese nöthig? Ohnehin find die ‘ Juden eint Nation und find nanonal! Sie sagen also nur Selbstverständliches und möge» daher lieber schweigen." Gegenüber einer solchen Logik könne» wir nichts Anderes thun als noch die Assimilanten bewundern und ausrufrn'. „Heil Euch, Ihr Assimilanten! Danket noch Gott, daß Ihr wenigstens nicht so auf den Kopf gefallen sind wie jene Namenlosen." Die Juden sind eine Nation — natürlich; sie sind national — in einem gewissen Sinne freilich, in dem nämlich, daß die große Masse des Volkes unbewußt national fühlt. Genügt aber für die Behebung unseres Elends ein dunkler Trieb des Volkes, ist dazu nicht vielmehr das nationale „Bewußtsein" nöthig? Ist es angesichts des Treibens der Affimilanten nicht dringend geboten, daß die ihres BolkSthums sich Bewußten vor aller Welt als „Nationale" sich organi-