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Selbst-Emancipation · 1886-02-02 · Heft 3 (2.2.1886) · p. Seite 2

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1886
Issue
Heft 3 (2.2.1886)
Date
1886-02-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Selbst-Emancipatio«! Nr. 3 Gesängnißhof, der bisher . aus übertriebener Grausamkeit , ihnen ebenfalls verschlossen gewesen. Aber die Armen, zu Zeiten das ungewohnte Licht schauend, empfanden nun die bleierne Last der Stunden, die sie auch jetzt noch im finstern Kerker zu verbringen hatten, doppelt schwer. Es mutzte Licht herbeigeschafft werden! Und da beging unser Volk eben jene welthistorische — Klugheit, und versuchte, das Licht aus dem Gefängnißhofe in den Jnnenraum zu transportiren. Aber der jüdische Stamm ging da noch weiter wie jene guten Rathhausbeleuchter; d«s kommt wahrscheinlich von seiner dichterischen Begabung, seiner Einbildungskraft: Denn es war Israel, als es die Lichtsäcke öffnete, als ob es wirklich heü würde in dem großen Raum, es kam sich vor wie in einem Ocean von Licht. Und doch war das nur ein schwacher Lichtschimmer, den es sah, und der auch nicht den Säcken entstammte, sondern durch die. offen gebliebene Thüre sich hineingcstohlcn hatte — ein schwacher Lichtschimmer, den seine vor Freude erregte Phantasie zum Lichtmeere umgestaltete! Daß unser Volk diese — Klugheit im Freudenräusche beging, wer will ihm daraus einen Vorwurf machen, daß aber diese Trunkenheit sich verewigen will und man diese — Klugheit nicht wieder gut zu machen wünscht, das ist beinahe schon unverzeihlich. Da tanzen sie, die klugen Leute, in ihrem Kerker herum und schreien, wie bezahlt: „Sehet das Licht, sehet den Fortschritt!" Aber keine Regel ohne Ausnahme. Es gehen unter ihnen auch einige kopfhängerische Narren umher und wollen das Licht, von dem jene so viel-reden, nicht sehen: „Da ist's ja fast so finster wie früher," rufen diese, „und wenn die Zwingherren in wiedererwachender Plagelust die offen gelassene Thüre zufchlagen sollten, dann sind wir wieder im alten Elende. Darum brechet Fenster in die Mauern, lasset das wahre und kein eingebildetes Licht zu uns hereiukommen, dann sollt Ihr sehen, wie unser verkümmerter Leib und unser verkümmerter Geist neu sich kräftigen werden, dann kann es uns gelingen, bevor die Herren ihr Mülhchen wieder an uns kühlen wollen, in die Freiheit zu entweichen!" „Was, Ihr Finsterlinge, lichtscheue Rückschrittler, Ihr Männer verdunkelten Geistes? Was sprecht Ihr von Mauern, Briefe aus Serbien. i. Cs ist wohl ziemlich lange her, als wir unsere flüchtigen Blicke über die serbische Judenschaft streifen ließen und ein tieferes Eingehen in ihr Leben und ihre Lehre versprochen haben. Wir wollen nun daran gehen, uns mit diesem Nachtrage zu beschäftigen. In Serbien lebt nur eine geringe Anzahl von Inden, und zwar zumeist an gewisse» Orten von altersher. Das serbische Volk hat zwei Benennungen für unser Volk: Jewreu ist der landläufige Name, welcher den nationalen Charakter, die Stammeseigenheil, die nationale Individualität bezeichnet, der Gegensatz dieses Ehrennamens bildet die Bezeichnung Dzywutin, welchen Ausdruck man selten zu hören bekommt. Es will uns fast scheinen, daß dieser Volksstamm einen Zug von Milde besitzt. Wenn Judenhaß vorkommt, so ist es nur bei manchen Intelligenzlern der Fall, welche jeden Fremden auf serbischem Boden als Ausbeuter betrachte» und ihm seinen Erwerb als Raub am serbischen Volke mißgönnen. Die Juden leben hier zumeist vom Handel, weniger vom Handwerke. Die spaniolische Judenschaft ist von besonders zarter Constitution und würde auch demgemäßschweren körperlichen Arbeiten kaum gewachsen sein, wohingegen sie als Kaufleute eine geachtete Stellung sich erringen. Selbstverständlich trage» die Juden in patriotischer Weise zu den Bedürfnissen des Königreiches bei, und ihre Söhne kämpfen in einer Reihe mit ihren serbischen Ka- Fensteru, Gesangniß und Zwingherreu? Sehet das herrliche Licht! Ihr träumt noch von .alten Zeiten, die.nicht mehr sind," so antworte:: die — Klugen, deren Phantasie noch einen Schritt weiter gegangen ist und schrankenlose Freiheit schaut, wo die närrischen Fknsterbrecher noch Mauern zu sehen sich einbilden. Aber die „lichtscheuen Rückschrittler", welche die eingebildete Freiheit, das eingebildete Licht, den eingebildeten Fortschritt nicht sehen wollen, lassen sich durch das Gezetter der noch immer so Klugen nicht abhalten; sie eilen hin und schlagen mit Wucht an das Gemäuer, auf daß wahres, himmelintstammendes Licht in das düstere Gebäude des Judenthums eindringe, — auf dem natürlichen Wege. Die jüdische Volksseele erschließe sich der reinen, klärenden Lichtwelle des nationalen Selbstbewußtseins, des stolzen Selbstvertrauens, damit sich ablösen die Bande des Wahns, welche sie bis jetzt feffeln, damit Israel erkenne, dast man nicht in den groben Säcken der Selbsterniedrigung .und des Sclavensinnes das himmlische, göttliche Licht aufzubewahren. Ein Volk, dessen sittliches Gefühl durch Domestikeilsinn besudelt ist, kann für den Fortschritt nicht empfänglich sein; nur dasjenige, welches im Selbstgefühle groß ist, k a n n au f d e n B ahnen d e r A u fklärun g f o rt s chr ei t en. Die Nationaljuden sind es also, die den wahren Fortschritt wollen, das Licht aus natürlichem Wege — und die Affimilanten sind Diejenigen, welche für einen utopischen Fortschritt kämpfen, für das Licht in Säcken. Nachum Nathan Agassi. Khronik. (Z»r Affaire Stieglitz.) Der Vater der verschwundenen Rachel Stieglitz erhielt vor einigen Monaten eine Vorladung zum Krakauer Bezirksgerichte, wo ihm mitgetheilt wurde daß seine jetzt in Breslau weilende Tochter Rachel, rsots Marie das Gericht um Aufhebung der väterlichen Gewalt und um Bestell» ng eines Vormundes bitte, er selbst ober aufgefordert werde, seine Einwilligung dazu zu geben. Der arme Mann wollte dies unter keiner meraden. So hatte der hiesige Gemeinde! ath und Cultus- Präsident drei seiner Söhne im Felde. Wenden wir uns nun speciell der Haupt- und Residenzstadt des Königreiches Serbien zu unv versuchen wir, etwas länger bei diese/ wichtigen Gemeinde zn verweilen, womöglich erschöpfend zu berichten und einige Winke an die gehörige Adresse zu ertheilen. Von den zwei jüdischen Gemeinden, der sephardischen und der aschkenasischen, soll uns die spaniolische in erster Linie beschäftigen. Wir haben vor uns eine mehrere Jahrhunderte alte, in' edlem Conservatismns verharrende Gemeinde. Hier findet man den echt patriarchalischen Sinn der Juden in seiner alten goldigen Präge. Das Judcnviertel, Jewrejska mala, welches die Juden seinerzeit von den Türken zum bleibenden Wohnsitze (hart neben dem ihrigen, Dortsohol genannt) angewiesen erhielten, trägt allen jüdischen Bedürfnissen Rechnuna. Um die alte Synagoge, wie um die neuen, gruppiren sich die jüdischen Häuser der Born ehmeii concentrisch und erwecken in uns die Erinnerung an das Mischkaii; die Bundeslade unter den Bundesgenossen. In den Gotteshäusern herrscht Ruhe, Anstand und Ordnung, und jedes Mitglied scheint, wenn auch leider mit dem erhabenen Inhalt der Thora nicht immer vertraut, die Erhabenheit des Gottesdienstes instinctiv zu fühlen,. und steuert viel zur Erhaltung des Gemeinwesens bei. Die Anstalten der Gemeinde beschränken sich auf die Schule oder

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