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Selbst-Emancipation · 1886-01-15 · Heft 2 (15.1.1886) · p. Seite 10

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1886
Issue
Heft 2 (15.1.1886)
Date
1886-01-15
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Beirr 10 Seldst - E m a n c i p a t i o u! sJtr. 2 . Bernhard. Wer sagt denn „nein"? Man soll erkenntlich sein, Mit Gut und Blut deui braven Freunde beisteh'n Und mUthig voir ihiu wenden jede Noth; Doch weiter nicht! Doch weiter keinen Schritt, Wenn wir den Vorwurf der Zudringlichkeit Von unserem Nacken feruehalten wollen! Geziemt es uns, die Herren da zu spielen, Wo wir als Gäste kaum gelitten werden? O nein, und zehnmal nein! — Gesetzt den Fall, Gefallen wäre umgekehrt der Würfel, Und von der Heimat flücht'ge Polensöhue Vom Feinde bis zum Libanon gepeitscht. Sie hätte Juda gastlich aufgenommen: Wann würd' ein solcher Pole auch nur träumen, Daß er ein Jude sei mit Fug und Recht? Ernst. Wer weiß? Vielleicht. •. , Bernhard. Gefehlt, rnein lieber Vater, Die nackte Wahrheit, stürzet die Vermuthung: Es leben'Polen bei dem Sterneirbanner Und schwärmen nur für ihre Nation; Auch wohilen Viele in der Schweiz, in Frankreich, Und wähnen sie Frarrzosen da sein? Ernst. Die Polen haben aber ihren Bode». Berlchard. An eig'nem Boden fehlt es auch nicht uns. Eric st. Der Juden Reich ist längst in fremden Händen. Bernhard. Und hat denn Polen seinrrl eig'nen Herrn? . Ernst. Die Polen wohnen noch in ihren Gauen; Der Jud' ist in der ganzen Welt zerstreut. Bernhard. Rur Pflanzen sind an ihren Ort gefesselt; Der Mensch ist dort, wohin sein Geist ihn trägt. Ernst. Geeinigt sind die Polen durch die Sprache; Dem Judenthume fehlt auch dieses Band. Bernhard. Daß uns're Sprache brach bei Seite liegt, Daran sind uns're Volksversührer schuld. Gabriel. Geh', sag' das nicht! Man ist gewohnt zu wälzen Der Völker Leid auf deren Führer Haupt. Der Jud' allein verursacht seine Qualen, Denn mancher Fehler wurzelt ihm im Schoß; Nicht leicht sind alte Mangel gut zu machen. Bernhard. Die Juden sind schon seit den grau'sten Zeiten, Nichts anderes, als eine Nation. D'rum blieb auch Josef in Egypten Jude, Desgleichen Jacob in dem Gojeirland. Am königlicherr Hofe dachte MoseS, Ja in der Fremde nur an seine Brüder, Und ihre Wohlfahrt war sein höchster Wunsch. Am rothe» Meere und im Wüstensands, Sogar gefesielt bei den Babelsbächen Und gunstbeglückt im schöllen Spanien Erkannten uns're Ahnen sich als Volk, Obschon sie keine Erde eigen nannten. Hinweg mit jeglicher Bersinnlichung: Sie ist de»r Denkendeil nur ein Ballast. U»d zerrt das H Irre in den Staub der Erde! Ein Land? — Wozu ei» Land? — Wem soll dies Sinnbild- Macht uns der Boden wohl zu einem Stamm? Ist's nicht die geistige Verwandschaft, Dasselbe Streben nach demselben Ziele, , Dieselbe Hoffnung und Vergangenheit. Die einen Bruder an den zweiten reiht? Und wollt ihr durchaus denn eilt Sinnbild haben, Ein gold'nes Kalb, da ihr den Gott nicht faßt, Wvlan, ich biet' es euch: „Es ist das Blut, das unver» mischt in ilnsren Adern stießt!" Gabriel. Das leuchtet ein. Doch mich will es bedrucken. Daß heutzutage noch das Jndrinhum — das treue Mein' ich — einen Brennvunct hat, Wo feine Wünsche sich vereinen : „Zion ist's". Jahraus, jahrein begiebt es sich dahin Und will in der geweihten, lieben Erde, Wo seine Väter ruh'ir, bestattet werden. Ernst (der tief in Gedanken versunken war, fragt plötzlich.) Noch eines, Bernhard! Liebst du alle Menschen, Mit solcher Wärme, wie das Judenthnm? Bernhard. Wenn ich die Ueberlegnng darum frage. Die mich die Pflichten gegen Mitwelt lehrt, So heißt sie alle Menschen gleich mich lieben; Allein wenn ich das Herz im Busen forsche,^ Sv pocht es heftig bei dem Worte „Jude" ' Und etwas linder bei dem Klange „Mensch". Ernst. Warum denn Bernhard? Bernhard. Weil ich so es fühle; . Die Vorsicht hat es weise so gefügt. Es kairn ein Mensch nicht allen. Menscheil helfen. Dazu sind unsre Kräfte viel zu schwach, Urrd wer zu viel beginnt, wird nichts vollbringen. Drum fege jeder erst vor seiner Thür Und steh vor allem bei den Seinigen Mit off'ner Hand und liebevollem Sinn, Dann wird der Mangel von der Welt verschwinden. Der Jude also muß in erster Reihe Zu steuern suchen seiner Brüder Roth. Gabriel. Ganz recht! So ist's, das wollt' ich eben sagen. (Schluß folgt.) Novelle von . WeHemicr Werrrier. (Fortsetzung.) Es ist für die Menschenkinder doppelt .angenehm, lveiln das Wetter zu ihren Feiertagen paßt. Uno das war heute, am ersten I?ssss.obr-Tage der Fall : Recht warm schien die Sonne, in deren Strahlen, vom leisen Morgenwinde bewegt, die noch kleinen Blätter an Bäumen und Sträuchern spielten. Die Vöglein jauchzterr und die Sckiffer, die auf gebrechlichen Kähnen über den mächtigen Donanstrom dahinglitten, sangen und pfiffen muntere Weisen. Und auch auf den Gesichtern der wenigen Jsraelssöhne, die diese Gegend bewohnerr, lag Friede und Freude ausgebreitet; der düstere Ernst, den sie in ihrer nicht endenwollenden Verbannung angenommen, war heute aus ihren Zügen verschwunden, denn heute hieß sie die Geschichte ein Freiheitsfest feiern, mit dem das Erwachen der Natur, die Sprengung der Winterfeste!,, in wunderbarem Einklang stand, in einer

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