Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1886
- Issue
- Heft 2 (15.1.1886)
- Date
- 1886-01-15
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Selb st-E mancipatio»! Seite lj Urbereiüstimittuiig, die auf das Gemüth dieser Menschen belebend rinwirkte. Samuel Kerner und Josef Salzer kamen vom Minjan nach Hause. Das Minjan fand nicht mehr wie vor siebzehn Jahren in T. selbst statt, sondern in einer benachbarten Ortschaft, woselbst wegen der doch einigermaßen gewachsenen Anzahl der Juden in der Umgegend, ein ständiges Bethaus errichtet worden war. „Jetzt bin ich mir ganz klar, was unsere Pflicht ist; ich danke Ihnen", sagte Kerner zu seinem jüngeren Begleiter, als nur noch wenige Schritte die beiden Männer von der Hausschwelle trennten „Ja, ja unsere Füße, in denen der Wandergeist rumort, brauchen die heimatliche Scholle, und unsere Hände, die nur zum Geldzählen und Gesticuliren da zu sein scheinen, bedürfen des bäuerliche» Pflugs". „Vater, Vater" tönte es jetzt aus einigen Kinderkehlen freudig hervor, „Gut Jontew, Vater, Guten Morgen" schallte e§ nochmals und die Schaar der Kleinen, die in ihren Festgkwäudern und mit den auf den gesundrothen Wangen pickenden Mazzes-Brosamen gar herzig aussahen, kletterte an dem sie vergnügt kosenden und küssenden Manne empor. „Nun wie schmecken Dir die Mazzes, Du Knirps?" frug Kerner einen vierjährigen, pausbäckigen Jungen. „Sehr dut, die Mutter hat uns die Mazzes in Taffee dedeben und das is noch mehr dut". „Nein" rief jetzt ein Mädchen, das um ein Jahr älter war, „im Taffee sind sie nicht so dut wie trotten". Die Kinder machten Miene, einen regelrechten Zank darüber zu beginnen, ob Mazzes trocken oder im Kaffee besser schmeckten; doch der Vater beugte dem Unwetter dadurch vor, daß er sie daran erinnerte, doch auch an die Begrüßung des Herrn Salzer zu d nken Diesem, dem Liebling : der Kleinen, gelang es nun auch, durch seine Spässe die Kinder auf dem Wege durch Vorzimmer und Küche an ihren Streit vergessen zu machen. Man setzte sich bald zum Mittagmahl, das in heiterster Laune und in festtäglicher Stimmung zu sich genommen wurde, und wobei sich die Kinder über die guten Pessacli- Knödel unbändig freuten, — eine Freude, die selbst der Zwölfjährige nicht verheimlichen konnte. Nach dem Essen schickte» sich die Eheleute zu einem Mittagsschläfchen, einem Vergnügen, das sie sich nur an Sabbaten und Feiertagen gönnen konnten, an, während sich Rösele in Begleitung seiner kleinen Geschwister und Salzers in den hinter dem Hause befindlichen Obstgarten begab. Die noch sehr schwach belaubten Bäume verhindeiten nicht den Durchgang der Sonnenstrahlen und es herrschte eine wohlthnende Wärme. „Hier ist fmein Lieblingsplätzchen, Herr Salzer, wollen wir vielleicht hier Platz nehmen", sprach das Mädchen, indem cs sich auf eine grün, angestrichene Gartenbank niederließ und den Oberkörper zurücktehntr. „Sitzen Sie, Fräulein Rosa, ich werde stehen" sagte der junge Mann, das schöne Kind mit bewundernden Blicken mesie»d. „Warum wollen Sie nicht auch sitzen, Herr Salzer?„ „Weil ich Sie so besser betrachten kann." „Und was haben Sie davon?" fragte das Mädchen, indrm es die Blicke niederschlug und erröthete. „Wie wunderbar schön waren Sie gestern Abends Fräulein Rosa, als Sie so erregt dastanden," sagte der junge Mann, ohne eine birecte Antwort zu geben. „Wie sie jetzt da ruhen, sehen Sie ganz' anders aus und doch auch so berückend und entzückend" fügte Salzer in leidenschaftlichem Tone hinzu. „Herr Salzer!" ' klang Rösele's Stimme in mehr bittendem als warnendem Tone und dieser flehende Klang aus dem Munde des unschuldigen Kindes brachte den Jüngling wieder zu sich. ' „Was war es, das sie gestern so erregte?" fragte er nach einer kurzen Pause des Stillschweigens. „Und das fragen Sie, — Sie?" „Wie meinen Sie das, Fräulein?" „Sie, der so warm für unser Volk fühlt; der, wenn ich nicht irre» jede Rohheit verabscheut und jedes Unglück des Nebenmrnschen mitrmpfindet". sprach Rösele in wieder aufwallendem Gefühl. Jetzt sah sie wieder so furchtbar schön aus, wie gestern, nur daß sie sich nicht erhoben hatte, wogegen sie aber die kleinen weißen Hände auf de» wogenden Busen preßte. »Za, Fräulein Rosa, ich fühle für mein Volk; ich verabscheue jede Rohheit, ich empsinde das Unglück meines Nebenmenschen mit und weil Sie ebenso fühlen und empfinden wie ich, darum müflen Sie mich unterstützen im Kampfe für mein Volk, im Kampfe gegen die Rohheit und gegen das Unglück" sagte der junge Mann in tiefer Bewegung. „Wie sollte ich das im Stande sein?" erwiderte das Mädchen, dessen Leidenschaftlichkeit in Verwirrtheit mnschlug, zaghaft. „Wie? Wie anders, als daß Sie immer um mich sind, mich anzuspornen, wenn ich ermüde, mich zu trösten, wenn ich Schiffbruch erleide, mit mir zu jubeln, wenn ich siege? Wollen Sie das, Rösele?" „Was soll ich wollen?" flüsterte die Gefragte, ihn mit ihre» schwarzen Gluthaugen aus denen eine Sonne von Zärtlichkeit leuchtete, voll anvlickcnd. „Mein werden, mein Weib sein, mein Alles auf Erden!" stieß er stürmisch hervor, indem er, die Arme öffnend, sich zu ihr niederbeugte. „Ich will" lispelte Rösele — und im nächsten Augenblicke lagen sie einander in den Armen. Zwei heiße Küsse drückte er ihr auf Stirne und Lippen, dann ließ er sie, die sich ihm sanft zu entwinden suchte, wieder los. „Masol tow!" rief es da plötzlich und Samuel Kerner trat hinter einem Baumstamm hervor. Rösele fiel ihm weinend und lachend um den Hals; er aber befreit« sich von ihren Armen, trat auf Salzer zu, reichte ihm die Hand, zog ihn dann an seine Brust und küßte ihn. „Sie haben also gelauscht, Vater?" sagte der junge Mann. „Wäre mir nie eingefallen, aber dem kleinen Knirps da war Eure Aufregung nicht geheuer vorgekommen, er holte mich und ich kam eben recht, um Euch noch ma8oi tow sagen zu können. — Heute Abends kriegst Du doppelt so viel Mazzes in» Kaffee, kleiner Knirps, nur mußt Du mir noch schnell die Mutter holen". * * * „Sage mir doch, Onket, was für ein Bewandtniß hat es denn damit, wovon mir mein seliger Vater einst erzählte, daß unsere Familie nämlich ans Frankreich stamme, wo sie Sellier geheißen habe". „Was soll es denn für Bewandtniß damit haben" sagte der also Angeredete, argwöhnischen Blickes den Frager, in dem wir Josef Salzer erkennen, betrachtend; „Dein Urgroßvater waudcrte einfach aus Frankreich nach Deutschland aus und übersetzte hier seine» französischen Namen Sellier in den deutschen Salzer". „Ist das Alles, Onkel?" „Was soll da noch mehr daran sein? es ist doch keine Seltenheit, daß ei» Jude aus einem Lande in das andere zieht!" „Aber wozu die Nameiisättderulih? Juden t>ageu ja sonst so gerne französische Namen?" „Wozu? Kann ich das wissen?" sagte der alte Mann ärgerlich. (Fortsetzung folgt.)