Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1886
- Issue
- Heft 2 (15.1.1886)
- Date
- 1886-01-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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'! Seite 4 Selbst- Ema ncipation Nr. 2 albern ist, für eine Nation, die ihn nicht mag, seine Haut zu Markte zu tragen, dann verdient er vollständig dieses Schicksal und wir gönnen es ihm auch. Ebenso empfinden wir, aufrichtig gestanden, eine Freude darüber, wie die „Unverfälschten deutscheil Worte" bei der Aufzählung der Verurtheilten den Juden Mandl, die Deutschen so und so und die C z e ch e n so nnd so namhaft macht. Also Herr Mandl, die czechischen Schläge von Königinhof haben Sie nicht zu einem Deutschen machen können, ebensowenig als Ihr kraftvolles Vorgehen zu Gunsten der deutschen Sache. Wen» Sie Ihre sechs Monate absolvirt haben, dann folgen Sie unserem Rathe und thun Sie gescheidtere Dinge, als für eine der Nationen Böhmens Schläge austheilen und bekommen! (Das Dopprlgesicht.) Die löblichc „Ojczyzna“ in Lemberg hat eine gewisse Aehnlichkeit mit dem doppelgesichtigen Bilde des römischen Gottes Janus. Wie bekannt, erscheint das Blatt des Vereines „Agudas Achim“ doppelzüngig, in polnischer und hebräischer Sprache. Während nun mit den Lauten Mickiewicz's die Assimilation im reinsten Sinne des Wortes gepredigt wird, weht in dem Theile, der sich der Sprache dcsJesaias bedient, ein ganz anderer Geist. Liest man die hebräische Hülste der „Ojczyzna“, so findet mail nichts Anderes darin, wie Fonschrittsliebe, Streben nach Bildung und Aufklärung, und das ist es, was so manche der galizische» „Maskilim“, namentlich, wenn sie erst unlängst dem Chassidismus den Rücken gekehrt haben, zu blinden Anhängern der „Agudas Achirn“-Helden macht. Deswegen hat sich auch ein solcher armer hinter's Licht Geführter, der sicher kein Polnisch versteht, veranlaßt gesehen, in der letzten Nummer der „Ojczyzna“ (hebräischer Theil) gegen die l'nmiim. die Nationalen, loszuziehen, weil diese es wagen, dem Verein „Agudas Aoliim" zuzumuthen. ki al hahitkboleluth megamath chefzah’ daß derselb e assimilatorische Tendenzen habe und der gute Manu gibt daher Jedermann, dem ein Nationaler so etwas sollte einreden wollen, den guten Rath: „af atha hakhe eth schinaw Vamor Io“ — „Du aber brich' ihm die Zähne aus und sage ihm: Im Sinne eines wahren Freundes seines Volkes ist dieser Gedanke (nämlich der Gedanke der Assimilation) nie aufgestiegen. Nur den heiligen Geist der Liebe zur Aufklärung anzufachen, ist ihre Tendenz (nämlich die der „Ojczyzna“), sowie im Herzen unserer Brüder die Liebe zur Arbeit zu erwecke». Zu dieser Ueberzeugung bin ich mit meinem geringen Verstände gekommen und das merke Dir." Lasse sich doch der resolute Herr die Correspondenz über die Wiener Makkabäer-Feier im polnischen Theile des Blattes übersetzen, nnd er wird zu seinem nicht geringem Erstaunen zu hören bekommen, daß gerade diese Assimilation (und dieses Wort hat ja doch dieselbe Bedeutung wie das hebräische hithboleluth) als der Rettungsweg für das jüdische Volk bezeichnet wird. — Die verehrliche Redaction sieht sich aber veranlaßt, den Worten ihres Opfers eine kleine Nachbemerkung hinzuzufügen, worin sie zuerst entrüstet thut, daß Leute, die sich über die Gebote der Thora hinwegsetzen, Personen verdächtigen, die das wahre Wohl ihres Volkes (amom!) im Auge haben, und dann bitter darüber klagt, daß Leute mit akademischer Bildung den finsteren Chaffidim in die Hände arbeite». Wir haben es schon oft genug betont, daß unsere Partei ihren Gliedern nicht irgend eine bestimmte religiöse Meinung aufzwingt, sondern ihnen in dieser Beziehung vollständige Freiheit läßt, wie sie denn auch in Wirklichkeit Männer aller religiösen Schattirungen, vom Chassid bis zum Extrem-Aufgeklärten, zu den Ihrigen zählt. Ebensowenig haben wir je ein Hehl daraus gemacht, daß wir die Allianz mit den Ch-ssidim nicht scheuen, aus dem einfachen Grunde, weil zu der Zeit, wo eS sich um Sein' oder Nicht-Sein handelt, alle anderen Rücksichten schweigen müssen und die Fortsetzung des Kampfes um Aufklärung, resp. gegen Verfinsterung bis nach Sicherung der Existenz verschoben werden muß. — Jedenfalls würden wir der löblichen „Ojczyzna“ freuudschaftlichst rathen, uns nicht zu verdächtigen, denn die Taufpräparandie „Agudas Achim“, die es nicht scheut, sich zuweilen mit Antisemiten, die freilich keine Chassidiin sind, zu alliiren. sollte zuerst vor ihrer , eigenen Thüre fegen. (Antisemitismus in der Schule.) Die Gewerbeschule im Wiener Bezirke Josefstadt besuchte ein löjähriger Judenbursche, der Goldarbeiter-Lehrling, MichaelSch a p ir a. Derselbe hatte seines Judenthums wegen von seinen Mitschülern so viel Quälereien und Nergeleien zu ertragen, daß er endlich, als er am 4. November vorigen Jahres beim Austritt aus der Schule, aber noch im Schulgebäude, wieder von etwa zwanzig College» geschlagen und gestoßen wurde, die Geistesgegenwart verlor und in seiner Verwirrung und Verzweiflung mit seinem Taschenmesser sich wehrte, wobei er dem Schuhmacher-Lehrling Martin P a w l o w i c s eine Brustwunde, freilich der leichtesten Art beibrachte. Schapira hatte sich nun, mit Rücksicht auf das unter Umständen gefährliche Thatinstrument, am 8. Januar dieses Jahres vor einem Erkenntnißgerichte gegen die Anklage wegen schwerer körperlicher Beschädigung zu verantworten. Der Lauf der Verhandlung förderte mit erschreckender Deu>- lichkeit die Thatsache zu Tage, daß das antisemitische Gift tief in die Volksseele gedrungen sei; dieser Proceß zeigte in beschränktem Rahmen das Elend unseres Stammes im Großen und Ganzen, Hier einige Proben aus dem Verhöre der Betheiligten : — Vertheidiger (zum Angeklagten) : „Wie haben sich Ihre Mitschüler überhaupt gegen Sie benommen?" Angeklagter: „Sie haben mich immer geschimpft und geschlagen. Sie haben mich mit Tinte angeschüttet und meine Hefte mit Tintß. übcrgosscn. Einmal haben sie mir den Fuß an die Bank angebunden, damit ich falle, wenn ich hinausgehe" Vertheidiger: „Was war der Grund dieser gehässigen Stimmung?" Angeklagter: „Weil ich ein Jude bin." Vertheidiger: „Wie viel Juden sind denn in Ihrer Classe?" Angeklagter: „Ein einziger und der bin ich." Vertheidiger; „Wie viele ihrer College» haben sich an den Seccatureu betheiligt?" Angeklagter : „Jeder Einzelne. So wie ich in die Schule gekommen bin, haben sie mich an die Wand gestoßen und beim Weggehen war's noch ärger." — Der Beschuldigte Pawlowics erzählt: „Ich sitz' in der Schul hinterm Schapira. Er hat sich auf mich umg'schaut und ich Hab' ihn gefragt: „W a s schaust Du, Saujild?"— Vertheidiger (zum Beschädigten) „Hat Schapira euch einen Anlaß gegeben, ihn zu secciren?" Zeuge: „Na." Vertheidiger : „Also b l o s darum, weil er ein Jude ist?" Zeuge: „Ja." — Vertheidiger (zum Lehrherrn des Angeklagten, ebenfalls einem Juden): „Er hat sich also vor seinen Mitschülern gefürchtet?" Zeuge: „Gewiß. Ich habe vor zwei Jahren auch einen ordentlichen, ruhigen Lehrjungen gehabt, der auch ein Jude war. Der ist in der Gewerbeschule so ge s ch la g eu worden, daß er ohnmächtig liegen geblieben i st." — Zeuge Julisch (Lehrling) erzählt ebenfalls, daß Schapira immer geschlagen werde. Vorsitzender fragt: „Gibt er Veranlassung dazu?" Zeuge: „O nein, er thut Niemandem etwas, aber so wie er zur Thür hereinkommt, heißt es: „Der Ju d' komm t!" — Der Gerichtshof sprach schließlich den Angeklagten wegen schwerer körperlicherBeschädigung frei, erkannte ihn dagegen der Ueberschreitung der Nothwehr nach §. 431 St.-G. schuldig und verurtheilte ihn zu einer Woche Arrests. (Im Jahre 1885) sind der Zeitschrift „Occident" zufolge 18i633 Juden nach Amerika ausgewandert, und zwar 11.348 aus Rußland, 1835 aus Oesterreich-Ungarn, 1819 ■tiwwiw. lAjI'iUftSWg