Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1886
- Issue
- Heft 1 (1.1.1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 S c l b st -E ma nc i p a l i o u I Seit' H Novelle von WeHerrricr Werner. - (Fortsetzung.) Gewaltig aber verschiedener Art, war die Wirkung, welche die Lebcnsgeschichte des alten Josef Kerner, von deni jungen Manne mit Gefühl vorgelesen, auf die Zuhörer ausgeübt hatte. Sami Kerner war tief erschüttert uud Thronen rollten ihm Über Wangen und Bart, ihm, ver in dieser Stunde das unendlich traurige Geschick seines unglücklichen edlen Vaters, den er nie gekannt, erfahren hatte, dem erst jetzt daS in sich gekehrte und verschlossene Wesen des guten Großvaters, der ihn erzogen, so recht begreiflich geworden war. Auch in Blümeles Augen perlten Thränen. Aber ganz eigenthümlich war der Eindruck des eben Gehörten auf Rösele. Als Josef Salzer in seiner Vorlesung an die Stelle gekommen war, wo Adolf Kerner, von seiner christlichen Geliebten zum Besten gehalten, zur Verzweiflung getrieben wird, blitzten ihre wunderbar große», schwarzen Augen auf, und als sic weiter hörte, wir Unglück an Unglück sich reihte, ergriff sie eine namenlose Erregung: Ihr Busen wogte, ihre Wangen färbten sich purpurn, ihre vollen Lippen zuckten krampfhaft uud jäh stand sie aus. Als Salzer nach Beendung seiner Vorlesung aufblickte und das holde Mädchen, das er seiner Lieblichkeit wegen sonst so gerne mit der Snlamith des Hohenliedes verglich, in eine rächende Judith verwandelt sah, ergriff ihn eine staunende Bewunderung für diesen in majestätischem Grolle dastehenden Engel der Vergeltung, der so furchtbar schön war wie das tobende Gewitter, und unwillkürlich kam es über seine Lippen, dass er das Mädchen anrief. Das bewirkte, daß auch Vater und Mutter auf die Tochter hiusahen. „Was ist Dir? Was geht mit Dir vor?" frugen sie beide gleichzeitig. „Nichts, nichts" erwiederte die Gefragte hastig, indem sie sich wieder niedersetzte. „Die Geschichte hat mich ein wenig angegriffen." Die "Eltern waren viel zu sehr mit den eigenen Gefühlen beschäftigt, als daß sie weiter dem Mädchen Aufmerksamkeit geschenkt hätten. „Ich will den letzten Wunsch meines seligen Großvaters erfüllen, will daran Mitarbeiten, dem Elend unseres Volkes ein Ende zu machen. Ja, das will ich, sowahr mir Gott helfe!" sagte Sami Kerner nach einigen Minuten deS Stillschweigens in feierlichem Tone. „Doch wie finden Sie, Herr Salzer diese Schrift?" fuhr Kerner fort. „Ich?" antwortete der junge Mann, seine Blicke von Rösele nicht lassend, „ich sehe in ihr nicht nur die Geschichte des Schicksals einiger Menschen, sondern die des Looses unseres ganzen Volkes." „So ist es" sagte Kerner und nickte.mit dem Kopf. ^Ach hätte ich den Inhalt dieser Schrift früher gekannt! Warum wollte ich kein Hebräisch lernen, so sehr es der gute Großvater wünschte und mit soviel Lehrern er es versuchte denn er selbst war zum Unterrichten zu schwach." So sprechend nahm Kerner das Heft in die Hand und blätterte zerstreut darin herum. „Er schrieb seine Geschichte hier in T., als er gerade in Besuch bei Deinem seligen Vater war, Blümele", bemerkte er und blätterte nachdenklich in der ihm unverständlichen Schrift weiter. „Da sehen Sie sich doch einmal die Papiere des französischen Offiziers an, Herr Salzer; solche alte Stücke pflegen einen gewissen Reiz zu haben." Der junge Mann nahm die gelblichen Papiere, entfaltete sie und begann ihren Inhalt zu prüfen: Dos eine war ein Geburtszeugniß, welches auf einen gewissen Raphael Sellier lautete, der am 7. Dezember 1785 in Paris als Sohn der jüdischen Eltern Ahron und Lcah Sellier geboren worden war. Salzer begann zu zittern, als er diese Worte las. Welch' merkwürdige Fügung des Schicksals! Doch er wollte von der eben gemachten Entdeckung nichts merken lassen und griff zum zweiten Papiere. Auch dieses war ein Geburtsschein und zwar der einer Frauensperson, Namens Antonie Montuoir, die ebenfalls in Paris aber von christlichen Eltern und einige Jahre später geboren werden war. Schweigend nahm er das dritte Schriftstück — drei waren es iin Ganzen — zur Hand. Es war ein Taufschein, worin bezeugt wurde, dass Raphael Sellier am 20. Dezember 1805 in Paris vom jüdischen Glauben zum katholischen übergetreten sei und in der Taufe den Namen des heiligen Rupertus erhalten habe. Ein kalter Schauder überlief den jungen Mann, gleich darauf packte ihn Fieber-. Hitze und es war ihm, als würde seine Kehle von einer eisernen Faust zusammengeschnürt. „Kennen Sie den Inhalt dieser Papiere. Herr Kerner?" fragte Salzer in einem Tone, deffen hcisern, furchtsamen Klang der selbst in Aufregung befindliche Kerner nicht „Den kenne ich freilich," gab dieser zur Antwort. „Früher konnte ich mir natürlich nicht erklären, welche Bewandtniss es n it ihnen habe. So war also der betreffende Offizier, der diese Papiere im Hause meines Urgroßvaters vergaß, ein getaufter Jude? „Offenbar", sagte Salzer halblaut. „Und kann ihn ja nur diese Antonie Montnoir dazu verleitet haben? DaS liegt auf der Hand!" calculirte Kerner weiter. „So sollte also der Erwerb dieser Papiere für meinen Großvater ein böses Omen sein, daß einst sein Sohn, mein verewigter Vater, an einem ähnlichen Verhältnisse zu Grunde gehen werdet" Der junge Mann erwiderte auf diese Betrachtungen Kerner's nichts, sondern mit der Hand über die Stirne streichend, als wollte er die in seinem Kopfe sich tummelnden unangenehmen Gedanken verscheuchen, erinnerte er an die Fortsetzung der Hagadah. Rösele sah ihn forschend an; sie war die Einzige, welche seine innere Unruhe bemerkte. Die Hagadah wurde fortgesetzt und als man zur Stelle kam: leachonoh habooh bi-Jeroscholajim, leuchteten die dunklen Augen Kerner's und Salzer's und hoben sich ihre Stimmen, und auch Rösele, wiewohl es nicht den Grund dieser größeren Lebhaftigkeit ahnte, wiederholte in lauterem Tone den Ausruf: Leschonoh habooh bi- Jernscholajim; Salzer lohnte es dem Mädchen mit einem heißen Dankesblicke. Ohad gadjo, Chad gadjo, — die Hagadah war zu Ende. * „Wir werden morgen darüber sprechen, Herr Salzer, wie ich meinem Schwure Nachkomme» kann. Unser beider Aufwallen bei Leschonoh habooh bi-Jeruseholajim zeigte mir, daß mich nlcin Nachdenken in der letzten Zeit zu derselben Ueberzeugung geführt hat, die, wie ich sehe, auch die Ihrige ist." „Und mit der Zeit auch die unseres ganzen Volkes wird werden müssen." —-- (Fortsetzung folgt.) Eingesendet! Löbliche Redaction! Im Namen der jüdisch-nationalen Studentenschaft ans Stanislan ersuche ich um gütige Aufuahme folgender Zeilen in Ihr geschätzter Blatt: Anläßlich der vom Commis- und Buchhalterverein in Stanislau veranstalteten Makkabäer-Feier richteten au den-