Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1886
- Issue
- Heft 1 (1.1.1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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S el b st - Ema n c i p a t i o n! Nr. 1 Seite 10 Bernhard. Das Schicksal meines Stammes, meines Volkes, Das Schicksal, dessen Härte ich erkannt. Ernst. Da hast Du Recht; es wird zu sehr bedränget Das Polenvolk, die edle Nation -- Bernhard (erstaunt.) Das Polenvolk? — das Polenvolk?! — was heißt das? Regina (öffnet die Thüee.) Papa, der Thee ist. fertig,.darf ich bitten? Ernst. Du gehst mit uns, mein Vater? Gabriel. _ Nein, ich bleib', Ich mag nicht Thee; das wollt' ich eben sagen. , (Alle außer Gabriel ab.) Zünfte feetu. Gabriel (allein.) Mein Gott! Wie hübsch, wie groß ist er geworden! Der Bernhard stellt schon einen ganzen Mann. An's Herz ist mir der Junge festgcwacysen, Und wer ihn kennen lernt, gewinnt ihn lieb. Als kleine, aufgeles'ne, arme Waise Kam er vor Jahren einst in dieses HauS. ES hat mein Sohn sich seiner angenommen Und ihn erzogen, wie sein eig'nes Kino. Mir hat des Knaben off'ner Sinn gefallen, D'rum weiht' ich ihn in. uns're Lehre ein, Ich unterwies ihn.früh und spät voll Eifer Darin, was uns're Waisen einst gedacht; Da hat der Knabe jeden Laut verschlungen Und kennt die heil'ge Bibel durch und durch. Jawohl! die Bibel kennt er auf den Fingern, Die Bibel, die ein Born von Wissen ist, Ein wahrer Schatz. Das wollt' ich eben sagen. . Sechste Scene. Regina und Voriger. Regina (rasch eintretend.) Großväterchen, wie gut ist's, daß Du da bist; Ich such' Dich schon seit einer guten Weil'. . . . Gabriel. Was hast Du denn, mein liebes Kind, so eilig? - - Regina. Ach komm' und hilf mir.doch besänftigen Des Vaters und des Bernhards wilden Zwist! . . Gabriel (steht auf.) Sie streiten? was? Regina. O, komm' nur schneller! Gabriel. Das nenn' ich einen herrlichen Empfang. (Er will hineingehen.) Siebente Scene.K Ern st und Bernhard (treten aufgeregt ein). Vorige. Ernst. - Bist da, mein Vater, gut, dann, wirst. Du richten, Ob Bernhard oder ich verblendet bin. ■ Bernhard. , Entscheidet strenge,. weither Gabriel! . . - ES ist ein Kampf um die Pnncipien. Gabriel. . Mit gold'ner Wage will das Rechts ich wägen. Nun sagt mir ganz gelassen Eu'r Begehr! Regina (bei Seite.) Wie immer auch der Schiedsspruch wird fallen, Mich schmerzt es doch, daß dieser Streit entstand. Ernst. So hör' denn Vater! Meine Ansicht lautet. Daß ich ein „Pole" bin mit Fug und Recht. Bernhard. Dagegen sagt mir meine Uebcrzeugung: Ich bin und war und werde „Jude" sein. Gabriel. Der Punkt ist ernst; hier gilt es Gründe wissen, Und wo sie überwiegen, liegt das Recht. Doch Staunen muß ich wohl ob solchen Themas, Das mir bis nunzu gänzlich ferne lag. Im Studium des Talmudes vergraben, Galt mir die Außenwelt zwar nimmer viel, . Die einz'ge Bibel war mein All' und Alles. Ich war's zufrieden und das heißt sehr viel. Und nun. mein Sohn, möcht' ich die Gründe hören. Warum Du Dich zum Polenthum bekennst. Ernst. So höre, Vater! Wenn ein müder Wand'rer, Der durch ein herbes Los vom Haus gejagt. Und überall, wohin sein Fuß nur trat. Den Haß und Uebermuth zu kosten hatte, — — Wenn dieser Flüchtige zuletzt gelangt An einen Ort, wo man ihm Obdach bietet, Ihm Freiheit gibt und sorgt um sein Gedeih'»; Ist es dann Pflicht, daß dieser Wandersmann Dem guten Wirthe dankbar sich erweise?; Gabriel. Das Gegentheil wär' freilich schlimm und schimpflich. Ernst. Nun denn! Des Juden böses Mißgeschick, Es gleicht genau dem jenes Wandersmannes, Und Polen hat ihn freundlich ausgenommen - Und Schutz gewährt in seiner höchsten Noth. Nun, Polen sank; nun es das Glück verlassen, Soll schnöde ich ihm auch den Rücken dreh'n? Soll ich vernünfteln jetzt von ihm mich trennen Und schlau dem Antheil der Gefahr entgeh'»? Soll nicht für Ideale mich erwärmen,. Die meiner Polenbrüder Brust durchweh'»? Ich leb' in ihrem Land, mich nähret ihre Erde, Uns droht derselbe Feind, uns labt dasselbe Glück; Hier blüht die Zukunft mir und . hier das Ziel des Lebens; D'rum nenn' ich Pole mich, als Glied des PolenthumS. Gabriel. O herrlich! herrlich! dies klang überzeugend. Mein Ernst spricht überlegt. Wer kann's bestreiten? Doch wollen wir den Bernhard jetzt vernehmen, Es ziemt sich, daß man beide Theile hört. Bernhard. Wie sehr ich auch Herrn Strömling lieb' und achte, -- Der mir ein Vater und Erzieher ward, Wie sehr ich dessen Weisheit würdig schätze. So hat er mich jedoch in diesem Punkte Nicht überzeugt.. . Gabriel (ungeduldig.) Die Gründe, Bernhard, wünsch' ich. (Fortsetzung folgt.)