Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1886
- Issue
- Heft 1 (1.1.1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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- Minsk 1× ep/1000754
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Selb fl - E „i a » c i p a i i o 11! •Pfito <’• Nr. 1 hebräischen Literatur sich von Tug zu Tag vergrößert, anderererseits. der niedrige Ab?n»ementsvrris zur raschen Verbreitung desselben beitragen wird. Ich kann auch nicht umhin, zu erwähnen, daß der Herausgeber und Redacteur deS ,jHamelitz,“ Herr Zederbaum, unter dieser Concurreikz nur wenig zu leiden haben dürfte, da er eine überaus gewandte und tüchtige Kraft, dx» .Dichter Jehuda Lew Kordon zum faktischen Redacteur seines Blattes gewonnen hat. Herr Zederbaum selbst wird, wie mir mitgetheilt wurde, sich ausschließlich mit der Redaction der neuen illustrirten hebräischen Monatsschrift „Hamizpah“ beschäftigen und nur der nominelle Redacteur deS „Hamelitz“ sein. — Unter der jüdischen Studentenschaft in Dorpat regt sich auch das nationale Bewußtsein immer mehr und mehr, wovon die drei Vereine, die binnen zweier Jahre gegründet wurden, Zeugniß oblegen. Der älteste ist der vor zwei Jahren gegründete nationale „Verein für jüdische Geschichte und Literatur." an welchem nur Studenten, die ein russisches Gymnasium absolvirten, theilnehmen. Der zweite, „Musikalisch-literarischer Verein" ist jetzt ebenso alt und zählt circa 40 Mitglieder, die ein deutiches Gymnasium absolvirten. Der dritte — „der wissenschaftliche Verein" — ist unlängst gegründet. Diese drei Vereine unterscheiden sich aber blos den Namen nach, in der Wirklichkeit aber haben sie ein Ziel im Auge, nämlich: „Pflege der jüdischen Literatur und nähere Bekanntschaft mit den jüdischen Jnterrssen im Allgemeinen," wobei aber zu bemeiken ist, daß der erste Verein strenger und entschiedener seine Ziele verfolgt, als dir beiden anderen. Jeder dieser Vereine bat ein eigenes Local nebst Bibliothek, wo di: Mitglieder sich einmal wöchentlich versammeln, nm den obligatorischen Vorträgen ihrer Commilitonen beizuwohne». Ich sage „obligatorischen Vorträgen," und mit Recht, denn laut ihren Statuten, wie mir bekannt ist, muß ein Jeder, der seinen Vortrag nicht zum Termin hält, ein grwisies Strafgeld entrichten. Von den übrigen jüdischen Studenten Rußlands, die sich mit den nationalen und sonstigen Interessen ihres Volkes beschäftigen, sind zu erwähnen die der Universitäten — Petersburg, Odessa und Mö-kau. Von den jüdischen Studenten aller Universitäten Rußlands wird aber für die materielle Lage ihrer ärmeren Commilitonen gesorgt. So arrangirte unlängst der „Verein zur Verbreitung von Bildung unter den Juden in Rußland"einen musikalischen-declamatorischen Abend mit einem darauffolgendem Tanzkränzchen zum Besten der Petersburger unbemittelten Studenten, der einen Reinertrag von 1500 Rubel gegeben hat. Vom Leben und Streben, wie von der Lage der jüdischen Studenten in Rußland werde ich öfters zu sprechen haben. Für diesmal aber will ich nur noch erwähnen, daß die materielle Lage der jüdischen Studenten, seitdem ihnen keine Stipendien gegeben werden, eine überaus traurige ist und die Ressourcen, die bisher ausfindig gemacht wurden, um diese Krisis, wenn ich es so nennen darf, zu beseitigen, reichen noch keineswegs ans. — Am 14/26. December feierte in Dubna der talentvolle Literat, Abraham Ber Gottlob er seinen 75-jährigen Geburtstag und auch das 50-jährige Jubiläum seiner schriftstellerischen Thätigkeit. Herr Gottlober war nämlich der Erste, der für das Volk im Jargon zu schreiben anfing; er hat auch Vieles in der neuhebräischen Literatur geleistet und schreibt ja bekanntlich, trotz seines hohen Alters, noch jetzt. Viel Glück dem Jubilar.' — Aber wie überhaupt im Leben keine Freude ohne Leid ist, so muß ich auch leider von zwei schweren Verlusten berichten, die wir in gar kurzer Zeit erlitten haben. Der Tod raffte nämlich zwei bedeutende Männer, Herrn Rosenfeld und Reb Mathias Straschun, dahin. Herr Advocat Rosenfeld, der ehemalige Herausgeber des eingegangen „Baswiet" (Tagesanbruch), war einer der ersten nationalen Kämpfer und ei« überaus angesehener Manu, wovon..sein großer Bekanntenkreis uuttr Juden und Christen, . der große Leichenzug. und^ die tiefrührenden Reden seiner Commilitonen am Grabe Zeugbiß! ablegen. Herr Rosenfeld starb in Minsk in noch jugendlichem Alter, eine Frau mit mehreren Kindern hinterlassend. Nahe seiner Asche! — Am 2. (14.) December starb in Wilna Reb Mathias Straschun, der Sohn des Hagaon Samuel Straschun, der bekanntlich Scholien zum Talmud geschrieben hat. Reb Mathias Strachun war einer der tüchtigsten Kenner des Talmuds und Midrasch in der Neuzeit; er beschäftigte sich aber auch mit der neuhebräischen Literatur, und m jüdisch-literarischen Fragen wandten sich oftmals Herr Professor Wünsche, der Uebersetzer des Midrasch, und Herr Professor Delitzsch an ihn. Was sein Leben anbetrifft, so möge erwähnt werden, daß er trotz seines erworbenen Reichthums, stets einfach lebte und gegen die Besucher seines Hauses höchst freundlich nnd in seinen Geschäften stets ehrlich war. Sein größtes Vergnügen war, seine schon sonst reichhaltige Bibliothek stets zu vergrößern, und er hat sie auch wirklich zu einer der reichhaltigsten und kostbarsten Bibliotheken gemacht. Bewunderungswürdig ist aber, daß er Alles, was er in der Bibliothek aufbewahrte, auch im Kopfe hatte, denn bei seinem ausgezeichneten, sabelhaften Gedächtniß konnte er sofort das auswendig, was er nur einmal durchlas. Reb Mathias Straschun starb kinderlos in einem Alter von 68 Jahren, sein Vermögen für wohlthätige Einrichtungen hinlerlaffend. Er ruhe sanft! — Noch Etwas von der Lage der Juden in Rußland überhaupt. Mit Ungeduld erwartet man die Beschlüsse der Pahlen'ichen Juden-Commiffion, wovon man sich wenigstens Erweiterung des Ansiedlungsterrains verspricht. — Die Ausweisungen der nicht gesetzlich daselbst wohnenden Juden aus Petersburg und der baltischen Seestadt Liban dauern noch fort, und wurden von Seiten der Polizei mit größerer Energie betrieben, wobei selbstverständlich Viele die Erwerbsquellen'; für ihr tägliches Brod verlieren. — Die kleineren Nester Lithanens nnd Polens werden seit dem letzten Decennium immer leerer von der jüdischen Bevölkerung, da Viele nachdem ehemaligen goldreichen (jetzt aber schon goldarmen). Amerika answandern, um dort zum größeren Theile brod- und obdachlos so lange nmherzuschleudern, bis sie ümkommen, oder doch zu einem kleinen Theile so glücklich zu. sein, halbtodt nach ihrer Heimat zurückkehren zu können. Die in den Nestern Zurückbleibenden leben auch in einer durchaus nnbeneidenswerthen Lage wegen der noch immer zu große» Concurrenz ihrer Geschäfte Und Gewerbe. — Es fanden sich einige Antisemiten unter der „Belgischen Gesellschaft der Odessarr-Pferdebahii" ein, die es für durchaus ° nothwcnvig erachtet haben, die Anzahl der jüdischen Dienenden auf der Pferdebahn auf 20°/„ zu beschränke».. — Die Wehrpflichts-Commissionen haben sich in diesem Iah e viel weniger zu beklagen, wie in den früheren Jahren, beim, die jüdischen wehrpflichtigen jungen Lerne haben sich jetzt fast vollzählig gemeldet. Und doch berichtete der berüchtigte antisemitische Redacteur des „No-worossicky Telegraph,“' Herr Osmidoff, daß in der Odeffaer Wehrpfflchts-Commisiun sich 93 Leute zur Loosung nicht gemeldet hätten, von denen die meisten Juden seien. Aber leider ist dem Ehrenmanne diese Fälschung nicht gelungen, denn der Odeffaer Starosta (Bürgermeister) erwiederte hieraus in demselben Blatte, daß unter den 93 jungen Leuten die zur Loosung nicht erschienen wären,. sich bloß 9 Juden befunden hätten, 3 aus Odessa und 6 aus der Umgebung. Wenn ich an all' die verschiedenen Leiden der Juden in Oalns denke, so fälU mir das populäre chaffidijche Lied ein: ,Ach wie erlebt man es schon, daß die geniah soll kommen!" Ben Alexander.