Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1886
- Issue
- Heft 1 (1.1.1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3092672-3092783-3092784--0298-3093239- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 1 Selbst-Emancipation! ©fitf 5 ihrer verschiedenen Meinungen und Ansichten brüderlich zusammenfitzen, .von einem Geiste beseelt, der sie alle verbindet—so wäre es auch schon hinreichend (dajenu)." Bei dem Banquette wurde auch eine Summe'Geldes für die Colonisatio» Palästinas gesammelt. Herr Dr. C h a s a nowitsch und Herr Jacob Wolfs, die Arrangeure des Abends, verdienen alle Anerkennung. (Die Odesiaer israelitische Gemeinde) wird Montag den 4. Jänner 1886 das fünfundzwanzigjährige Jubiläum ihres Rabbiners, des Herrn Dr. Schwabacher feiern. Ein eigenes Jubiläums-Comite trägt Sorge dafür, daß diese Feier des verdienstvollen Greises würdig begangen werde. Möge es Dr. Schwabacher noch lange Jahre vergönnt sein, zum Wohle seiner Gemeinde zu wirken. Das ist unser herzlicher Wunsch, wiewohl wir erst neulich Gelegenheit hatten, über seine Haltung der Palästina-Bewegung gegenüber uns tadelnd auszusprechen. (Uustät und flüchtig.) Herr B r a t i a n u der rumänische Minister, hat nicht, wie sein ungleich größerer College in Deutschland, BiSinarck, Fürsorge'getroffen, daß die Verwiesenen in anderen Ländern ausgenommen werden sollen und so kommt es, daß Herr A. F i or, einer der unlängst aus Rumänien ausgewiesenen jüdischen Journalisten, der sich in Wien aufhielt, von dem Polizei-Commissariat Leopoldstadt die Weisung erhalten hat, Wien zu verlassen.. (Ein Chinese über das jüdische Volk.) Der Oberst und Militär-Attache der chinesischen Gesändschaft in Paris Tschang-Ki-Tong, gab vor einiger Zeit ein Werk in französischer Sprache heraus, das den Titel „China und die Chinesen" führte unü durch seine Ansichten sowie geniale Schiloerungsweise Aufsehen hervorrief. In der nun bereits erschienenen deutschen Uebersetzung dieses Buches ist folgende Stelle über die bereits vor zwei Jahrtausenden in China eingewanderten Juden zu finden. „Hier haben wir also ein authentisches, 2000 Jahre altes Erinnerungszeichen! Nur in der jüdischen Nation findet sich eine solche Anhänglichkeit an die Nationalität! Man nehme ein Volk, welches man wolle, nach Verlauf von vier oder fünf Generationen wird es vollständig naturalisirt sein. Die Juden nie! Sie bleiben, was sie sind, wohin sie auch gehen mögen, treu ihrer Religion, ihrem Charakter, ihren Gebräuchen. Die beständige Aufrechthaltung einer besonderen Raffe inmitten einer Bevölkerung von 400 Millionen (so viel Chinesen gibt es nemlich. fast ein Drittel der Menschheit. Anm. d. Red.) ist in Bezug auf die Weltgeschichte eine Thatsache von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit." (Auch i» Holland), der Freistätte der Juden in den finstern Tagen der Vorzeit, beginnt der Antisemitismus .sich bemerkbar zu machen. Der Führer der dortigen „Anti- Revolutionären" (Christlich-Sociale»), Knyp i, schreibt in einem Organ, dem „Heraut" einen Lobartikel auf Stöcker und fällt darin über die Juden her. (Druckfehler-Berichtigung.) Am Anfänge der ersten Zeile der dritten Seite, in der vorigen Nummer fehlen die Worte „zu klug, um", wogegen dieselben am Anfänge der ersten Zeile der siebenten Seite überflüffig sind. Korrespondenzen. Lemberg. Die jüdisch-nationale Idee scheint doch nicht uuseren Assimilanten ganz ohne zu sein. Letzthin versammelten sich in ihren Conventikeln die geehrten Herren „Schomerianer" und „Agudianer" zu einer Discussion: „Sind die Juden eine Nationalität?" Der Referent der DiScussion Dr. Mansch, der seinerzeit eine Serie von Artikeln im hiesigen Assimilantenblatte „Israelit" gegen jüdische Nationalität erscheinen ließ, erklärte sich nunmehr für die jüdische Nationalität. Im gleichen Sinne sprachen sich aus: Prediger Dr. Löwenstein*) der erst am letzten Jom kippur von der Kanzel herab mit Donnerstimme nef: „Die Juden haben kein Vaterland mehr, sind keine Nation, find blos eine Glaubensgenossenschaft," und Literat Samuely, Verfasser der Cultur- Vilder. Contra waren die Häuptlinge des „8chorner Israel“ und „Agudas Achim“ Dr. Byk und Koldmantt. Die „Agudianer" erlitten eine große Schlappe. Der Begründer ihres Vereines, der Begründer ihres Organs ,,Ö]czyzna“, cand. phil. Alfred Nossig, einer der talentirtestrn und intelligentesten jungen Leute unserer Stadt, der als heißester Pole galt, als erster und auch einziger Jude die polnische Nationaltracht als tägliches Gewand trug, der gelegentlich der vor 2 Jahren auf Initiative der bekannten Nationaljnden Dr. Kobak und Dr. Bießer von Studenten veranstalteten Makkabäerfeier in seiner Ojczyzna Zeter und Mordio schrie und die ganze polnische Journalistik zur offeneu Fehde gegen die Jüdisch-Nationalen aufreizte, hat sich vor nicht langer Zeit von den Agudianer» abgewandt und ist — in das feindliche Lager, in das Lager der N a t i o » a l-J u den übergangen. Nachdem er unlängst vor Gericht anläßlich der Confiscation eines seiuer Werke sich offen zur j ü d. Nationalität bekannte, arbeitet er gegenwärtig an einem demnächst in deutscher und polnischer Sprache zu erscheinenden Werke, das das Thema: „Sind die Juden eine Nationalität?" behandelt. Der Verfaffer gelangt schließlich zum positiven Resultate. Einige Jüdisch-Nationale, die einen Einblick in diese Arbeit, die auf streng historischen Daten basirt,genommen haben, rühmen solche als überaus gelungen und erhoffen sich davon einen großen glänzenden Sieg für die j ü d i s ch-n a t i o n a l e S a ch e. Der Vicepräses des Vereines „Mikra Kodesch“ der bekannte Wohlthäter Herr Jacob Stroh, Stifter und Erbauer des hiesigen israel. SiechenhauseS wurde vom Vorstände der isr. Cnltusgemeinde zum Obmanne ver Finanz-Sectio» gewählt. Es konnte wahrlich keine bessere Wahl getroffen werden, denn Herr Stroh ist einer der ersten Finanzmänner unserer Stadt, ein Mann von rühmlichst anerkannter Energie und Thatkraft und fast der einzige Mann in der Cultusrepräsentanz, dem das Wohl und Wehe der Gemeinde am Herzen liegt. Herr Stroh verdanken wir die meisten hiesigen Wohlthätigkeitsinstitute, an deren Spitze er auch steht, und unabläßig ist dieser Mann bemüht Gutes in der Gemeinde zu schaffen. Hoffen wir mit Zuversicht, daß es Herrn Stroh gelingen werde, die Schuldenlast, mit der die Gemeinde infolge der bisherigen Mißwirthschaft behaftet ist, zu tilgen, und die enormen Cultus-Steuern der Gemeinde - Mitglieder zu reduciren. — r— St. Petersburg. Federzeichnungen eines Petersburger. Beobachters. Es wird wohl Jedermann bekannt sein, daß die nelrhebräische Literatur in Rußland gar viel gepflegt wird, und vielleicht auch mehr, wenn ich nicht irre, wie in allen Ländern, wo Juden leben, zusammen genommen. Die Gründe davon sind leicht zu finden. Einerseits lebe» ja in Rußland mehr als die Hälfte aller Juden der Erdballes; anderseits sind die ruffischen Juden verhältnißmäßig viel weniger affimilirt, wie die der übrigen Länder. Als ein weiterer rapider Fortschriit der hebräischen Literatur in Rußland ist es nun zu betrachten, daß, wie bereits im „"Woschod“ angekündigt wurde, in St. Petersburg vom neuen Jahre ab ein tägliches Blatt in hebräischer Sprache für Literatur und Politik unter dem Namen „Lagern" von Hern D r. Kantor herausgegeben wird. Meiner Ansicht nach, kann Herr K. dreist auf Erfolg rechnen, da einerseits der Leserkreis der neu- *) Seltsame Mähre! Die Redaktion.