Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 22 (17.12.1885)
- Date
- 1885-12-17
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 10 S e l b st - E ina n c i p a t i v »! Nr. 22 k rutschen Christen, der im Rufe einer besonderen Gelehrtheit stand. „Das ist ja französiich", sagte er zu mir „und ich v rstehe diese Sprache nicht." „Aber ich möchte doch erfahren, was in den Papieren steht", meinte ich in kindischweinerlichem Tone. Der Mann sah mich mitleidig lächelnd an und sann. „W.ßt Ihr was, lieber Jossif", sagte er endlich, „ich will Euch deutsch lehren und dann wird eS Euch ein Leichtes sein, aus einem Buche das Französische silbst zu lernen." Mir leuchtete das ein; ich dankte ihm herzlich und begann Tags darauf bei ihm Lectionrn zu nehmen, natürlich unter Anwendung der allergrößten Vorsichtsmaßregeln. In einigen Monaten hatte ich bereits Riesenforlschritte gemacht. Da ich das Lesen schnell erlernt hatte, trieb ich eifrig — freilich ohne jede Wahl — Leetüre und ich kannte bald ein gut- Stück deutscher Literatur. Vorläufig dachte ich nicht mehr daran, französisch zu lernen, denn ich hatte ja jetzt weitere Ziele mir gesteckt, als den Inhalt einiger französischer Papiere kennen zu lernen. Ucbrigens habe ich späterhin ersehen, daß es einfach die Legitimationsschristen eines der Officiere gewesen waren, die die unmittelbare Veranlafiung zur Veränderung meiner Wünsche gegeben hätten und eben weil diese Papiere trotz ihres werthlosen Inhalts so entscheidend auf mich gewirkt haben, bewahrte ich sic stets pietätsvoll auf und schließe sie hier bei . . ." Der Vorleser blätterte in dem Hefte; zwischen den letzten zwei Blättern desselben lagen vergilbte zusammengesaltete Papier; ohne sie zu entfalten, blätterte der junge Mann wieder nm und setzte die Vorlesung fort: „DaS Vergnügen, das mir meine geheimen Studien boten, wurde durch den Tod meines Vaters jäh unterbrochen und da ich auch seit einigen Jahren keine Mutter ' mehr besaß, stand ich plötzlich so ganz einsam da auf dieser Welt. Vlbrr ich hatte Vermögen und das machte mich unabhängig. Nach längerem Zaude rn uud Schwanken entschloß ich mich,, das Städtchen zu verlassen nnd andere Menschen aufzusuchen, den Reiz des europäischen gesellschaftlichen Lebens, den ich nur aus Beschreibungen kannte, unmittelbar auf .mich wirken zu laffen. Noch nicht ganz zwanzig Jahre alt, lam ich nach Deutschland. Nur dadurch, daß ich französische Tracht anlegte, entgieng ich den gröbsten Beleidigungen, und konnte mit den unbedeutenderen zufrieden sein, . die mein Typus und meine Aussprache veranlaßten. Ich lernte das deutsche Judenthum kennen und seinen Bildungstrieb achten; ich schwärmte für die Heroen der Aufklärung, ich schwärmte für das deutsche Volk, in dessen Sprache ich mich gebildet hatte, ich schwärmte für dessen FreihcitS- und Einigungs- Idee. In Frankfurt ließ ich mich nieder, wo ich mein Rösele kennen lernte und lieb gewann. Rösele war rin gutes und schönes Kind mit seinen wundervollen, blonden Haaren und tiefblauen Augen. Mein kleines deutsches Mädchen nannte ich sie, die von einer alten jüdischen Fanülie abstammte. Ich heiratete sie und ward glücklich mit dem engelsschönen Weibe. Rösele gebar mir erst nach sechsjähriger Ehe einen Sohn, einen einzige», den ich abgöttisch liebte. Mein Adolf—Abraham hieß er jüdisch —wuchs heran zu einem kräftigen, herrlichen Jünglinge. Ec stand in der Mitte der Zwanzig, als sich die großen Revolutionen vorbereii' ten. Er glühte für Freiheit und Gleichheit und um so heftiger, «ts auch in seiner Brust ein Kampf sich abspielte zwischen Liebe und — nun was? Religiosität? Sie war nur in geringem Grade bei ihm vorhanden. Jüdischem StammeSgefühl? Das besaß er nicht.. — Also zwischen Liebe und einer .gewissen inneren Mahnungsstimme: Adolsi hatte ei» Christcnmädcheu heiß lieben gelernt. Er wollte es hcimsühren. Dazu-mußte er seine Religion und seinen Stamm verlassen; aber so sehr ihm die erstere gleichgiltig war und er den letzteren nicht begriff, konnte er sich nicht dazu entschließen.. Endlich entschloß er sich doch; er theilte mir den Entschluß mit; .ich sagte nicht nein. Adolf stürzte fort — zu seiner Antonie, aber er kam zurück, leichenblaß, in namenloser Verzweiflung. Das Mädchen hatte ihn zum Besten gehalten, indem sie anfangs auf seine Taufe gedrängt und dann, als er sich entschlossen, ihn laut auflachend gefragt hatte, ob er keinen Spaß verstehe und wirklich glaube, sie wolle' lauter Arons; Jsaks und Sarahs zu Verwandten habe».. Seiner Sinne nicht mächtig, wankte er wieder hinaus, um im Kreise junger Gesinnungsgenossen Zerstreuung zu suchen; er kam hin, und gcistesverloren, wie er war, gab er nur mühselig Antworten auf Fragen, die man an ihn richtete; die College» fühlten sich beleidigt, es kam zu einem Wortwechsel und ein feuriger junger Mann, der gerade durch seine radikalen Gleichheitsansichten bekannt war, äußerte sich: „Verächtlicher Jude!" — Das war zu viel an einem Tage für die Seele meines Sohnes. Adolf erkrankte lebensgefährlich, doch er genas. Aber welche Genesung! Mit wunder, zweifelnder Seele und mit zerrüttetem Körper stand mein Sohn auf. Er heiratete aus Dankbarkeit eine Nichte meiner Frau, die ihr während seiner Krankheit ihn pflegen geholfen halte. Doch er lebte nicht lange, seine Kraft- und sein Muth waren gebrochen. Nach wenigen Jahren war er tobt, er, der Stolz meiner alten Tage. Ich stürzte bei seinem Begräbniße bewußtlos zusammen, erholte mich jedoch wieder. Mein Rösele aber verwand den Verlust nicht: sie legte sich nieder, die kinderlos Gewordene, und erhob sich nimmer. Mit tbränenlosen Augen stand' ich an dem Todtenbette meiner Rösele, des kleinen „deutschen" Mädchens von einstmals. Meine Lippen murmelten ein hebräisches Gebet. Und als man sie in die Grube senkte, schlug ich mir mit den Fäusten in die Brüst und schrie-: „Ich habe gesündigt, gefrevelt, gefehlt!".— — Ich nahm die Wittwe meines Sohnes und ihr fünfjähriges Söhnchen, meinen Enkel — Dich, geliebter Samt — und verließ Frankfurt. Ich wanderte von Stadt zu Stadt, konnte aber nirgends Ruhe finden. Ueberall sah ich dasselbe, wofür meine Stammesgenossen blind waren, daß die Völker- Toleranz auf schwachen Säulen gebaut sei; überall sah ich die schlimmen Seiten des jüdischen Völkscharakters leuchten und die guten schlummern. Der Sturm von 1848 hatte auch nicht die Luft zu reinigen vermocht. Der ewige Jüoe blieb es. Mich widerte bald das Treiben der sogenannten aufgeklärten Juden, zu denen ich einst selbst gehört hatte, an, derjenigen, die noch im Golus Zeit finden, mit ihren Läppereien sich abz"geben. — Ich wollte sie nimmer sehen, diese Bundesgenossen des Würgengels ihres Volkes und ich zog mich in ein kleines nieder-österreichisches Dorf zurück *, hier bringe ich meine Tage seit fünfzehn Jahren zu und erzog Dich, lieber Sami, der Du auch bald die Mutter verlorst. Du bist auch einer von den Gleichheitsschwärmern.geworden. Du wirst davon geheilt werden. Möge aber diese Heilung anders ausfalleu, als meine. Vielleicht siehst Du die Sünde an Deinem Volke in jugendlicherem Alter ein, als ich, dann arbeite mit, seinem Elend ein Ende zu machen. Ich war schon zu alt dafür. Lebe wohl! T., im Sept. 1865. Josef Kerner." (Fortsetzung folgt.) Ichudah rNakkabi. ... Geschichtlicher Vortrag, (Schluß.) Jerusalem wäre gefallen. Da crhielt Lysias die Nachricht von seines Rivalen Philipp Anrücken ans Persien, und setzte es durch, daß die Belagerung aufgehoben und den Juden Religionsfreiheit gewährt wurde. Die Stadt öffnete dem König die Thore (162),. der vertrag, brüchig die Mauern niederreißen ließ, sich sonst ober keine Ungerechtigkeit erlaubte. Der HoheprtesterMenelaor wurde'abgesetzt und äuf Befehle deS.Königs. hingerichtrt. - Ein Jahr darauf (161) bestieg D em etriuS, nachdem, er-feinen-Vorgänger, gestürzt, halte und hinrichten ließ, ' dem syrischen. Thrön - ' Bor °. ihm' erschien ein gewiffer J u k i m oder A l k i M o 8,1 um .Klage gegen Jehudah' und' alle Nätionälgesinnten zu sichren.! Demetrius: schickte den B a k ch i d e s