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Selbst-Emancipation · 1885-12-02 · Heft 21 (2.12.1885) · p. Seite 11

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 21 (2.12.1885)
Date
1885-12-02
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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S e l b st - E ma nc i p a t i o n ' Seite 11 Nr. 21 „Und doch sind die Wiener Juden gegenüber unsereins noch zu beneiden" sagte Kerner nachdenklich. „Jnwieferne?" »Jnsofcuie sie dort einen Bevölkerungstheil bilden, insoferne sie ihren eigenen Cirkel besitzen, innerhalb welches sich Freundschaft, Liebe und alle anderen schönen Seiten des gesellschaftlichen Lebens entwickeln können, während ich z. B. als der einzige Jude im Dorfe, unter Menschen lebe, die, wiewohl von Natur gutmüthig, mich doch nicht als einen der Ihrigen betrachten. Mit Recht auch, denn ich verstehe diese Leute nicht und sie mich noch weniger. Ich sehe die ganze Woche über keinen Juden, keinen Menschen von dem ich sagen könnte: Er fühlt wie ich, er denkt wie ich, er sieht aus wie ich." — Der Klang der Stimme Kerners war ein ungemein trauriger geworden und Blümele erkannte mit einem Male, woran ihr Mann krankte: Seine edle Natur litt die Schmerzen seines Volkes mit. Staunend hörte der junge Mann diese Worte aus dem Munde des einfachen Geschäftmanne» und die Röthe freudiger Erregung überzog sein Gesicht. „Nicht alle denken wie Sic, Herr Kerner und das, um was sie die Wiener Juden beneiden, weiß der größte Theil derselben nicht einmal zu schätzen" sagte er. „Nicht?, so ist gewiß der V:rkehr zwischen Jude und Christ in Wien doch ein mehr freundschaftlicher?" „Nein, Herr Kerner, das ist er nicht. Ohne vorläufig noch feindselig zu sein, ist er jedoch gezwungen, kalt, fremd." „Ach, wie hatte damals mein seliger Großvater mit seinen Worten Recht!" sagte Kerner halblaut. „Mit welchen Worten?" frugen nun alle Erwachsenen am Tische zu gleicher Zeit. Kerner erzählte sein Gespräch mit dem alten Reb Joffes.an einem Wintersabbath des Jahres 1868. „Ja, das war eilt edler, kluger Mensch fuhr er fort, als Alles unter dem Eindrücke dieses prophetischen Ausspruches schwieg; er übergab mir kurz vor seinem Tode ein Buch und sagte: „Lies dies, es ist meine Lebcnsgeschichte, Du wirst viel daraus lernen!" Aber ich erfuhr seinen Inhalt nie, weil ich die Sprache, in der es geschrieben ist, die hebräische, nur sehr wenig verstehe und weil ich nicht wollte, daß Fremde die Geheimnisse ans dem Leben meines Großvaters erfahren. Und doch sehne ich mich so sehr, den Inhalt dieser Schrift kennen zu lernen, weil ich hoffe, darin Antwort auf so manche Fragen zu finden, welche ich mir selbst immerfort vergeblich vorlege. Aber zu Ihnen, Herr Salzer, de» ich als Mann von Herz und Character kenne» hätte ich Zutrauen. Sie sind ja et» tüchtiger Hebräer; könnten Sie uns nicht nach dem Esten, bevor wir die 2s,Zg,äs. fortsetzen, das Schriftstück vorlesen, beziehungsweise übersetzen? „Mit Vergnügen Herr Kerner; ich danke Ihnen für dieses Vertrauen, das ich bis jetzt noch nicht verdient habe, das ich mir aber zu verdienen hoffe." Nur Frau Blümele bemerkte, wie bei diesen Worten ein halb schelmischer, halb sehnsüchtiger Blick des jungen Mannes zu Röiele sich hinüberstahl, unter welchem das Mädchen bis über die Öhren erröthete. Blümele lächelte. — Nach einer Viertelstunde war man mit dem Speisen, während welches Salzer die Familie wieder in munterste Laune zu versetzen verstanden hatte, zu Ende. Das Gesicht Kerners wurde wieder ernster; er schritt zum Schrank, entnahm demselben ein Heft, das er schweigend dem jungen Männe überreichte. Derselbe sah noch einmal auf sein reizendes Gegenüber, senkte dann seine Blicke in's Buch und begann die LebenSgeschichte des alten Mannes vorzulesen. (Fortsetzung folgt.) jehudah Makkabi. Geschichtlicher Vortrag, gehalten von Herrn N. Birnbanm bei der I. Makkabäer - Feier des akademischen Vereines „XaäimnU* am 22. Dezember z88ö- Der Zug des großen Alexander nach dem Oriente ist auch als der Ausgangspunkt einer neuen Epoche in der Geschichte des jüdischen Volkes zu betrachte». Durch diesen war das Zusammentreffen zweier, in der Universalgeschichte berühmt gewordener Weltanschauungen geschehen; Hellenenthum und Judenthum lernte» sich kennen. Alexan» der's Reich zerfiel nach dessen Tode. Judäa kam bald an das eine, bald au daS andere der Theilreiche, in das das Riesenreich des ma» cedonischen Königs zerfallen war. und da die Grundlagen dieser Staaten der Hellenismus gegenüber dem OrientalismuS der unterworfenen Völker war, kamen die Juden aus der Berührung mit dem Gricchenthume nicht heraus. Sehr bald trat an sie die Wahl heran, zwischen dem „Schönen", repräsentirt durch den Hellenismus, und dem „Guten", repräsentirt durch daS eigene Judenthum. Von dem äußern Flitter des hellenischen Wesens geblendet, wählte die. Mehrzahl das Elftere. Die Reichen, die Vornehmen, die Priester selbst zum größten Theile, hatten die größere Bequemlichkeit des griechischeu Lebens kennen gelernt, waren von seinem höchsten Zwecke, der in denkbar heiterstem Lebensgenuße bestaub, entzückt und verließen Hebräerthum und MosaiSmus, um Hellenen und Verehrer der olympische» Götter zu werden. — Ein nicht geringer, wenn auch kleiner Theil des Volkes, die Chassidsm, wollte aber vom Helleiienthmn ein für alle Male nichts wissen. Eine Partei, die beide Richtungen rureinigen sollte, entstand nicht, weil eben die Unmöglichkeit gefühlt wnrde. die großen Dissonanzen zwischen ihnen auszugleichen. Die Gegner der Hellenisten aber verharrten vorläufig noch in Unthätigkeit. Daß es zu einem gewaltsamen EntschcidnngSkampse kommen werde, das mag man damals schon geahnt haben. Als uu» mit Antiochus Epiphanes ein Manu ans den syrische» Thron kam. der sich's in den Kopf gesetzt hatte, alle seine Völker zu Hellenen zu mache», um ein einheitliches Reich zu regiere», als sich die. beiden schändlichen Hohepriester Jason und Menelaos zu seine» willigen Werkzeugen hergabe». da brach die Geduld der Anhänger deS Alte», es kam zu einer Deinoustration gegen den Hohepriester Meilelaos. Der dadurch in seine» Plänen aufgehaltene König wüthete auf eitle Weise, die hinlänglich bekannt ist. Mit dem Bischen Revoltire» gegen Mnrelaos glaubte» jedoch die Feinde der hellenistischen N-ueruilgen genug getha» zu hab.-n, jetzt zogen st: sich iit das Gebirge zurück und thaleu weiter nichts. — Aber bald sollte es anders werden. Eine einzige Familie war es, aus 6 Personen bestehend, die das Banner der Freiheit ergriff uno ihrem Volke voctriig : Mathithiahu, ein greiser Priester aus dem Geschlecht« der Hasmonäen, gab das Signal zum Befreiungskämpfe, sei» Sohn Jehudah aber war der Mittelpunkt des ganzen Ausstandes, er war daS Feuer, von dem die Hitze der Begeisterung ansstrahlte. Moses Freiheitsliebe. David's Gottergebenheit und kriegerische Tapferkeit, Esra's Vaterlandsliebe, der Propheten heilige Begeisterung und eines Kindes Seelenreinheit, sie wäre» alle vereinigt in diesem einen indischen Manne, der zu einer Zeit erstand, in der des Volkes Sinn für höhere Güter durch die Jahrhunderte lange Unterthänigkeit bereits ganz zu schwinden drohre. — Ec war es. der sein theils verzweifelndes, theils selbstverrätherisches Volk vor dem Sturze in die bodenlose Tiefe der Vergessenheit bewahrte. -- Jehudah Makkabi, der den dürren, welken Stamm Israel zu neuer Blüthe brachte, war dem Alter »ach wahrscheinlich der Dritte unter den 5 Söhnen Mathithiahn's. Da man in ihm während seines Wirkens ohnfchwer den noch jugendlichen Mann erkennt, so kann inan ohne Bedenken annehmen, daß sein Geburtsjahr in die Zeit von 209 bis 195 vor Beginn der christlichen Zeitrechnung falle. Geboren zu Jerusalem, übersiedelte er, als die Verfolgungsdecrete des Antiochus erlassen wurden, mit fernem Vater und den Brüdern »ach Modeiiu, einem Stäbchen in der gebirgigen Umgebung der Hauptstadt. Jehndah hatte in seinem Vater ein leuchtendes Muster, dem er sich nachbilden konnte. Der alte Mathithiahu klagt ohne Unterlaß seinen Söbnen daS Leid ihrer Nation, die Unterdrückung ihres Glaubens, er nennt den Tod besser, denn ein solches Lebe» und läßt seine ganze Familie Trauerkleider anlegen. — Gerade dieser letz'e Zug, so unbedeutend er auch an und für sich ist, beweist demungeachtet die ganze Größe des patriotischen Schmerzes, der in der Brust des greisen Mannes wühlte. Nicht so ganz zu verwecsen ist die Annahme, daß er lange den Widerstand geplant habe, eine Bermuthung, die bei Berücksichtigung der vorerwähnten Klagen und der demonstrativ gezeigten Trauer hinlänglich gerechtfertigt erscheint. In diesen vorbereitenden Plänen sowohl, wie in dem bald ausbrechendLn Kampfe war Jehudah die rechte Hano des greisen Priesters. In dem Guerillakriege, den Mathithiahu führte, erwarb sich Jehudah bereits einen Namen und es ist immerhin möglich, daß er schon damals den Beinamen „Makkabi" errungen habe, wiewohl es wahrscheinlicher ist, daß die rühmlich- Bezeichnung des „Hämmerers" erst eine Frucht seines ganzen HeldenlebenS war.

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