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Selbst-Emancipation · 1885-12-02 · Heft 21 (2.12.1885) · p. Seite 10

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 21 (2.12.1885)
Date
1885-12-02
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 21 S el b st - E u« a n e i p a «i o >«! «Uud auch ei» feuriger Bräutigam" fügte der alte Mann hinzu. „Ja ich betete mein seliges Röscle, Deine Großmutter, fömlich an". „Ganz wie ich mein Bliimcle", meinte der Jüngling, sofort aber nach dies«« Wollen crröthend. „Du hast also Deine Brailt sehr lieb, Samuel?" „Unaussprechlich." Der alte Mann seufzte. „WaS hast Du, Großvater. Du solltest Dich doch freuen über solche Worte, denn sie beweisen ja, daß Blümele il»d ich glücklich sein werden." „Glücklich! — Wie können Juden glücklich sein?" setzte der Alte leise hinzu, aber doch so deutlich, daß sein Enkel ihn verstand. „Wie kommst Du nur auf solche Gedanken, Großväterchen? Ueberdies jetzt, wo die neuen Staatsgrundgesetze die vollständige Gleichstellung der Juden anssprechen?" „Alles schon dagewcfen, lieber Samuel. Das Papier ist tolerant, gutes Kind, nicht so tolerant sind die Völker, ui ter denen wir wohnen." „Ich verstehe Dich wirklich nicht, lieber Großvater" sagte der junge Mann in der Absicht, von dem Thema abzukommcn. „Du wirst meir«e Worte einmal verstehen, theurer Samuel; doch werde ich dann nicht mehr unter Euch weilen." Der Enkel wollte gegen den letzten Satz eine zärtliche Einwendung machen, doch er wurde davon d««rch einen Dritten ab gehalten, der, auf einem Seitenwege herangekommen, die Beiden mit „Gut' Schabbes!" begrüßte und sich ihnen zugesellte. „Ihr geht doch sicher auch zum Minjan nach T., Nrb Jossef" sagte der Neuangekommene im Jargon. Der Gefragte, der früher mit seinem Enkel in österreichischer Mundart gesprochen hatte, bejahte diese Frage ebenfalls in jüdisch-deutschem Dialect: „Ja, Reb Chaskel." „Wie gehts Euch in der Gesundheit, Reb Jossef?" „Dank der Nachfrag'. Gelobt ist Gott, nicht schlecht. Wenigstens kann ich noch nach T. zum Minjan wandern." Der Alte legte einen bitter» Ton auf das letzte Wort, den aber seine beiden Begleiter nicht hrrausfühlten. Nach einer Stunde waren die Drei in T. beim Minjan. Du, lieber Leser, dürftest aber bereits neugierig sei», zu erfahren, was eigentlich so ein niederösterreichisches Minjan ist. Nu», alle Achtung vor demselben, denn dieses Minjan bewirkt, daß in einem von« Ganzen losgerissenen und. vereinsamten Theile des jüdische!« Volkes das Gefühl der Zusammengehörigkeit «nit demselben nicht erstirbt, daß Juden, die in der höchsten Gefahr sind, ihr Judenthum zu verliere««, Juden bleiben. Ein solches Minjan ist aber auch der Beweis dafür, daß tief im Herz«« des Jude«« ein Trieb wohnt, der ihn drä««gt, feine Brüder aufzusuchen, in ihrer Gesellschaft «venigstens einige Stunden zu verweilen. — Und so waren denn auch heute an dem frostigen Januartage des Jahres 1868 in dem Marktflecken T. die Juden der zehn umliegende«« Dörfer zum Gebete zusammengekomlnen — gerade ein Minjan, gerade zehn Personen; die übrigen fünf oder sechs, die noch zu kommen pflegten, hatte der starke Frost zu Hause zurückgehalten. Die zehn Juden betete» in der Wohnung ihres in T. nnsäßigen Stammesgenossen, dann kehrten sie jeder in ihr Dorf zurück. Nur der alte Neb Jossef Kerner blieb als Gast bei Reb Boruch Grün und . mit ihm der junge Samuel bei seiner Braut Blümele Grün, mit der er viel zu sprechen hatte, denn «« .nächster Woche sollte schon die Hochzeit sein. — — — —— — —— — — * * In der niedrigen, aber «nit einer Art bäuerlicher Elega««z ausgestatteten Stube eines der Häuschen. des Fleckens T. saß an einem Frühlingsabende des Jahres 1885 um dem «nil blinkendem Tuche gedeckten Tisch die Familie des vermin« enden Kaustnannes Samuel Kerner. Er selbst war ein Mann am Euve der Dreißig, von kräftige,» und hohem Wüchse, «nit dunkle», brennenden Augen, und tiefschwarzem, nur stellenweise graugefasertein, gut gepflegtem Vollbarte. „Samt," sagte jetzt Blümele Kerner, die wegen ihrer schlanken Gestalt und ihres schöllen, dunkelbloirdeu HaareS, sowie ihrer noch iminec in kindlicher Lebhaftigkeit leuchtenden blaugrauen Augen viel jünger aussah, als sie wirklich war, leise zu ihrem Manne: „Erinnerst Du Dich noch an den ersten Sederabend, den «vir als Mann und Frau heute vor siebzehn Jahrei« bei Deinen Eltern zubrachten. Wir waren so glücklich damals; es war ja in den Flitterwochen." „Und sind «vir es heute nicht, mein thenreS Blümele? Geht Dir etwas ab, liebes Kind?" „Nein, Du bist der beste M >«««« der Welt, unsere Kinder sind schön und gerathen, Gott gibt «ins Segen iin Geschäfte und doch bin ich nicht ganz zufrieden, weil — ich Dich seit einiger Zeit nachdenklich und verstimmt sehe. Sage mir, Sami, «vas fehlt Dir?"..•- „Nichts Blümele; Du täuschest Dich", anttvortete der Mann ausweichend. Blümele wollte weiter in ihren Manu bringen, aber sie mußte es unterlaffen, denn eben kam ihre Tochter Näsele, die Suppenschüssel in den Händen tragend, zur Thüre herein, «vorauf auch, wie auf ein Signal, eine Kinderschaar, die sich nach Beendigung des Hagadatheiles, der dem Abendessen beim Seder vorangeht, in einem Winkel verkrochen hatte, an den Tisch zurückeilte. Ebenso kanren zwei «nännliche Gestalten aus dem Hintergründe der Stube an die Tafel heran. Die eine derselben, ein Knabe im Alter von 12 Jahren, der Sohn Kerner's, ein munterer blonder, seiner Mutter ähnelnder Bursche, die andere ein junger Mann im Alter von etwa 25 Jahren von überschlankem Wüchse, stolzer Haltung, mit kastanienbraunern, gewellten, Haare und zwei großen, klugen, braunen Augen. Josef Salzer war der Sohn eines. vor kurzem verstorbenen Wiener Geschäftsfreundes Kerners. Der Verwaiste hätte auch in Wien in so «nancher bekannten Familie den Sederabend verbringe» können, hatte sich aber für die Familie Kerner in T. entschieden, «veil ihn deren trauliche Häuslichkeit und wohlthuende Natürlichkeit mächtig anzog; freilich spielte dabei auch das Herz eine Rolle und das konnte auch heute ein Jeder errathen, der die freudig bewundernden Blicke sah, die der junge Main« auf die Haustochter, die ihm gegenüber z«« sitzen kam, warf. Rösele war aber auch, ein liebreizendes Mädchen, das, oblvohl erst sechzehn Lenze zählend und in Jugendfrische prangend, dennoch eine stattliche Erscheinung war «nit ihrem junonische» Wüchse, ihrem von Vater ererbten nachtschwarzen Haare, das sie in langen Zöpfen trug, ihren großen schwarzen Augen, die von langen schwarzen Seidenwllnperi« beschattet wurden, und den hochrothen vollen Lippen, von welchen das zarte Rosiglveiß ihrer Wangen und das Blendendweiß ihrer kleinen Zähne angenehm abstachen. „Nun, was gibt cs Neues in Wien?" sagte Kerner, als er die Suppe genossen hatte und das Fleisch., erwartete, zu Salzer. „Und weil wir heute?«3savli Haber«, so erzählen Sie etwas, was uns Juden betrifft." In den Augen des jungen Mannes blitzte es auf. „Der Antisemitismus wächst," sagte er kurz. Die Miene» Kerners verdüsterten sich. „Iin Volke?" fragte er. „Im Volke und, was noch ärger ist/ in der stndirenden Jugend, die ja die zukünftigen Führer der Volkes in ihren Reihen hat." «

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