Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 21 (2.12.1885)
- Date
- 1885-12-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 21 S e l b st - E m a » c i p a t i o n! Seite 3 Vereine mehr um die Polonisirnng als um Verbreitung . der Bildung zu thun ist, wundert uns. Im „Hamagid“ lobt ein Korrespondent aus Stauislau, — angeeiferc durch eine frühere Meinungsäußerung^des Blattes, daß besagter Verein, obwohl sonst nicht lobenswerth, in dieser Beziehung Anerkennung verdiene, — die Culturthätigkeit der Lemberger Assimilationshelden. Dieser Coriespondent ist nun entweder selbst ein mosaischer Pole reinster Sorte oder ein Verirrter, der nicht sieht, daß je einem Tropfen Bildung, die in den Cnlluischankirube» der „Agudas Achim“ ausgeschänkt wird, zwei Tropfen Vvlksvrrath und Entjuduiig folgen. Eist statte mau das Volk mit Charakter und Herz aus und dann bilde man es; Gebildete Duckmäuser sind um kein Haar besser als ungebildete; ja sie sind noch gefährlicher! (Aus Stauislau) wird berichtet, daß der dortige israelitische,, Commis- und Buchhalterverein" am Chanukah eine Makkabä.rfeier veranstalte» wird. Samstag de» zl. 'November liirlt Herr Wittels den ersten Vortrag im V-reinslvcale. „Ueber die Ausbreitung der Cnltur der Israeliten auf die Völker in religiöser Beziehung." Der Verein zählt gegenwärtig 150 Mitglieder und ist im steten Wachsen begriffen. (Malkabäer-Feier iu Lemberg.) Der Verein „Nikra Kodesch“ wirb Samstag den 5. December Abends eine Makkabäer-Feier in den Vereinslocatitäten begehen. Vorläufig wurden 4 Redner (die Herren L e w i» shebr. | Rabb. Dr. Kodak, B r o d e 8. stmd. gur. Auerbach) und 3 Declamatore» (die Herren R o h a t y n e r shebr.j, strrd. gar. Feld, Stand) designirt. (Herr Schttlchau Aruch). Die beiden neneriiannten jüdischn Herrenhausmitglieder, Dr. H i r s ch l e r und Carl S v a b in Budapest sollen in einem Gespräche mit einem _hervorragenden Kircheirsürsteu^ im.. Herrenhause eine derartige Unwissenheit über das Judenthum an den Tag gelegt haben, daß dieser sich geäußert haben soll: „Für das Herrenhaus sind Sie gute Vertreter, aber wenn die Regierung Sie erwählen würde, um in jüdischen Glanbens- . lachen mitzurathen, dann würde ich Ihre Wahl aus allen Kräften verhindern, weil Ihnen jede Kenntniß in Bezug auf den jüdischen Glauben abgeht. Herr Carl Svab soll sogar von einem Herrn S ch u l ch a n Aruch gesprochen haben, einem Rabbiner von vor dreihundert Jahren. — Herrliche Früchte hat die Afsimilations-Aera gezeitigt! (Der deutsche Kronprinz und der Antisemitismus.) In jüngster Zeit wurde in den Blättern die Nachricht gebracht, der deutsche Kronprinz habe bei einer festlichen Gelegenheit den Antisemitismus als Schmach und Schande des 19. Jahrhunderts bezeichnet. „Die westphälische Reform", ei» Aiitiseuiitenblatt, will nun diesen Wortlaut nicht gelten lassen und substituirt einen andern dafür, der ziemlich neutral klingt. Doch nicht genug an dem, das Blatt erzählt noch, der Kronprinz habe einst, ebenfalls bei einer festlichen Gelegenheit, als sich jüdische Berichterstatter allzu unverschämt an ihn herandrängten, gesagt: „Ich glaube, die Anderen (die Antisemiten) haben doch Recht." (In Würzburg) haben jüdische Siudenten einen Verein unter dem Titel „Wissenschaftlich-gesellige Vereinigung" gebildet. Ueber seine Tendenzen wissen wir vorläufig nichts Näheres zu berichten. (Rumänisch.) In Daramanest gab es vor einigen Wochen einen Judenkrawall mit den üblichen Plünderungen und Verwundungen. Die Spectakelmacher wurden nicht zur Verantwortung gezogen, dagegen fing aber der Stadtrath darüber zu berathen an, auf welche Weise die Jude» geschützt werden könnten. Natürlich war die jüdische Bevölkerung von diesem Vorgehen angenehm berührt. Wer beschreibt aber ihre Enttäuschung, als der hochweise Rath der Stadt in der nächsten Sitzung den Beschluß faßte, d i e Juden a u s z u t r e i b e n, wodurch sie dann vor denr ' Pöbel geschützt seien. (Schwere Ausnahmsgesctz ) stehen für die Juden Rußlands bevor. Wie polnische Blätter melden, wird es den Juden verboten sein, innerhalb 25 Weist von den Grenzen des Kaiserreichs zu wohnen; ebenso wird ihnen der Handel mit Spirituosen, sowie der Ankauf von Wirths- Häusern jt. dgl. völlig untersagt sein. Das Recht auf Häuserbesitz und das Wohnreckt wird ans gewisse Stadttheile beschränkt werden. Pachtung oder Erstehung von Grund und Boden sollen den Inden gänzlich unmvglich sein. Alle diese Gesetze, die bereits mit 1. Januar (alten Sthls) 1886 in Kraft treten solle», finden ans Träger des. Doctortitels und Officicre keine Anwendung. (In Pittsbnrg), Nordamerika geht eine Rabbinerversaiiimlnng damit um, den Sabbath auf de» Sonntag zu verlegen, „weil es nicht gegen das mosaische Gesetz verstoße, am Sonntage Gottesdienst abzuhalten." Die Presse, die von de» Antisemiten mit Unrecht „Judenpresse" genaiint wird, da sie in der That nicht dem Gesammtjudnlthum und seiner moralischen Veredlung, sondern einzelnen jüdische» Individuen, die eine affinrilatorische Comöoie aufführen, dient — hat sich de: Sache bemächtigt und spricht von einer diesbezüglichen großen Bewegung unter den amerikanischen Jude». Sie geht hier geradeso vor, wie seinerzeit beim Auftreten des Profeten Joses Rabinowitsch; sie macht nämlich Stimmung für die „reformirte hebräische Kirche," wie sich die amerikanische neue Religion nennt. Fr-ilich diesen Herren von der Presse, welche die deutsche Sprache gebrauchen, um die deutschredenden Juden in Schlaf zu lulle», den deutschen Christen jedoch Sand iu die Augen zu streuen, und die böhmische, ungarische Sprache n. s. w. in ähnlicher Weise, kann es nur gefallen, wenn das Judenthu u sich verliert, denn sie müssen, wenn sie s i ch betrachten, keine besonders gute Meinung von demselben bekommen. (ZN ßhicago) hat sich uiilängsl ein. jüdischer Verein gebildet, der sich die Pfiege der hebräischen Literatur und die Ausbreitung der hebräischen Sprachkenntniß unter der Jugend der Vereinigte» Staaten von Nordamerika zum Zwecke gesetzt hat. (In der südamerikanischeu Republik Chili) sind fünfzehn jüdische Familien, Flüchtlinge aus Rumänien und Rußland, angelangt. Sind diese Juden mittellos, so entsteht die Frage, wieso sie die monatelange Reise zurücklegen konnten; sind sie aber vermögend, so kann dieser Schritt nicht genug verdammt werden. Hätte man diesen Emigranten Palästina angerathen, sie würden sicherlich verächtlich die Achsel gezuckt haben, aber den Weg in das zehnmal so weite, von aller europäischen Cnltur entfernte, ihnen gänzlich fremde und in jeder Beziehung unberechenbare Land haben sie gefnnoen! (Die Nachrichten aus Persien) werden immer düsterer. Zwei große Städte mit starker jüdischer Bevölkerung, Mindor und Aschnu, wurden von de» Persern verbrannt. Die Lage der Juden in diesem Lande ist eine so schreckliche, daß der Uebertritt zum MohammedaniSmus auf der Tagesordnung stedt. Sollten unsere Einflußreichen da gar nichts thun können? Freilich, sie haben zu viel damit zu thun, um den europäischen Söhnen Japhets gefällig zu sein, als daß sie gegenüber den asiatischen Japhetiten auf Abhilfe sinnen sollten! (Iu Shaugai (China)) hat sich die Anzahl der Juden durch fremden Zuzug sehr vermehrt, so daß das Bedürfnis und die Möglichkeit der Errichtung einer großen Synagoge dringend hervorgetreten ist. Dieselbe wurde zum jüngsten Bosch-Haschanah eingemeiht.