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Selbst-Emancipation · 1885-12-02 · Heft 21 (2.12.1885) · p. Seite 2

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 21 (2.12.1885)
Date
1885-12-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 21 Selbst-Em an cipation! Deines inneren Werthes Dir bewußt werden und ist dies einmal geschehen, dann wird Dein gemehrtes sittliches Empfinden die Uuglücksthatsache Deiner Zerstreuung erfassen und der -Wunsch wird in den Reihen Deiner Söhne ein allgemeiner werden, daß das jüdische Volk auf nationalem Boden seine Europa-Leiden vergesse und, seine Wohlfahrt begründend, seine Anlagen besser verwerthe, als .es jetzt geschieht. Dieser Wunsch aber, dieser Wille verweist Dich auf den Pflug. Man nennt uns ein Schachervolk, ein Volk, das in der Gewohnheit des Handels den Sinn für die ehrliche Händearbeit verloren hat. Ja, wir waren es in der Vergangenheit nicht und wären es auch nie geworden, wenn unS nicht Japhet in liebenswürdiger Brüderlichkeit dazu gezüchtet hätte; aber wie lange werden wir uns noch damit entschuldigen können? Soll uns jetzt, nachdem doch eine bei allem Antisemitismus freiere Zeit herangebrochen ist, wo dem Juden wenigstens das Recht sich auszubilden, nicht wesentlich verkümmert ist, soll uns jetzt, da wir vollends die Verachtung kennen gelernt-haben, welche unsere sogenannte Geldherrschaft uns zugezogen hat. — nicht endlich die Einsicht kommen, daß unser Volk das Maulheldenthum mit der ruhigen Arbeit, die Actie und den Wechsel mit dem Pfluge und dem Handwerkszeuge vertauschen müffe? Man nennt uns ein Volk von niedriger Denkweise. Ja, wir besaßen sie vor Zeiten nicht und hätten sie auch nie besessen, wenn nicht arische Gutmüthigkeit sie in unsere Seele eingetrichtert hätte, aber wie lauge werden mir uns darauf berufen können? Soll uns jetzt, wo uns die letzten Jahrzehnte überzeugt haben, wie unmöglich dir Vermischung mit den Völkern ist und wie ungern sie von diesengesehen wird, soll uns jetzt, wo wir erfahren haben, wie sehr die Assimilationssucht durch die ihr schon au und für sich innewohnende Unwürdigkeit das jüdische Volk erst recht für eine edlere Beschäftigung abstllmpfte, — noch immer nicht der Beweis erbracht sein, daß nur nationales Wollen uns in gesellschaftlich-sittlicher Beziehung heilen könne? Und so richtet sich denn der moderne Makkabäerkampf gegen die Verfechter der „ew igen W a nderei und Han delei" der Juden und erstrebt für unser armes Volk eine Zufluchtsstätte, wo es mit Heimatsstolz de» Boden bebaue und in wiedererlangter Gesundheit die lange» Die Stellung des LKsnuKsK-Festes. Unter allen Festen, mit denen das Jahr uns Israeliten beschenkt, legt man gewöhnlich auf das Ohamihah-Fest das kleinste Gewicht. Da ist alle industrielle und commercielle Thätigkeit in alltägigem Gange. Die Feier dieses vielbedeutenden Festes besteht bei uns in Galizien einzig darin, daß man sich mit Karteuspiel unterhält. (Ob man auch in andern Ländern diese Art von Feier versteht, ist mir unbekannt.) Meiner Ansicht nach, ist diese Zurücksetzung des Channkah ein Unrecht; sollte auch dieses Fest keinen Vorzug 'verdienen, so darf es doch den Ander» nicht so weit nachgestellt werden. Diese 6hanuhah-Tage, welche uns an den Heldenmllth unserer Altvordern erinnern, sind am meisten fähig, in uns das Bewußtsein wachzurufen, daß wir kein Volk von dunkler Herkunft sind, kein Findling, daß unsere Station nicht, wie es die Assimilanten haben wollen, froh sein sollte, wenn ihr ein christliches Volk seine Arme öffnet, um sie aufzunehmen; sondern, daß wir ein weitverzweigt wurzelnder Stamm sind, der einst' die herrlichsten Früchte trug, ein Volk mit einer glorreichen-Vergangenheit. Sie solle» unS vor Augen führen, daß wir, obwohl gegenwärtig durch mannigfache Beschränkungen und Verfolgungen entmuthigt und in den Winkel geschoben, doch einst thatkräftig unter bewundernswerthen Gesetzen und heldennnd bangen Tage der ausgestandenen Krankheit, der Verbannung vergessen soll; so hämmere denn das neue Makkabäerthum gleich dem alte» mit zerschmetternder Wacht auf die kleinen Hämmerer am Sargdeckel Israels. Nachum Nathan Agassi. tzhronilr. („Sollen die Anden Christen wreden?") Unter diesem Titel erschien vor Jahresfrist eine Broschüre, als deren Verfaffcr sich ein gewisser Isidor Singer nannte. Diese Brochüre machte damals einiges Aufsehen, vielleicht nur darum, weil man nach ihrer Turchlesung nicht recht wiffcn konnte, ob der Verfasser eine bejahende oder verneinende Antwort auf die von ihm aufgeworfene Frage gebe. Bei aller Mühe war es unmöglich, eine Tendenz in der Schrift zu finden. Die Zeitschrift „Deutsche Worte", ein halb antisemitisches, deutsch-nationales Blatt, griff nun Herrn Isidor Singer derart an, daß dieser sich veranlaßt sah, den Herausgeber, Herrn P ernerstvrfer, und den Artikelschreiber, Herr» Winter, wegen Eheenbeleidigung zu klagen. Die Geklagten warfen nun dem Kläger die Veröffentlichung nicht existirender Anerkeniiungsschreibeu vor und es gelang diesem nicht, den Vorwurf zu entkräften. — Ferner mußte der Kläger zugeben, vom Wiener Erzbischof, Kardinal G a n g l b a u e r eine Subvention von 100 fl. erhalten zu haben, obwohl, wie der Verlheidiger der. Angeklagten, Dr. E p p i n g e r, hervorhob, das Buch die katholische Geistlichkeit scharf angriff, was offenbar der Erzbischof nicht gewußt hat. Ans die Geschworenen machte die Rede des Vertheidigers, der den Kläger als eineu Menschen hinstellte, der „bald diese, bald jene Meinung vertrete und seinem Glauben und dem Judenthume zur Schande gereiche" Eindruck und sie sprachen die Angeklagten frei. (Die Culturtlilitigkeit JeT^Aguaasr Aehiam“.) Der polnisch-nationale Judenverein „Agudäs Achim“ in Lemberg hat in jüngster Zeit ein Mittel gesunden, um der Bevölkerung Sand in die Augen zu streuen. Er errichtet allerorts Schulen für hebräische und allgemeine Bildung. Die Mittel dazu bieten ja die reichen Affimilanten. Daß . es aber Leute gibt, die obwohl anti-assimilatoriich denkend, nicht einfehen wollen, daß es dem „Agnclas Achim“- müthigen Führern eine erhabene Position auf dem Erdbälle einnahmen. Betrachten wir nur deu Patriotismus und die aufopfernde Tapferkeit der Hasmonäer, die mit einem kleinen Häuflein patriotisch gesinnter Männer den Heeren der Syrier Niederlage auf Niederlage beibrachten. In Erinnerung an die großen Siege Judas, des Makkabäers über Appollonius und Lysias, feiern wir alljährlich am Tage der Wirdereinweihung des entweihten Tempels, am 25. Kislev das Chanukah-^elt. Nun foüeu wir aber dieses Fest nicht blos mit Kartenspiel begehen, sondern an dem Heroismus der alte» jüdischen Helden auch unfern gesunkenen Muth aufrichten, unfern Nationalsinn und die Liebe zu unserem Stamme — den Affimilanten zum Trotz — stählen. Bedenken wir, daß wir eine Nation sind, die . enormen Enthusiasmus aufzuweisen hat und in Erinnerung jener herrlichen Thaten unserer Vorfahren, sollen wir stolz darauf sein, daß wir Juden sind. Mögen sich die Assimilanten ihre Kehlen heiser schreien, daß unser Wohl nur in unserem-Aufgehen unter andern Völkern zu suchen sei. Wir walle» diesen bösen Rath verächtlich von uns weisen, und unser Heil in der blutsbrüderlichen Eintracht, in der wahren Liebe zu unserem alten glorreichen Stamme suchen!. M. Mendel Ojserkis.

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