Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 20 (17.11.1885)
- Date
- 1885-11-17
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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5Jlr. 20 Tel b st- E'inancipation! ©rite 5 überau s^ersprießlichesWirken aufdem Gebiete derjüdis ch-n ationalenJdeedenDank ebenfallsdurch Erheben v o n d e n S i tz e n au sgedrückt. Zum Schlüße hat noch die Generalversammlung auf Antrag des Herr» Stand den beiden jüdischnationalen V e r einen Wiens: „K a d i m a h“ und „ß u! u u f t" für ihre außerordentlichen Verdienste um das Nativnal-Judenthum ihre voll st e S ym v a t h ie a u s g e s p r o ch e n. «' * ★ ,,Agudas anhim“ und ihre „Ojczyznä“ tragen bereits herrliche Früchte. Ihr gewesener Zögling Osias Jgiel, dem sie auch seinerzeit ihre geweihten Vereins-Räume als Logis zur Verfügung stellten, hat sich, wie ihrem Correspondenten aus verläßlicher Quelle hinterbracht wird — getauft! und befindet sich derzeit im Basilianer Convent zu Krakau! — Daß sich die erhabenen agudianischen Ziele so r a s ch verwirklichen, hat sich die11ms3«„0j63^Ma" nicht einmal im Traume vorgestellt, denn aut' Ding braucht Weil'. — * * * Unsere liebenswürdige» Herren Cultusvorsteher, die ihre Allgewalt über das Lembergcr Judenthum nur noch 2 Wort eu ' lang ausüben können, haben keine rechte Lust, sich von ihren so mühsam erworbenen Mandaten zu trennen! Mit oller Gewalt klammern sie sich an ihre Würden. Jeder Laut, jede Regung der Gemeindemitglieder macht sie am ganzen Leibe erzittern! Schlaflose Nächte verbringen sie, Tage voll Qual und Pein. Alle Hebel werden in Bewegung gesetzt, um nur — Gott behüte — nicht hinauszufliegen. So wurde vorige Woche Einer der ihrigen, als er den hochweisen Antrag stellte, man möge, um sich die Wahl einigermaßen zu siche« n, eine Wählerversammlung kindernfen, und den Steuerzahler» über die hervorragenden, ausgezeichneten Leistungen des Verstandes Bericht erstatten, unter Freudenthränen in die Höhe gehoben und im Saale herumgetragen. Rasch wurden nun hiezu die nöthigen Vorbereitungen getroffen, der Tag der Versammlung bestimmt, und der Tempel als Ort auserkoren. Der 8. November, der ersehnte Tag brach Hera». Gegen 3 Uhr Mittags (die Versammlung war auf 4 Uhr anberaumt) postirten sich am Eingang des Tempels die 3 Cerberusse der Gemeinde, die vom Präses den strengen Auftrag erhalten hatten, einen Nichtwähler um keinen Preis einzulaffen. Die Glocke schlug die 4. Stunde. Drin im Tempel sah es wüst und öde wie sonst an Sabbathtagen aus. Das ganze Publicum zählte kaum 100 Leute, gewiß ein winziger Bruchtheil von den tausenden Wählern Lembergs Der Rest des Publikums bestand aus dem Troß der geehrten Herren Vorsteher (selbstverständlich Nichtwähler trotz des Verbotes des Herrn Präses), ferner aus dem Gemeinde-Secrrtär, Gemeinde- Cassier, Gemeindebeamten und Gemeindedieuern. Da sich der Tempel keinesfalls füllen wollte, erging von höchster 'Seite an die Thor Wächter der Auftrag. Jedem ohne Ausnahme den Eintritt zu gestatten. Mil der liebenswürdigsten Miene kreischten sie nun: „Bitte meine Herren, nur hereinspazierr. heut' kost'nix. große Extra-Voistellung", allein Niemand war zu bewegen, einzutreten. Um */,5 bestieg der diosch hakahal die Estrade, entfaltete einen Bund Schriften und begann darin in polnischer spräche zu lesen. Nt an hörte viel von Assimilation, polnischem Vaterland, Verschmelzung, Einführung der polnischen Amtsprache u. dgl. Plötzlich —-erschollen aus dem jüdischen, olnisch.nationalen Munde des Herrn Präses — Gott ehe uns bei! — unverfälschte deutsche Worte! Was wohl die Herrchen von „Agudas adiim“ dazu sagen mochten! — Im weiteren Verlaufe der deutschen Rede, hörte man von wohlthätigen Instituten, die nicht geschaffen, von Waisenkindern, die in's Institut nicht ausgenommen, von coufessionellen Schulen, bte „j a" aufgelassen und von Schulden, die „ja" gemacht wurden. Nach Schluß der Rede, begann der Gemeinde-Cassier zu klatschen (wahrscheinlich war er zum Chef der Ctague bestimmt worden). Allein Alle waren wie versteinert; keine Hand rührte sich zum Beifall, kein Mund öffnete sich zum Bravo-Rufe! Lautlose Stille trat ein! Enoiich propouirte ein Wähler (Candidat-Aspirant) einen Herrn zum Vorsitzenden der Versammlung. Niemand opponirte. Der Vorgeschlagene besteigt mit der sonderbarsten Miene der Welt die Estrade und befragt die Versaminlunn. ob Jemand zn sprechen wünsche. Abermals Grabesstille. Da sich Nieinand, jagt der Vorsitzende, zum Worte meldet, so wolle» diejenigen Herren, die sich mit dem Berichte einverstanden erklären, die Hände erhebe», 5 Hände werden sichtbar, hievon grhö«en 2 einem rothbärtigen Tambour, der ebenfalls Candidats-Aspirant ist. Ein naiver Wähler behauptet dann, da Alles schweige, man nehme, den Bericht znr Kenntniß. Stürmische O ho-Rufe ertömen und die Verjaminlnng ging unter Hohugelächter auseinander. — Der löbl. israelitische. Vorstand hat somit mit seiner Wählerversammlung ein schmähliches- Fiasco erlitten. —x.— Aus. Rumänien. (Iudenaust reibnugc n.) Die Fatalisten können jetzt tue Genngthunng haben, für ihr Glaubensbekenntniß thatjächliche Beweismomente anznrühren; tnumphirend können sie ausrufen: „Nicht der Zufall, sondern die Bestimmung schaltet über dieses Thal des Jammers und des Elends, Welt genannt! Gleichwie im Jahre 1848 die bestimmte Zeit der Revolutionen, so war im Vorjahre die der Cholera, so ist jetzt die der Ausweisungen. Wäre es ein bloßer Zufall gewesen, der an Ort und Umstände fest gebunden ist, die 48er Revolution würde sich nicht über fast ganz Europa ausgedehnt haben, ebensowenig - die Cholera und ebensowenig die Epidemie der Ausweisungen! Folglich ist es nur Vorherdestimmung! Evoe, die erleuchtete» Gläubigen der Bestimmung!" — Und ist dem wirklich so'? Da wir uns hier vorgenommeu haben, nur über die Austreibungen zn sprechen, so überlassen wir Die Revolutionen den Windischgrätzen, die Cholera den Medieinern und beschäftigen uns mit dem uns jetzt ntteresjirende» Thema: Ich frage nun: „Mit welchem Rechte wurden letzthin Inden aus Rumänien verjagt, welches Verbrechen haben sie begangen!" — Ein Freund raunt mir aber zu: „Laß ab mit Deine» Frage». Naiver, wer soll Dir antwotren? — Die, welche verjagen? die thun's nicht. — Die, welche befürchten, verjagt zu werde»? die thun's auch nicht; und andere Leute gibt's nicht!" — Trotz unzähliger Erfahrungen bin ich doch Optimist genug, nicht dieser Meinung zu sein. — Vielleicht werden sich jene Leute, die satt sind, doch einmal erinnern, daß sie nicht nur darum da find, um satt zu sein!-.. Die rumänische Constitution sagt im Artikel 24: „Die Constitution garantirt einem Jeden das Recht, „seine Ideen und Meinungen durch das Wort mitzntheilen ..und zn veröffentlichen; Jedermann ist verantwortlich für „den Mißbrauch dieser Freiheit in Fällen, welche der „Strafcodex bestimmt, der diesbezüglich revidirt und vervoll-- „ständigt werden kann ohne jedwede Restriclion dieses „Rechtes und ohne, daß je diesbezüglich ein Ausnahmsgesetz „in Kraft treten kann!" So der Wortlaut der rumänischen Verfassung, einer Verfassung, welche andere Länder Ströme menschlichen Blutes kostete! — Heute wird sie von demjenigen mit Füßen getreten, welcher einst als begeisterter Jüngling für Volksfreiheit schwärmte und Ehre und Leben dafür auj'S Spiel setzte! — Weit sie rs wagten, aufzuschreien, als die Schläge sie hart trafen; weil sie es wagten, dem oben angeführten Artikel der von König und Regierung beschworenen Consti-