Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 20 (17.11.1885)
- Date
- 1885-11-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 Selbst-Emancipation! Seite 3 führte zum Tröste der polnischen Delegirten an, daß unter den Gewerbetreibenden und Besitzende», auf welche die Ausweisungsmaßregeln angrwendet wurden, der überwiegende Tbeil nicht „katholische Polen", sondern „galizische Israeliten mit deutschen Namen" seien. Der Delegirte Czerkäwski, dem auch „galizische Israeliten mit deutschen Namen, österreichische Staatsbürger find, kritisirte mit scharfen Worten die Antwort des Grasen Kalnoky. — Was sagen unsere Herrn Pokcnthüwler zu den „goldenen" Worten" deS Herrn Ministers?" (Antisemitisches.) Der preußische Cultusminister von G o ß l e r hat Herrn Dr. Bernhard Förster wegen Ehrenbeleidigung geklagt, weil letzterer behauptete. Herr V. Goßler sei jüdischer Abstammung (!) — In Bielefeld wurde der Führer der deutschen Antisemiten, Herr Hofprediger Stöcker trotz seiner letzten gerichtlichen Niederlage mit großer Majorität in den preußischen Landtag gewählt. — Wie sehr die antisemitische Bewegung im Wachsen begriffen ist, zeigt die Thatsache, daß am Abend des 26. Oktobers in Wien zwei antisemitische Versammlungen stattfanden und zwar die eine von den Schönerem Antisemiten (dentschnational) die andere von den Schneider-Antisemiten (international) veranstaltet. Da nun genauen Berichten zufolge an der ersten Versammlung 3000, an der zweiten 6000 Antisemiten theilname», so ergibt sich die Summe von 9000 Antisemiten. Diese Zahl erscheint als eine fürchterlich große, umsomehr, wenn man bedenkr, wie lax sonst im Allgemeinen die-Wiener in Bezug auf das politische Lebeu sind, und daß' der große Theil die antisemitischen Gestnnungen theilen mag, ohne dabei Versammlungen beiwohne» zu wollen. — Mödling bei Wien hat zu seinem antisemitischen Reichsrathsabgeordneten noch eine» antisemitischen Bürgermeistergewählt. — In Ottakring bei Wien hat der Wagnermeister und Hausbesitzer Moronsky über dem Hausthdre eine Tafel mit der Aufschrift anbringen lassen: „Juden und Jüdinnen ist der Eintritt verboten." Herr MoronSky w»'de polizeilich geladen, aber die Tafel prangt noch wie vor auf ihrem alten Flecke. — (Wereschirgins Gemälde.) Der berühmte russische Maler stellte gegenwärtig im Wiener Künstlerhanse eine Reihe von Gemälden aus, die durch ihre Tendenz geradezu Sensation erregen. In fromm-katholischen Kreisen ist man über seine „heilige Familie" und seine „Auferstehung", die eine streng realistische Auffassung bekunden, höchst erbittert. Doch ist es nicht unsere Sache, über die'Berechtigung oder Nichtberechtigung dieser Entrüstung zu urtheilen; uns interessirt mehr jener Theil seiner Bilder, die das gegenwärtige Palästina zum Stoffe haben. Seine „Tempelmauer" ist eine Prachtleistung und sollte die fotografische Copie davon in keinem jüdischen Hause fehlen. Erwähnenswerth ist auch, daß Wereschagin in dem Katalog zu seiner Gemäldegalerie die Meinung ausspricht,.Palästina müsse früher oder später den Juden wieder gehören. (Eine antisemitische Cridatarin.) Fräulein Josefine Jurik. die bekannte Verfasserin der „Episteln gegen dir allgemeine Verjudung", welche der Staatsanwaltschaft zufiele», stand dieser Tage vor dem Kreisgerichte in Cilli der selbstverschuldeten Crida angeklagt. Sie ließ eine größere Anzahl Broschüren und Flugschriften drucken, die aber fast durchgehends der Confiscation verfielen und sie mußte die Druckerrechnung schuldig bleiben. DaS Deficit erreichte die Höhe von 1563 fi. Vor Gericht verantwortete sie sich dahin, sie hätte, wenn ihre geistigen Produkte nicht confiscirt^worden wären, „ein sehr gutes Geschäft" (Hu, wie jüdjsch!) gemacht und könnte dann ihren Verpflichtungen Nachkommen. Der Gerichtshof schloß sich diesen Ausführungen an und sprach die Angeklagte frei. (Der kostspielige AutisemitismnS). Die Antisemiten sind höchst „theure" Leute, denn sie haben daS ungarische Ministerium des Innern 87.127 Gulden gekostet. So hoch beliefen sich nemlich die Kosten der Militär-Requisition zur llnteri rückung der antisemitischen Krawalle. (Aus Serbien.) Bisher hat man von Antisemitismus in Serbien nichts gehört. Nnn hat ein gewisser Lowan Markowitsch, in Belgrad Cigarettenpapiere verfertigt, auf deren Umschlag sich ein Bild befindet, das die angebliche Abschlachtung der Esther Solymoffy durch die Juden darstsflt. Die Büchlein werden in Packeten zu hundert Stück verkauft; auf der Schachtel befindet sich das Bild in vergrößertem Maßstabe. — Die serbische Regierung hat gegen diese originelle Hetzerei noch keine Schritte unternommen. (AuS Kowno), in Rußland, wird dem „‘W’osohöd“ berichtet, daß das vor 25 Jahren dort gegründete und jetzt in Folge vieler Spenden — zum großen Theile auch jüdischer Einwohner — in einem neuen Gebäude untergebrachte Mädchen-Gymnafium, gesonderte Lehrzimmer, ja sogar gesonderte Garderoben für die jüdische» Schülerinnen eingerichtet hat. Da« ist die verdiente Folge der mit DampfeSeile einherrasenden Assimilation! * (Aus Charkow) wird gemeldet, daß auf Verfügung der russischen Regierung die daselbst ansäßigen Juden aüS der Stadt gewiesen wurden, und für die dort zur Messe anwesenden Juden der Aufenthalt beschränkt worden ist. (Hebräischer Sprachverein) Wie wir erfahren, hat sich in Warschau ein Verein unter dem Namen „Lidusch Haschern" gebildet, der die Verbreitung des Hebräische» als Umgangssprache bezweckt. Der Verein zählt bereits 400 Mitglieder. (Ein falscher Messias) ist dem Berichte eines spagnolischen Blattes zufolge vor einiger Zeit in Salonichi auf» getreten. Derselbe heißt Chaim Jafe, ist aus Bagdad und trieb sein Unwesen so toll, daß sich das Befch-Din von Salonichi gezwungen sah, den Betrüger den Behörde zu übergeben, die ihn verhafteten. Jetzt mag er hinter Schloß und Riegel über fei^e Lügenmission Nachdenken! (LruSkehler-Berichtrguug.) Der Kobold de» SetzkastAl» hat unsere letzte Nummer gar arg mitgenommen. Außer einer hartnäckig sich wiederholenden Vertauschung und Verwechslung der Endungssilben „em" und „en" und anderer unbedeutender Fehlgriffe hat derselbe noch In einem großen Theile der Auflage daS sechstletzte Wort des Leitartikel» au» .Glücke" in „Gefühle" geändert und ferner am Schluffe der Notiz „Proceß Rohling-Bloch" an die Stelle de» Wortes „erhalten" da» Wort „unternommen" gesetzt. Gründungsfeier des Vereines jüdischer junger Männer „Zukunst" in Wien am 5. November 1885. (Original-Bericht der „Selbst-Emancipation!" Der große Saal des Hotels „Weißes Roß" war von einem zahlreichen, distinguirteu Publicum gefüllt. Um neun Uhr erössnete oer Präses-Stellvertreter des Vereines und Leiter des Festabends. Herr sfcucL jur. Abraham Salz, die Feier, indem er die Anwesenden, namentlich aber die Vertreter der hohe» k. k. Regierung, des akademische» Vereines „Kadimah“, des Palästina-ColonisatiouSvereitws „Admath Jeschnron." und des „Vereines jüdischer junger Damen „Mirjam", begrüßte. — WaS den musikalischen Theil der Feier betrifft, so ist vor Allem die Leistung der Opernsängerin, Fräulein Anna R o s u o w a hervorzuheben, die durch ihren herrlichen Gesang (Schlummer-Arie aus der „Afrikanerin") die Gäste entzückte. Auch daS Spiel des Violinisten, Herrn Armin Stein, und des Pianisten. Herrn Emil Singer, verdienen, lobend genannt zu werden. — In oratorischer Beziehung wies das Programm eine deutsche und eine hebräische Festrede, sowie eitle Schlußrede auf. Die deutsche Festrede wurde vom Präses des akad. Vereines „Kadimah" und Redacteur der „Selbst- Emancipation!", Herrn R. Birnbaum, gesprochen.