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Selbst-Emancipation · 1885-11-17 · Heft 20 (17.11.1885) · p. Seite 2

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 20 (17.11.1885)
Date
1885-11-17
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 20 Seldst - Euiancipationl „Assimilation." *) (Schluß.) Wir denken, es wäre rationeller und besser, daß wir statt diesem vergeblichen Kampf gegen etwas Unüberwindliches zu führen, dem allgemeinen Beispiele aller Culturvölker folgen und das herrsch ende Princip der Nationalitäten anrr k e u ne n. Statt hinter uns die Schiffe zu verbrennen und eine problematische Assimilation zu'ersehnen, müssen wir das, *was uns als Culturvolk nicht seit gestern, erst kennzeichnet, consolidiren, damit wir im Stande sind, unsere Existenz bis an den Tag zu erhalten, an welchem die Menschheit sich nicht mehr in Völker und Stämme, sondern in gute und schlechte Menschen theilen wird. Möglich, daß die bewußtlose Antipathie der Völker hauptsächlich dem Umstande zuzuschreiben ist, daß. dieselben m uns eine amorphe Maffe ohne bestimmte Farbe sehen, welche einem Chamäleon gleich befähigt ist, nach Zeit und Ort auch ihre Farbe zu wechseln, und sähen sie in uns eine stark consoudirte ethnische Gruppe, die mit Festigkeit ihre Individualität vertheidigt, so würden sie uns wenigstens jene internationale Toleranz zuerkenne», die solchen Stämmen nicht verweigert wird, welche auf einer viel niedrigeren Stufe der intellectuellen und moralischen Entwicklung stehen — den Zigeunern zum Beispiel? Wer weiß, wären wir „Etwas", man würde uns vielleicht auch das Recht auf so Manches nicht bestreiten? Man kann behaupten, daß man, um Etwas zu sein, auch Etwas besitzen muß, und wäre es auch nur ein ganz kleines eigenes Stückchen Land. Das sagen auch wüllich unsere Assimilatoren. Betrachtet man aber näher die Sache, so zeigt sich erstens, daß wir auch das winzigste Territorium vielleicht hauptsächlich nur detzhalb Nichtbesitzen, weilinuns derWun sch, eözuhaben, erstorben ist. Zweitens, stimmt man selbst d« Meinung der Assimilatoren bei, daß rin Territorium für unS undenkbar i,r. so läßt sich auch dann kein Grund' für eine künstliche oder gewaltsame Zerstörung unserer Nationalität finden. Das Wesen der jüdischen Nationalität repräsentirt in der Geschichte eine derart ausschließliche Erscheinung, daß, der Theorie und Logik ungeachtet, ein bestimmtes Territorium ihr eher schädlich als nützlich sich erweist. Die jüdische Nationalität erstarkte und krhstallisirte sich gerade in dem Moment, in welchem das jüdische Volk sein Territorium verlor. Auf der eigenen Erde in Palästina begann sie schnell sich zu hellenisiren, außerhalb derselben wurde sie noch schneller und stärker judaisirt. Diese unerklärliche Erscheinung offenbarte sich nicht nur zur Zeit der Zerstörung des zweiten Tempels unter Titus, sondern auch nach der Zerstörung des ersten durch Nebukadnezar; es ist hinreichend bekannt, daß sie mit mehr Selbstbewußtsein als Juden heimkehrten denn als sie weggez'ogen.' Nicht an den Ufern des Jordans, sondern an denjenigen des Euphrat und Tigris wurde das Judenthum gestählt. Alle Völker des Alterthums, sogar die mächtigsten verloren zugleich mit ihrem Territorium auch ihre Nationalität, die Juden allein schusen sich eine solche erst mit dem Uebergange de§ ihrigen in fremde Hände. Wie ist das zu verstehen? Wir glauben, daß die jüdische Nationalität oder die universelle Doctrin, welche unter dem Namen Judaismus bekannt ist, keines streng abgegrenzten Territoriums bedarf; ihr Territorium — ist die ganze Erdrunde! Unsere Assimilatören constatiren etwas ganz Banales, indem sie sagen: „Um ein lebendes Volk zu sein, genüge nicht eine gemeinschaftliche Raceuherkunft, eine gemeinschaftliche Ge- ’ *) Der Originalartikel von Leon Lewanda in der russischjüdischen Zeitschrift „"WoBohod.“ schichte, ja auch nicht gemeinschaftliche religiöse Principien, man müsse auch ein Land bewohnen, eine Sprache sprechen, dieselben Gebräuche haben u. s. w." Jeder von uns weiß, daß zweimal zwei — vier macht. Alles dieses gilt von den anderen Völkern, aber nicht von den Juden. Die Juden zählen sich nicht zu den lebenden Völkern, .sondern sie betrachten sich als eine in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zur Existenz bestimmte Jüdische Nation d. h. Doctrin, Idee. Als Idee bedarf der Judaismus keines bestimmten Territoriums, keiner Festungen und Krupp'schen Kanonen. „Diese der Wagen, und jene der Rosse: Wir aber rühmen uns des Namens des Ewigen, unseres Gottes!*) Jene aber unter uns, die sowohl den Judaismus, sowie auch die von demselben repräsentirte Idee als null und nichtig, als veraltete Fäulniß betrachten und dieselbe iu's Archiv je eher desto besser, relegirt wißen möchten, beweisen nur, daß die Vergangenheit und Zukunft der Menschheit, ihnen, um mit Shakespeare zu sprechen „wie ein von einem Thoren erzähltes Märchen vorkommt, in welchem Alles thöricht ist — sowohl die Schürzung als auch die Lösung des Knotens." Es lohnt sich eigentlich nicht, mit solchen, in ihrer Art bemerkenswerthen Weisen, umsonst Zelt zu verlieren. ßhronik. (Zu deu prenffischeu Ausweisungen.) Laut Erlaß der prrußiichen Regierung wurden s ä m in t l i ch e seit Jahren in Rixdorf (ein Berliner Vorort mit 24.000 Einwohnern) ansässige russische Juven ausgewiesen und haben dieselben binnen längstens vier Wochen das preußische Gebiet zu verlassen. — Nach einer vorgenomineneu Zusammenstellung wurden bis heute circa 11.000 Juden aus Preußen ausgewirsen. — In einer der letzten Sitzungen der österreichischen Delegation wurde der Minister des. Aeußern, Graf Kalnoky, von einem polnischen Deleguteu über die Ausweisungen in Preußen interpellirt. G>af Kalnoky, . *) Es bedarf wohl keiner besonder» Erwähnung, daß wir mit den Worten des sehr geehrten Autors übereinstimmen. Doch was seine in diesem geistreichen Artikel ausgesprochenen Ansichten über die Entbehrlichkeit eines Territoriums betrifft, so können wir nur halb mit ihm einverstanden sein: Daß die Juden in den beiden Exilen ihre Nationalität stärkten, ist wohl wahr, aber es wirb dies mehr der durch den Verlust der Heimat und durch stetes Unglück hervorgerusenen Reue, als der Kraft des fremden Bodens selbst zuzuschreiben sein. Als Beweis gelte, daß mit der Verlängerung des Exils' auch die,e angebliche Kraft des fremden BodenS zu wirken aufgehört hat und wir heute Assimilatiousversucheu gegenüberstehen, im Vergleiche zu welchen dieH-Lenisiruiigsbestrebnng-n in Palästina Kinderspott sind. — Richtig und eine Grundstützdes nationaljüdischen Princips ist dagegen, wie wir glauben, die Meinung des sehr geehrten Autors, nach, welcher Territorium und Sprache für unsere Existenz nicht unbedingt no hwendig sind. Aber, fragen wir wieder, ist jedes Leben Werth, gelebt zu werden? Unsere jetzige Existenz — wir existiren auch ohne Territorium und ohne Sprache — ist eine elende, weil wir. wie Herr Lewanda so richtig hervorhebt. mit dem instinctiveu Widerwillen der Völker zu kämpfen haben. Eine Befferung winkt u»s erst — nach den Worten des Autors — mit dem Anbrechen des Tages, an welchem die Menschheit sich nicht mehr in Völker und Stämme sondert und bis dahin müssen wir trachten — sagt er - unsere Existenz zu erhalten. Das hieße: eine klägliche Existenz zu erhalten, bis man überhaupt aufhört, zu existiren. Da würde es sich doch eher empfehlen, bis zu jenem großen Tagc'der Völkernivellirnng eine kräftige Existenz zu sühren; diese aber ist für uns nur bann möglich, wen» wir den vom geehrten Verfasser des Artikels so ansgezeichucl markirten Gegensatz zwischen „Semiten" und „Ariern" nicht so sehr zur 'Geltung kommen lassen d. h. u»serem Volke einen Boden geben, wo seine semitische Eigenart nicht das Gefühl der „Ueberslüssigkeit".. wie sich Herr Lewanda ebenso schneidend als richtig ausbrückt, hervorrnft. Ueber die Möglichkeit der Gewinnung eines Territoriums ist, hier zu. rede», nicht am Platze. Uns genügt hier, ans einer Stelle dieses Artikels za ersehen, daß Herr Lewanda ieinerscits an diese Möglichkeit glaubt/ sowie ja überhaupt seine unermüdliche ZionSfreundschaft rühmlichst bekannt ist. Anm. d. Red.

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