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Selbst-Emancipation · 1885-11-02 · Heft 19 (2.11.1885) · p. Seite 11

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 19 (2.11.1885)
Date
1885-11-02
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 19 S e lb st -E ma nc i v a t i o n! Seite 11 sonst so ruhiges Blut vergaß sich und gerieth iu Wallung. „Ich warnte Dich ja vor diesem Wichte," knirschte er. „Jetzt hast Du es. Er in Verbindung mit ihr, die des Unwürdigen würdig ist, haben Dich in's Elend gestürzt!" „Wie, was?" stammelte Simon, der die Worte seines Freundes noch nicht recht begriff, aber in Ahnung einer neuen fürchterlichen Entdeckung am ganzen Körper zu zittern begann. „Ja, hast Du denn ganz Deinen Verstand verloren? Um des Himmelswillen erinnerst Du Dich denn nicht an die saubere „Bruderliebe" Rosenthals, an seine elende Spottsucht, an die gleißnerische Koketterie seiner Cousine? Vertausendfacht sich denn nicht vor Wuth die Raschheit Deiner Pulse, wenn Du an die niederträchtige Comödie der Pulsschläge denkst, welche diese zwei Barbaren aufführten?" Sternberg hatte sich in Hitze hineingeredet: seine Stirnadern waren angeschwollen, sein Gesicht hatte sich geröthet, seine Augen funkelten und der Schaum trat ihm über die Lippen. Auf Simon machten diese Worte einen schrecklichen Eindruck. Aber nicht etwa, daß der Kreislauf seines Blutes ein stürmischerer geworden wäre — im Gegentheile — er schien aufhören zu wollen. Wie eine todte Masse sank der junge Mann auf das Sopha nieder und begrub sein Gesicht in beide Hände. Erst allmälig wich diese Erstarrung und Simo» brach in ein krampfhaftes Schluchzen, aus. Die Worte des Freundes hatten mir einem gewaltsamen Ruck den Schleier, der seine Einsicht verhüllt hatte, hinweggeriffen unv er sah dort, wo er eine göttlich vollendete Jdealgestalt vermuthet hatte, die verzerrte Fratze niedriger Tücke. Er war wie niedergedonnert. Diese Hiobsbotschaft schien die erste zu übertreffen; jene hatte ihm Rosa geraubt, diese aber noch mehr, sie hatte ihm den Glauben an Rosa genommen. Und doch war diese zweite Botschaft die, welche bereits den Keim der Genesung ihm zuführte. In weiterer Folge dieser Kunde sollte sich Simon gänzlich erholen von dem Schlage, der in seiner Wucht geeignet war, diesen waimfühlenden Menschen in einen lebendigen Leichnam umMwaiideln.- (Schluß folgt.) Von der ersten Zerstörung Jerusalems bis zum Auftreten Alexander des Großen. .(Geschichtlicher Vortrag, gehalten von Herrn N. B i r » b a u m im Vereine „Znknnft" am IO. October.) (Schluß.) Nach mehrmonallicher Reise langte der Zug im jüdischen Lande an; die Familien zerstreuten sich in ihre früheren Heimatsorte. In Jerusalem wurde vor Beginn des Monates Tisch« provisorisch ein Altar für Ganzopfer errichtet und am Neujahrstage mit der regelmäßigen Darbringung der Opfer begonnen. Zum Tempelbau aber wurde der Grundstein erst im Ijar des folgenden Jahres gelegt. Aber nicht so bald sollte die neue Verchrungsstätte des einigeinzigen ^Gottes in Jerusalem sich erheben. — In den Gebieten des edemaligen israelitischen Reiches patten nämlich die assyrischen Er» oberer fremde Colonisten angesiedelt, die im Laufe von zwei Jahrhunderten mit den übriggebliebenen Israeliten zu einem Mischvolke mit halb heidnischer, halb jüdischer Religion verschmolzen, di« man .Samaritaner" oder „Cuthäer" nennt. Diese Samaritaner ersuchten jetzt die aus Babel zurückgekehrten Juden, ihnen die Theilnahme am Tempelbaue zu gestatten und sie hiemit in die religiöse und nationale Gemeinschaft der Heimgekommenen aufzunehmen. Diese Bitte wurde von den in dieser Verbindung eine Gefahr sür die Re nheit des Stammes und seiner Lehre sehenden Leitern des Volkes abgeschlagen und dadurch die ewige Feindschaft der Zurückgewiesenen erworben. Den Ränken und Bemühungen der Samaritaner ist es zuzuschreiben, daß auf höheren Befehl der Ban des Tempels und der Stadtmauern eingestellt wurde und fünfzehn Jahre ruhte, bis er im Jahre 520 auf Anregung der Profete» Chaggai, Secharja und Mal e ach i mit nachträglicher ausdrücklicher Genehmigung des Königs D a r i u S wieder in Angriff genommen ward. Der Bau dauerte 41/, Jahre, so daß der Tempel im Jahre S16 vor Beginn der christl. Zeitrechnung, am 3. Adar eingeweiht wurde. Gerade waren siebzig Jahre seit der Zerstörung verfloffen und wieder stand der Tempel zu Jerusalem als Mittelpunkt des nationalen Lebens da. Die früheren Stommesiinterschiede waren verwischt und es gab nur eine geeinte jüdische Nation, in welcher aber bald ein Parteistreit auSbrach über die Berechtigung deS Köuigsgeschlechtes. beziehungsweise Hohenpriestergeschlechtes zur Herrschaft. Sollte Serubabel oder Jeschua der Leiter des kleinen Gemeinwesens sein? Der Streit endete mit dem Siege der hoheiipriesterlicheii Partei und dem Rücktritt Serubabels. Das davidische Königshaus gab noch durch Jahrhunderte den babylonischen Juden ihre Rescha Galat ha Exilsfürste n, seine Abkömmlinge laffen sich bis in das II. nachchristliche Jahrhundert nach Spanien versolge», aber seine Angehörigen erlangten keine thatsächliche nationale Bedeutung mehr; jedoch ist der glanzvolle Name der davidischen Dynastie mit der nationalen mejsianischen Mythe verknüpft geblieben. Unter dem Nachfolger des Darius, dem Könige Xerxe s. dem Achaschwerosch der Bibel verschlimmerten sich wieder die Verhältnisse der jüdischen Colonie, denn die Samaritaner wandten alles Mögliche an. um die Juden beim persischen Hofe zu verdächtigen. Auß rdem übten die persischen Statthalter einen unerträglichen Druck auS. Die vornehmen Geschlechter näherten sich, um wenigstens von einer Seite Ruhe zu haben, den Samaritanern und den von den Nabatäern ins jüdische Land gedrängten Jdumäern, Ammonitern und Moabitern. Mischehen wurden häufig, und was das Schlimme dabei war, ein großer Theil der jungen Generation verlernte dadurch die hebräische Nalionaliprache. Gegen diese Aufnahme fremder Elemente in den jüdischen Volkskörper erhob sich eine Opposition, die ab-r vorläufig in der Minderzahl war, bis nicht zwei Männer aus dein Schauplätze erschienen, die die Prinzipien dieser Strengnationalen repräsentirten, die unstreitig zu denjenigen Söhnen unseres Stammes gerechnet werden müssen, welche sich die größten Verdienste um ihr Volk erworben haben. Will man leuchtende Muster von hebräischem Patriotismus und national-jüdischer Opferwilligkeit nennen, so nenne man die Namen Esra und Nehemia. Das alte Babel hatte abgewirthschaftet. Seine Bedeutung als Weltstadt ging aus die persische Residenz Susa über und daS zog die in der Verbannung zurückgebliebenen Juden nach dieser Stadt und dem persischen Lande überhaupt. Daselbst erfreuten sie sich unter König Artaxerxes, dem Sohne des Terxes. großer Begünstigung, was sie aber nicht zu assimilatorischen Wagesprüngen veraulaßie. Im Gegentheile: „Die auswärtigen Juden legten Werth darauf, ihre Eigenart zu bewahren und ihren nationalen Charakter zu behaupten" sagt Grätz von ihnen. Die streug-national-religiöie Richtung der babylonisch-persischen Judenheit findet ihren Ausdruck in dem Leben und Wirken Esras, eines Mannes aus hohenpriesterlichem Geschlecht« und von tiefem Wissen in den heiligen Büchern. Seine Begeisterung für seine Nation und seinen Glauben führte» ihn mit 1600 Begleitern nach dem jüdischen Lande, wo er 459 v. B. d. chr. Z. anlangte. Gleich nach seiner Ankunft gewann die Partei der Strengen die Oberhand. Es erging das Gesetz, daß Alle, di« fremde Frauen geheiratet hatten, die Ehe trennen und sich von Weib und Kind lossagen sollen — bei sonstiger Strafe der Ausschließung ans der Gemeinde. Man kann nicht leugne», daß diese Maßregel eine ungemein harte war, aber man darf auch nicht vergessen, daß Esra dabei von einem höher» Gesichtspunkte ausging, von dem Muß der nationalen Selbsterhaltuug. Eine unausbleibliche Folge dieses Vorgehens waren Reibungen zwischen den Juden und Samaritanern. An der Spitze letzterer stand Sanballat, ein Mann von außerordentlicher Klugheit und Energie. dabei von wildem, unbändigem Temperamente aber jedenfalls seinem Glauben nach ein aufrichtiger Bekenner der mosaischen Lehre. Diesen Mann wurmte die Zurückweisung uud er begann den Krieg gegen d'e Juden: Jerusalem wurde-durch die Belagernden zum großen Theile zerstört. Es trat eine Zeit des Wirrwarrs ein und die Mischehen kamen wieder auf die Tagesordnung. Die Streng-Nationalen berichteten darüber dem am persischen Hofe beliebten jüdischen Mundschenk Nehemia, der es durchzusetzen wußte, daß ihn sein Gönner Artaxerxes, mit großen Vollmachten ausgestattet, als Statthalter nach Judäa schickte. Die Befestigung der theilweise zerstörten Mauern Jerusalems war seine erste Sorge; sie ging langsam vor sich, da die Arbeiter in einer Hand die Kelle, in der andern die Waffe — gegen drohende Ueberfälle der Samaritaner — arbeiteten. Endlich waren die Mauern wieder hergestellt; Nehemia sorgte auch für eine stärkere Bevölkerung der Stadt und für Ordnung in der Verwaltung des kleinen Gemeinwesens; er war eben ein echter Staatsmann und warmer Patriot,, aber um nationale Kraft in die Volksseele zu hauchen, bedurfte es eines ManneS, der über ideale Fähigkeiten verfügte und das war Esra. Ihn schob er wieder in den Vordergrund: Es wurden große Volksversammlungen veranstaltet, bei denen Esra dem Volke Liebe zu seinen heilige» Büchern einzuflößen wußte. DaS ganze Volk schwor einen heiligen Eid, getreu den nationalen Ueberliefeningen leben zu wollen: die Mischehen wurden wieder getrennt. Nach zwölfjähriger Thätigkeit kehrte Nehemia im Jahre 432 wieder nach Babylon zurück, sah sich aber genöthigt, bald wieder nach Palästina zu kommen, wo gleich nach seiner Abreise die Gegenströmung

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