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Selbst-Emancipation · 1885-11-02 · Heft 19 (2.11.1885) · p. Seite 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 19 (2.11.1885)
Date
1885-11-02
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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herrschende kühle Stimmung beklagte und dann damit herausrückte, daß alle seine Besuche bisher nur Rosa gegolten hätten; wenn er aber nicht gerne gesehen sei, so wolle er ausbleiben oder selten kommen. Der alte Katz schwieg eine Weile nach diesem Geständniß. Berger wurde ängstlich, er erwartete gespannt die Antwort auf die so schüchtern gestellte Frage; er erwartete die Botschaft seines Glückes aus dem Munde des Vaters seiner Rosa, aber er sollte eine Enttäuschung erleben, wie fie nur wenige kosten, ein Leid erfahren, dessen schreckliche Pein nur wenige Menschenherzen zerfleischt. „Ja — lieber — Herr — Simon," sagte der alte Katz erst zögernd, dann plötzlich rasch, „meine Rosa ist schon seit Monaten mit meinem Neffen Rosenthal versprochen." Vor Bergcr's Augen wurde es finster; ein wilder Schmerz durchzuckte ihn. ES war das Werk einer Secunde gewesen und aus dem hoffnungserfüllten, gefühlvollen jungen Manne' roar eine trostlose Ruine geworden, in deren Innern aller Glanz erstorben ist, eine Ruine von entsetzlicher Leere. Er war fürchterlich blaß geworden, seine Lippen bebten, aber er hielt an sich, sprach nichts, was Moses Katz seinen inneren Zustand verrathen konnte und empfahl sich bald. Er kam. nach Hause, verstört, bleich und wirren Blickes, so daß ihn seine Zimmerfrau erschreckt fragte, ob er unwohl sei. „Ganz wohl, gute Frau," würgte Berger mühselig hervor, trat in sein Zimmer und -sperrte die Thüre hinter sich ad. Sternberg war nicht daheim. Simon warf sich matt auf einen Sessel und saß eine Zeit lang da, ein grauses Bild der wortlosen höchsten Verzweiflung. Plötzlich jedoch brach ein Thränenstrom aus seinen Augen hervor; er weinte wie rin geschlagenes Kind und das schien ihm auch die Zunge zu lösen; aber es war nichts anderes, als das Wort „Rosa",das er in einem herzzerreißenden Tone hervorbrachte. Der Schmerz um das für immer verlorene Paradies, das er mit aller Sicherheit zu erreichen gehofft hätte, war zu frisch und zu stark, als daß seine Gedanken davon abgewichen wären. Die vernichtende Kunde: „Rosa wird die Deine nicht sein," wirkte so überwältigend auf den jungen Mann, daß ihm die Vorgänge der letzten Wochen gar nicht in den Sinn kamen. In die unsagbar große Verzweiflung über die Zerstörung seines Lebensglückes mischte sich nicht der Gedanke, die Rollen, welche Rosa und ihr Cousin in der letzten Zeit gespielt hatten, mit der ihm soeben bekannt gewordenen Verlobung in Verbindung zu bringen. Der Unglückliche erhob sich endlich und durchmaß stöhnend - und mit raschen Schritten das Zimmer. Plötzlich blieb er stehen und sah sich forschend um. Ec war allein mit seinem Schmerze. Wie gerne hätte er jetzt Sternberg da gehabt, um. vor dem Freunde sein gequältes und aus tausend Wunden blutendes Herz auszuschütten und so wenigstens einen winzigen Trost für sein Riesenunglück zu erhalten. Von diesem Wunsche beseelt, trat er an den Tisch, um vielleicht hier etwas, zu finden, was ihm verrathen konnte, wann der Freund zurückkäme.. Es lag ein Buch aufgeschlagen da; der Blick des Verzweifelnden streifte dasselbe: es war Hiob, den Sternberg vor dem Weggehen gelesen hatte. Das paßte ja. zu Simons Stimmung, hatte er ja selbst vor einer Stunde kaum eine Hiobsbotschaft erhalten. Es reizte nun den jungen Mann, sich in'S Gedächtniß zu rufen, was Hiob nach , den Unglücksnachrichten gesprochen habe und er ließ sich nieder, um in dem Buche zu lesen. Er begann auf der zufällig, aufgeschlagenen Seite und. da, las er: ^Warum gibt Gott Licht den Geplagten und Leben den verbitterten GemWern/. denen, die auf den Tod harren, ohne daß er kommen will, und nach, ihm..graben, mehr, als.nach . Schätzen; denen, die unendlich frohlocken und flch freuen würden,., .wenn sie das Grab fänden?" Simon schleuderte das Buch weit weg von sich und sprang,erregt auf; dabei schlug das Bajonnet an den Sessel an und raffelte. „Du willst mich.erinnern," sagte er mit schmerzlichem Lä'cheln auf das Schwert niederschauend, „wie leicht mir die Sache gemacht ist. — Dank Dir, rettendem, herrlichen Gedanken! Erlösende Selbstvernichtung, Altäre der Verehrung sollten Dir gebaut werden von den Unglücklichen des Weltalls! Ich begreife diesen Hiob nicht: Er war der köstlichen Entdeckung des Selbstmords so nahe und machte sie dennoch nicht, dieser Stümper im Denken! Er würde jubeln, wenn er das Grab fände, sagt der Schwachkopf, uud kommt doch nicht darauf, daß ihn im Grund genommen kein Mensch hindere, sich das Leben nach Belieben abzukürzen! Wie albern!" Simon hatte seine Fassung vollständig wiedcrgefundeii; der Gedanke, der ihn erfüllte, gab ihm auch die männliche Ruhe zurück. Er nahm Papier, Feder und Tinte und begann zu schreiben — Abschiedsbriefe an Alle, die ihm nahe standen. Kaum hatte er jedoch zwei.Zeilen beendet, als er die Feder bei Seite legte. War es denn wirklich recht, daß er diese That begehen wollte? Schuldete er nicht Anderen sein Leben? — Bah, was gingen ihn die Anderen an? Was hatten übrigens Andere von seiner fortan verkrüppelten Existenz? Er blieb bei seinem Plane und schrieb wieder einige Zeilen, legte aber bald wieder die Feder weg: Ja, kann denn ein Unglücklicher kein schaffender Mensch sein? Vielleicht doch?! Wozu denn aber? Weswegen sich quälen dem eitlen Ruhme zu Liebe, ein Charakter zu sein?- Wieder schrieb er einige Zeilen und' wieder hörte er auf. — „Das jüdische Gesetz verbietet den Selbstmord. Warum? Man soll das Geschenk, das Gott einem gegeben, nicht von . sich werfen. — Doch, wenn es kein Geschenk ist, sondern eine aufgebürdcte Lafl? — Sollte aber nicht unter diesem Geschenke ein Geschenk an die Mitwelt gemeint sein? Hat vielleicht jeder Lebende einen Zweck zu erfüllen? Dann gehört jedes Menschenleben der Menschheit und muß in Folge dessen als fremdes Eigenthum geschont werden. Faßt man die Sache so auf, dann ist ja der Selbstmord ein Diebstahl an den Mitlebenden und der Diebstahl ist doch ein abscheuliches, feiges Verbrechen." Als der junge Mann so weit in seinem Gedankengange gekommen war, stand er auf, zerriß das angefangene Schreiben und rief: . „Rein, ich thue es nicht. Mögen auch die grausamsten Qualen mein Leben mir verleiden,- ich will es nicht selbst opfern. Ich will im Geiste des jüdischen Stammes handeln, der de» Leb e zweck höher stellt als den Lebens zweck, die Beglückung höher als das Glück. Ich will leben für meine Verwandten, meine Freunde, mein Volk; für mein Volk, das ich helfen will ,ans seinen Selbstmordplänen zu reißen, wie ich mich selbst vor ihnen gerettet habe."- Simon wurde in seinem Selbstgespräch durch ein Klopfen an der Thüre unterbrochen. Er erinnerte sich nun, in der ersten Aufregung gesperrt zu haben und beeilte sich jetzt, zu öffnen. Sternberg trat ein, die Hausfrau warf hinter seinem Rücken einen neugierigen Blick durch die für einen Augenblick geöffnete Thüre. „Was ist Dir, Simon? Wie siehst Du aus? Die Wirthin erzählte mir unglaubliche Dinge. Was ist vorgefallen?" „Gott sei Dank, daß Du da bist, Freund, und ich Jemanden habe, vor dem ich mich aüssprechen kann." . Simon erzählte dein aufhorchenden Freunde die Geschichte der letzten Stunde. Sternberg hörte -ihm -mit gemischten Gefühlen zu. Ein unendliches Mitleid erfaßte..ihn mit ten, -Freunde, - dessen „Gesicht eine tiefe 'innere Zerrüttung verrieth,, aber umso stärker wurde.auch seine sittliche Entrüstung über die Urheber dieses Seelenmordes. Sein

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