Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 19 (2.11.1885)
- Date
- 1885-11-02
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 19 S e l b st - Em a n c i p a t i o n! Seite 9 4) ulsschläge Novelle von --Tsaggh WeHernicr Wevner. —- (Fortsetzung.) „Wie rasch!" juhr er „ach einigen Augenblicken des Horchens fort: „Jetzt ist das Geheimniß heraus!" Ein süßes Lächeln umspielte den Mund des Hellsehers, der seine Blicke von Berger abgewandt und auf Rosa gerichtet hatte. Diese, deren schmale Lippen sich ebenfalls leicht kräuselten, sah zu Boden. Berger selbst war durch die unerwartete Wendung, die das Spiel genommen hatte, ein wenig verblüfft, erholte sich jedoch bald und betrachtete prüfend Albert und seine Cousine. Wie Rosa ihre Blicke gesenkt hatte! Wahrscheinlich aus jungfräulichem Schamgefühl — so dachte Simon; in der That aber, weil sie ihm nicht in die Augen blicken konnte. Wie Albert so triumphirend sie anschaute! Gewiß ans Freude, daß durch diese kleine Indiskretion eine Annäherung zwischen Rosa und Simon ermöglicht war, — so glaubte dieser; in Wirklichkeit aber über den gelungenen Spaß. — War diese Comödie dazu bestimmt, Simon in seinen unerfüllbaren Hoffnungen zu bestärken, wer begreift dann dieses nichtswürdige Uebermaß von Rachsucht und Eitelkeit? War sie aber etwa nur dazu da, um den jungen Mann mit einem Male aus allen Himmeln zu reißen, wozu dann dieser grausame Spott bei der allerdings unvermeidlichen Enttäuschung? Wie dem auch sein mochte, absichtlich od-r unabsichtlich, spielte das seltene Paar seine Rolle so meisterhaft gut, daß auch ein Erfahrenerer als Berger die Lüge nicht hätte heraussinden können. Etwas spät besann sich Rosa, das in Folge der Pulsprobe eingetretene Stillschweigen durch die Worte zu unterbrechen: „Ich verbitte mir solche Späffe, Albert." Man hörte es dem Tone an, in dem dies gesprochen war, daß das Verbot nicht so streng gemeint sei; auch Albert erkannte es, aber er legte diese Beobachtung günstig für sich aus: Das Anstandsgefühl hatte ihr ja nur diese Worte eingegeben, deren an und für sich harten Klang sie nun durch den unschwer zu verstehenden, leichten Ton des Aussprechens zu mildern suchte. Wie glücklich verließ heute Simon das Haus, in dem sein Glück wohnte! So war ihm denn der Besitz Rosa's sicher; der Besitz dieses so unvergleichlich schönen, guten und edlen Wesens! Als er nach Hause kam, faßte er stürmisch den ruhig über seinen Büchern hockenden Sternberg. „Freund Eduard, ich bin das glücklichste Menschenkind auf Gottes Erdboden. Sie wird die Meine, sicher, ganz sicher die Meine!" Dann erzählte er dem Freunde, der scheinbar gleichgiltig an seinem Schnurrbärtcheu drehte, von der eben vorgenommenen Pulsprobe an Rosa. „Und Roscnthal war der Veranstalter dieses Spieles?" „Ja." „Simon, ich warne Dich noch einmal vor diesem Menschen, sonst sage ich nichts." Sternbcrg kehrte sich zum Tische um und vertiefte sich wieder in seine Lectüre, ohne auf die mißmuthigen Einwendungen seines Freundes weiter eingehen zu wollen. — In der frohesten Laune betrat Berger am folgenden Tage die Wohnung der Familie Katz. Aber die Art und , Weise, wie man ihn behandelte, wirkte wie ein kaltes | Sturzbad auf ihn. Rosa begegnete ihm noch kälter als je > zuvor, ihre Eltern waren noch höflicher geworden und Rosenthals alberner und doch so verletzender Hohn übertraf seine besten bisherigen Leistungen auf diesem Gebiete. Ungeahnte Qualen zerrissen Simon's Herz. Tags darauf ging's wieder so, am dritten Tage auch nicht anders und so weiter fort. Simon hätte verzweifeln müssen, wen» nicht doch hie und da die ihm so bekannten flammenden Blicke ihn getroffen, wenn er nicht doch dann und wann den aufmunternden Druck einer zarten Hand so wie früher gespürt hätte. Und so beruhigte er sich allmälig und tröstete sich wieder mit der ihm günstigen Erklärung, die er schon einmal für den scheinbaren Verlust der ihm von der Familie Katz entgegengebrachten Sympathien gefunden hatte. Auch die langen Predigten Rosenthals über seine Bruderliebe zu Rosa wiederholten sich und Simon faiib keinen Anlaß, ihnen zu mißtrauen. Freilich hatte er seit einiger Zeit eine merkwürdige Vertraulichkeit zwischen den Geschwisteikindern zu bemerken geglaubt, aber ein gewisser, leise in ihm aufsteigender Verdacht verschwand stets ebenso bald, als er gekommen war. „So alltagsmäßig trocken sein wie Rosenthal, und aus Liebe heiraten wollen, das wären ja unvereinbare Dinge," sagte er sich. „Meine heftige Liebe läßt mich Gespenster am helllichten Tage sehen, und dann — wie oft hatte nicht schon Albert seine Zuneigung zu Rosa als eine rein geschwisterliche bezeichnet? Dieser Betheuerung glaubte Simon, denn — was man will, das glaubt man ja so gerne. War es doch übrigens auch ein Beweis von Rosa's freundlichen Gefühlen für Simon, daß sie ein Gedicht, welches er ihr vor einigen Monaten zum Geburtstage gewidmet hatte, sorgfältig aufbewahrte und in einem Augenblicke, wo Niemand im Zimmer war, zum Beweise, daß sie Werth auf seine Gaben lege, ihm zeigte. Als Rosenthal hinzukam, und um jeden Preis zu wiffen verlangt», was sie Simon eben gezeigt habe, wollte sie demselben keine Auskunft geben, so daß er ganz beleidigt über diesen Mangel an Vertrauen wegqing. Simon bedauerte ihn und warf ihr sogar das harte Verfahren gegen den so opferwilligen und treu ergebenen Cousin vor. „Sie thaten ihm weh!" sagte er. „Das wollte ich auch; er soll nicht so neugierig sein!" antwortete sie. Simon fiel es natürlich nicht im Entferntesten ein, in dieser Scene das zu sehen, was sie eigentlich war, — eine Taktik, darauf berechnet, zwei Fliegen mit einem Schlage zu treffen, nämlich einerseits den armen Berger noch ein wenig mehr zu beglücken, andererseits den Bräutigam durch Erregung von Eifersucht noch gefügiger zu machen. Er dachte blos daran, wie das Mädchen die Weile des Alleinseins mit ihm ausgenützt hatte, um ihm einen Wink zu geben, und freute sich. Jetzt wollte er nie mehr durch die seiner Meinung nach erheuchelte Unfreundlichkeit Rosa's und ihrer Angehörigen in Verzweiflung gerathen; sie sollte sich auch nicht lange mehr über sein Zaudern, dessen edle Gründe sie nicht kannte, kränken. Ein Grund des Zößerns war bereits weggefallen: Es war ihm eine einträgliche Stellung gesichert, die ihn bei seinem Austritte aus dem Militär erwartete. Der anders Grund durfte ihn nicht weiter leiten; wenn ihm Rosa's und sein eigenes Glück lieb war, mußte er die allzu edle Rücksicht auf die Schwester der Geliebten fahren lassen und da ihm noch Rosa im Laufe eines leise 'geführten Zwiegespräches gesagt hatte, sie werde lieber unverheiratet bleiben, als einem ungeliebten Manne die Hand reichen und ihn dabei so durchdringend angesehen hatte, begrüßte er die ersehnte Sicherung seiner materiellen Zukunft umso freudiger und war fest entschlossen, schon in den nächsten Tagen um sie zu werben. i Es fand sich bald Gelegenheit; er traf den alten! Katz allein zu Hause. Simon wollte in gut bürgerlicher Weise erst von ihm die Zusage erhalten und sich dann an die'Tochter wenden: Er leitete das Gespräch damit ein, daß er sich über die in der letzten Zeit ihm gegenüber