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Selbst-Emancipation · 1885-11-02 · Heft 19 (2.11.1885) · p. Seite 5

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 19 (2.11.1885)
Date
1885-11-02
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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und auf demselben bei Tag und Nacht, ob Sabbat oder Wochentag, lustig carambolirt, damit die jüdische Jugend auch -in diesem Sporte sich vervollkommne und der christlichen ja nicht nachstehe. Die Ausdrücke „Jude, jüdisch" scheinen dem löblichen Vereine überhaupt unbekannt zu sein. „Alttestamentarisch" nennt sich der löbliche Verein, und nur hie und da, wo er bei Besprechung seiner großen Ziele in Begeisterung geräth, entschlüpft ihm höchstens das Wörtchen „mosaisch". Alle möglichen Ereignisse der polnischen Nationalgeschichte wurden in Borträgen besprochen und mit Sang und Klang gefeiert; aber jüdische Geschichte, jüdische Literatur? Wozu sollen sie auch? — 42 Zeitschriften aller Richtungen sorgen für den geistigen GenuWer verehrlichen Verrinsmitglieder, aber jüdische, geschweige denn hebräische Blätter? Für diese ist kein Platz da; zu welchem Zwecke denn? Ihnen genügen die Entjudungsschriften „Ojczyzna“ und „Jzraelita“ und noch zwei Assimilationsblätter, die dem Vereine gratis zugeschickt werden. Geld darauf auszugeben, — es sind ja im Grunde genommen leider auch jüdische Blätter — wäre ja Unsinn. Nur einmal während seiner Amtsthätigkeit erinnerte sich der löbliche Ausschuß seiner jüdischen Abstammnng, raffte sich auf und schickte anläßlich des Todes des großen Montefiore ei» Beileidsschreiben an dessen Angehörige. Die Herren finden eine Entschuldigung dieser Handlungsweise für nöthig. Sie thaten es deswegen, weil Montefiore sich ja so verdient gemacht hat — höret und staunet ihr alle, die ihr den großen Todteu noch nicht gehörig gewürdigt — um „d i e V e r s chm e l z u u g der Iuden mit den Völkern, unter denen sie wohnen, um ihre Assjiinilirung!!" Mo ntefiore gefeiert als Großassimilator: Man könnte darüber lachen, wenn einem das Weinen nicht ankäme. 8—r. Warschau, 25. Oktober 1885. Die jüdisch-nationale Idee feiert einen ihrer größten Triumphe. Leo Lew an da, der bekannte russisch-jüdische Schriftsteller, der geistreiche Mitarbeiter des „Woschod“, hat in einem auch in der „Selbst-Emancipation!" eben zur Veröffentlichung gelangenden Artikel Stellung genommen zur jüdisch-nationalen Frage, sich offen als Nationaler bekannt und den Affimilanten, die ihn bis nun — übrigens ohne Berechtigung — als einen der ihrigen zu reclanuren schienen, den Fehdehandschuh hingeworfen. Darob furchtbarer Lärm im „Izraelita“. Fühlen ja doch und bekennen es umumwunden die Polnisch-Mosaisten, wie sie Tag für Tag mehr an Boden verlieren, wie alle Diejenigen, die sie als ihre Säulen zu betrachten gewohnt waren, jetzt, wo das jüdisch-nationale Banner aufgehißt wurde, sich um dasselbe schaaren. Und darum fletschen sie die Zähne, darum klammern sie sich in ihrer Ohnmacht, den Ertrinkenden gleich, an inhaltslose Schlagwörter und versuchen damit ihre Gegner zu terrorisiren. Wo es nur gilt, den Nationalen eins zu versetzen, find sie gleich dabei: ob Kadimah, ob Palästina-Colonisation, ob NUcra Kodescli, ihnen if; Alles gleich; der Nationalgedanke. muß in den Koth gezerrt werden. Die Naiven, sie meinen, es wären Dolchstöße, und es find kaum Mückenstiche. Doch die letzten Schläge scheinen sie nicht mehr überwinden zu können; erst F. Getz, der der so entschieden fich als Nationaler bekannte und nun mit solchem Feuereifer der Propaganda der nationalen Idee seine Feder widmet — und jetzt wieder Lewanda. Das ist des Unglücks zu viel. Was thun? Offenen Abfall zu predigen vom eigenen Völksthum, wagen sie nicht mehr, denn dadurch könnte noch das kleine Häuflein Anhänger, das ihnen treugeblieben, aus Opportunitäts-Rücksichten abwendig gemacht werden; mit logischen Gründen den Ausführungen ihrer Gegner entgegentreten, können sie nicht, denn sie vermögen keine auszuhrcken; darum beschränken sie fich darauf, die Bestrebungen der Nationalen von komischer Seite darzustellen, über I)ie „Kanaim“ zu spotten und über die Colonisation am Jordan, der ja nicht mehr Lberfließt von Honig und Milch, und über die „frommen Seelen in Unterröcken", die einen Colonisationsverein „Nirjarn“ in Wien gründen, anstatt fich ein Beispiel zu nehmen an den Stammesgenosinen inJaslo (Galizien), die ihren Schmuck ^um Opfer bringen — dem Fond für das König Kasimir-Denkmal. Jetzt rückt wieder der „Izraelita“ mit filtern ellenlangen Artikel: „Reactionäre Schwärmerei" dem Lewanda zu Leibe, ohne aber auch mehr als Schlagwörtcr und Phrasen in's Treffen zu bringen. — „Reaktion"! Als ob die gegenwärtege nationale Bewegung, die dem Volke Erlösung bringen will von Jahrtausende langem Martyrium, die es heben, sittlich heben und zum Bewußtsein seines eigenen Werthes bringen will, „Reaction" wäre, die Theorie dagegen vom Selbstzerfleischen — „Fortschritt"! Aber das will ja der „Izraelita“ gar nicht. Er predige ja keineswegs die Taufe — Gott behüte! — im Gegentheil, die „reine religiöse Idee des Judenthums" will er behalten, ihr „eine hohe Miffion in der Menschheit zuschreiben", nur „der culturellen Formen und der besonderen nationalen Existenz" will er sich entledigen, da sie nichts sind als „vorübergehende Gebilde der Zeit". — Dies ist klar genug, um zwischen den Zeilen lesen zu lassen. Hat ja doch seine famose Lemberger Helfershelferin die Prophezeiung aufgestellt, es werde noch die Zeit kommen, wo der Jude „nur Pole sein, nur mit der polnischen Nation fühlen und darnach trachte» werde, seine Familie mit dieser Nation auf dem natürlichen Wege zu verschmelzen".*) An uns Jüdisch-nationalen aber ist es, diese» Herren zu zeigen, daß sie die Rechnung ohne den Wirth gemacht haben.; 3. 1 . ■ ' <§rez Israel. („klimutk Isseliurun.“) Montag, den 2. November, findet Abends um halb 8 Uhr in Robitschek's Locale, I., Wipplingerstraße Nr. 47, die erste ordentliche Generalversammlung dieses Palästina-Colonisations-Vereines statt, Auf der Tagesordnung stehen: Rechenschaftsbericht des Gründungs-Co mitäs als prov. Leitung, Wahlen, Eventualia. Es wird um zahlreichen Besuch gebeten. — Beitrittserklärungen w erden bei d e r G e n e r a l v e r sa m m l u n g und in der Redaktion der „Selbst-Emancipation!" entgegen genommen. (Verein jüdischer junger Dame» „Mirjam“) Die Statuten -sind von der hohen k. k. Statthalterei bis nun noch nicht herabgelangt, was aber nach daselbst eingeholten Erkundigungen im Laufe der nächsten Woche geschehen wird. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird der Bescheid genehmigend auSfallen. Es wird unermüdlich stark agitirt. Die nächste Vorbesprechung findet Sonntag den 8. d. Mts. Nachmittags um 3 Uhr in der Wohnung des Fräulein Amalie Oe st erreich er (H., Circusgasse 47, Parterre Th. 13) statt, wo das GründungScomitä hoffentlich schon in der Lage sein wird, Ort und Zeit der ersten ordentlichen (constituirenden) Plenarversammlung bekannt zu geben. (3« der Kolonie Rösch Final*) wurde, wie dem „Hazewi“ aus Saffed gemeldet wird, eine Knabenschule eröffnet, a» welcher der Leiter der Colonie selbst. Herr Asche r i, im Schreiben und in der hebräischen und *) So zu lesen in der »Ojosyina* vom 1. Juli 1884.

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