Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 19 (2.11.1885)
- Date
- 1885-11-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 19 Seite 3 S e l b st - E m a n c ip a t i o n! sich noch nie, in den Gefühlen und Verhältnissen derselben, mit solch einer Unzweideutigkeit geäußert wie heut zu Tage. Das Nationalitäten-Princip ist obligat und dominirt. Anthropologische Räthsel und Hypothesen machen, daß die Völker und Stämme sich mit Leidenschaf in vollblüthige ethnische Sondertheile trennen. Jedes Votk, jeder Stamm, vereinigt sich in sich selbst, scheidet aus, vertreibt, merzt alles Fremde aus, grenzt sich ab, verwahrt sich mit Hilfe der spitzfindigsten Barrikaden vor dem Eindringen fremder Elemente. Damit aber wenigstens der Schein des Friedens gewahrt werde, bewaffnen sie sich vom Kopf bis zu Fuß. schrecken einander ohne Aufhör mit Krieg, Invasion, Verheerung und nur ihre gegenseitige Feigheit ermöglicht ihnen den Genuß eines Scheinfriedens. Eine Frage drängt sich auf: Was, bei den gegebenen Verhältnissen und der gegenwärtigen Lage der Dinge in der civilisirten Welt, was haben die Inden zu thun, um nicht nnlir der Wucht jener friedlichen Rüstwerkzenge der Völker in Staub zerrieben zu werden? Sollen wir m die eine und die andere der bestehenden Völkerschaften aufgehen? Sollen wir das thun, was unsere Asfimilaioren jo sehnlichst wünschen und die Existenz unserer ethnischen Individualität vernichten? Die Herren wollen aber nicht in Betracht nehmen, daß. abgesehen von der Unlust der Völker uns zu absorbiren, uns selbst noch der verzweifelte Entschluß fehlt sich absnrdiren zu laffen. Der Instinkt der Selbsterhaltung wurzelt in uns nur zu tief, als daß es irgend einem Instrumente gelingen könnte ihn loszureißen. Zugegeben, wir jähen selbst ein, wie fatal für uns dieser Jnstinct ist, auch dann vermöchten wir nichts dagegen ausznrichten. So vermochten es auch nicht die Nachkommen unserer Glaubensbrüder, welche, um am Ende des 15. Jahrhunderts nicht aus dem schönen Spanien vertrieben zu werden, sich mit dem jpanischen Volke dermaßen assimilirten, daß sie würdig befunden wurden die höchsten Posten in der Administration und Kirche zu bekleiden. -Und dennoch verschmähten die Nachkommen in der zweiten, dritten und sogar vierten Generation dieser Granden, dieser Bischöfe und Mitglieder der heiligen Inquisition die herrlichsten Erdengaben, sie trotzten der Gesahr lebendig verbrannt zu werden und lehnen zum Judenthum zurück. Die Sephardim Englands, Hollands, der Türkei und anderer Länder sind auf Nichts jo stolz als aus ihre jüdische Helkunft. Wahrlich der in uns sitzende Jnstincr der nationalen Selbsterhaltung ist stärker als unser Willen, stärker als die Umstände und als alle Lockungen dieser Welt, iind gegen ihn anzukämpfen ist vergebene Mühe. (Schluß folgt.) Khronik. (ProzeßRohking-Nloch.) ProfessorRohling ist von seiner Ehrenbeleidigungsklage gegen Dr. Bloch zurückgetreten. Das ist das vielbesprochene Ereigniß der letzten Tage. Der Prager „Prosessor des Hebräischen" fürchtet also die Enthüllungen einer Schwurgerichtsverhandlung. Da wäre ja zu Tage getreten, wie die Stellen aus dem Talmud und den Nabbinen unter seiner „kunstgeübten" Hand gar merkwürdige Veränderungen erlitten haben und das wollte der gute Mann nicht. Freilich ist das nur unsere Erklärung. Seine sieht natürlich -ganz anders aus: Die vom Gerichte aeceptirten Sachverständigen wären seine erbittertsten Feinde und überdies sei ihm vom Statthalter im Aufträge des Ministeriums für Cultus und Unterricht der Befehl ertheilt worden, seinerseits die Judenfrage wegen der gegenwärtig aufgeregten Zeit ruhen zu lassen, weshalb es ihm unmöglich sei, sich in die anläßlich einer Prozesses notwendigen literarischen Debatten einzulassen. — Herr Professor Rohling soll jetzt natürlich die Prozeßkosten zahlen, die sich bereits auf 3000 fl. belaufen; aber in seiner Casse scheine dieselbe Ebbe zu herrschen, wie in seinem hebräischen Wissen und so hat der Verfasser des „Talmudjuden" an das hochlöbl. Landesgericht die Bitte gerichtet, dasselbe wolle die Uneinbringlichkeit der bisher erwachienen Kosten beschließen oder deren Nachsicht nöthigensalls der Gnade Sr. Majestät des Kaisers zu empfehlen. — Professor Rohling hat durch seinen Rücktritt nnwiederleglich bewiesen, daß die ihm von Dc. Bloch seinerzeit in's Gesicht geschleuderten Beschuldigungen den Thitsachen entsprechen und demgemäß berechtigt waren; ec bat dadurch die jüdische Nationalehre, die er in niedriger Wetse beschmutzte, zur Strafe in höchsteigener Person wieder reinigen müssen. Ja, es ist ein Sieg — und wir freuen uns darüber — ein Sieg unseres vielbeleidigten Stammescharakters; aber wir sind pessimistisch genug, zu glauben, daß er uns eben nur innerlich, sittlich kräftigen kann, unsere Unrgebilng aber, die in ihre Vornrtheile versessen ist, keines Besseren belehren wird. — Professor Rohling hat nach Rückziehung seiner Klage beim Unterrichtsminister in Wien Audienz genommen und eilten längeren Urlaub behufs einer Studienreise unternommen. (Antisemitisches.) Die ultra-antisemitische „Biliner Volksschrift" bespricht den im österreichische» Abgeorduetcnhause bestehende» „Deutschen Club" (sogenannte „schärfere Tonart") und theilt mit, daß im Schooße desselben zwei Parteien bestünden, nämlich ein rechter und ein linker Flügel. Letztem gehören an die Abgeordneten K n 0 tz , Pickert, P e r n e r st 0 r fe r, S t r a ch e» F n ß u. A. m. Derselbe sei „schönererianisch" gesinnt und werde bei der nächsten sich ergebenden Gelegenheit dieser Flügel in den „Club der Deutschnationalen" eintrctcn. Nach der letzten ausgesprochen antisemitischen Rede des Herrn Knotz zu urtheilen, bedarf es eines „officiellen" Uebertrittes nicht mehr. Die Firma Johann Aumann in Münchcngrätz (Böhmen) brachte über dem Eingänge ihres Geschäfts locales eine Firmatafel an» auf welcher mit großen Buchstaben zu lesen stand: „Christliche Tuchhaudlung." Die k. k. Bezirkshauptmannschaft forderte die Firma auf, das Schild sofort zu entfernen; dagegen hat Herr Johann Aumann den Rekurs an die k. k. Statthalterei in Prag ergriffen. — Seit kurzem erscheint in Wien ein neues Autisemitcnblättche», der „Oesterreichische Reformer", das in seiner Weise die socialen Verhältnisse reformiren will, sich aber lieber mit der Reform seines deutschen Stils beschäftigen sollte. Der Redacteur dieses Blattes, ein gewisser Herr Bartl, wird als Adjutant des Wiener Antisemiten-Häuptlings Ernst Schneider bezeichnet und verdient demgemäß der „Bartl des Propheten" genannt zu werden. — In der von 4—5000 Personen besuchten An tisemiten-Versammlung, welche am 26. Oktober im Sofieusaale zu Wien stattfand, und in welches der ungarische Antisemit Ivan v. Simonyi anwesend war und sprach, wurde beschlossen, an die Regierung eine Petition zu richten, dahingehend» den Wiener Gemeinderath, der sich nicht sehr „volksfreundlich" (d. h. nicht genug antisemitisch) benommen habe, in seiner gegenwärtigen Zusammensetzung aufzulösen lind die Verwaltung der Stadt einem Regierungs-Commissär bis zur Ausarbeitung einer neuen Wahlordnung zu übertragen. Bei Begründung dieser Petition griff D r. P a t t a i jene 72 Gemeinderäthe an, welche seiner Zeit anläßlich des 100. Geburtstages Montefiore'S denselben telegraphisch beglückwünschten. (Jüdische Deutfchthümekei.) Die Deutschthümelei mancher Inden in Nordböhmen streift schon an's Lächerliche. Wie sehr diese Aufdringlichkeit geeignet ist, den Antisemitismus zu kräftigen, davon mag folgende Correspondenz des „Oesterreichische» Volksfreund", die wir wörtlich zum Abdruck bringen, Zeugniß ablegen: -7- „Graslitz, an der sächsischen Grenze (Böhmen), 24. Oeto-es. Bor einiger