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Selbst-Emancipation · 1885-11-02 · Heft 19 (2.11.1885) · p. Seite 2

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 19 (2.11.1885)
Date
1885-11-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Selbst - Emancipation! Nr. 19 Seite 2 wir.darangehen, unsere kulturelle Wirksamkeit, nach einer andrreit Gegend zu verlegen : ' Der hochentwickelten, europäischen Welt steht eine tief gesunkene orientalische gegenüber. Zu abstoßend ist aber dem Orientalen der gegensätzliche Geist des Europäei s, um von ihm sich leiten und belehren zu lassen, um Cultur von ihm anzunehmen; er würde einen geeigneten Lehrer brauchen und wer wäre da passender, als unser Volksstamm mit seinen semitischen Raceneigenschaften und seiner europäischen Cultur, an der er selbst so viel Theil hat. — Nur die Juden, die europäischen Semiten werden je im Stande sein, die Cultur nach d e in Osten zu tragen — und wenn sie, zur Einsicht gekommen, an der Ausführung dieser wahrhaft großen Mission werden zu arbeiten beginnen, . dann werden sie keine Märtyrersendung haben, sondern eine solche, die mit eigenem nationalen Gefühle auf das Engste verbunden ist. - Nachom Nathan Agassi. „Assimilation."*) (Fortsetzung.) Während unsere fanatischen Assimilatoren alle mögliche Vorbereitungen treffen, um das beabsichtigte chemischethnografische Experiment in Ausführung zu bringen, indem sie die religiöse Praxis bis zu Null verkürzen, aus den Gebetbüchern Alles auSscheiden, was im e n t f e r nt e st e ii a n u n s e re Berg an g ei« h ei t u nd un s e r e Ho s fnungen in der Zukunft mahnt und sie als Juden kennzeichnen könnte — während, sagen wir, unsere Assimilatoren freudig und bewußt dem nation a len S e l b st m o r d, um der erlösenden Assimilation willen entgegengehen, verhält sich, damit dem Tragischen auch das Komische nicht fehlen soll, diejenige Seite, mit welcher sie sich assimiliren und amalgamiren möchten, nicht 'iumal gleichgiltig der ihr bevorstehenden Ehre gegenüber. Nein! Sie verkündet laut, sowohl, direct als auch indirect, daß ihr diese Ehre, dieses Glück durchaus nicht erwünscht erscheinen. Auch ist es sehr natürlich und begreiflich: die Zeit der Proselytenmacherci ist vorüber, religiöse Duldimnkeit wird, oder, ist zum Gesetz bei allen Culturvölkern geworden und dringt in die tiefsten und dunkelsten Schichten der Bevölkerung. Im Antagonismus zwischen Völkern und Stämmen spielt das religiöse Element keine Rolle mehr, oder es spielt eben im Nothfalle nur eine „Rolle", es stellt eine dem Auge angenehme Fiction vor, deren ethische Bedeutung aber beileibe nicht in ihrer Nähe zu suchen ist. Auf Grund dieses sind die Juden den übrigen Völkern nicht deßhalb antipathisch weil sie „Juden" sind, Anhänger eines archaischen Glaubens, sondern weil sie überflüssige Menschen, überflüssige Mäuler, überflüssige Concurrenlen sind auf dem Schauplatze des Kampfes ums Dasein. In Folge von Umständen, die den Juden nicht zur Last gelegt werden können, vollzieht sich . dieser Kampf vauptiächlich in den sehr engen Grenzen der freien Gewerbe, .welche eher verbrauchen als produciren und gestaltet sich deßhalb um so erbitterter. Sogar eine gänzliche Assimilation mit den Concurrenten hat für sich nichts Verlockendes, weil die ökonomische Lage dadurch in Nichts verändert wird. Die Seite, mit welcher an Körper und Seele sich zu vermengen, unsere Assimilatoren so erpicht und, thut nicht nur nicht den kleinsten Schritt um diese Mesalliance einzugehen, sondern sie will sogar von einer einfachen Annäherung nichts wissen, und die Assim i l a t o r e n sind zu den^T a ntalus qualen,der Liebenden verurtheilt, die nicht einmal . *) Der Originalarlikcl von Leon Kewnnda in der russlschjädlstzen Zeitschrift „Vo-odoä.« e i n e Ä n d e u t u n g auf Erwiderung ihrer f l a m m e n d e n L e i d c n s ch a f t f i n d e n. Sie aber, lassen die Hoffnung nicht fallen, verzagen nicht, und theilen auch in dieser Hinsicht die wenig beneidenSwerthe Rolle der unglücklich Lieb-nden, denen von Natur ans daS Los zu theil wurde, nicht nur unglück.ich zu sein, sondern, in den Augen der Zuschauer, auch noch lächerlich zu erscheinen. „Cultur" und „Aufklärung" sollen ihnen helfen, ihr Ziel zu erreichen. Di- Tboreu, sie vergessen, daß noch vor 100 Jahren, als die Inden sich zum neuen Leben aufznraffen begannen, sie ga iz so, auf Cultur und Aufklärung ihre glänzendsten Hoffnungen basirten wie in der Gegenwart, und diese Hoffnungen, wie sind sie so schmählich in unseren Tagen, in den beinahe allgemeinen, bösartigen und bedrohlichen Antisemitismus ausgeartet, während zu gleicher Zeit die Aufklärung Riesenschritte nach vorwärts machte. Wir geben zu, daß in gewissen Ländern unsere gesetzliche Stellung während dieses Zeitraumes, sich beinahe bis' zur Unkenntlichkeit gebessert Yak. daß sie hie und da fast nichts mehr zu wünschen übrig läßt; in den gesellschaftlichen Verhältnissen jedoch und in den Gefühlen der Völker uns gegenüber ist feine Veränderung eingetreten; die u n w i l l k ü r l i ch e Antipathie derselben ist die gleiche geblieben, ja sie scheint sich noch bedeutend v e r s ch ä r f e n zu wollen. Die Natur, der Charakter und die Ursache dieser Antipathie, werden mit dem Worte „Antisemitismus" selbst hinreichend gekennzeichnet: Man liebt uns nicht, weil wir „Semiten" und nicht Japhetiten, nicht Arier sind, — kurz und deutlich. Aus diesem Grunde bleiben die Gefühle der Völker uns gegenüber aus deni Gefrierpunkte, ohne sich erwärmen zu wollen, obschon die Gesetzgebung der Regierungen in Bezug ans die Juden vorwärts schreitet und sich immer mehr dem Punkte der absoluten Gerechtigkeit nähert. Werden die im Kreise der demokratischen Principien gemachten Fortschritte in Betracht genommen, so wird es leicht verständlich, daß ausschließlich in den Gefühlen der Völker, das Wesen unserer Existenz zwischen ihnen beruht. Die Gefühle derselben aber, sind weit davon entfernt, die Absorption eines ihnen aittipathischen Elementes anzustreben und die Assimilatoren greifen nach etwas Unerreichbarem; sie machen die Rechnung ohne den Wirth. Dieselben Assimilatoren sind noch nicht zur Erkenntniß gekommen, daß Cultur, Ci vilisation, Aufklärung d. h. Erfindungen und Errungenschaften auf den Gebieten der Physik, Chemie und anderen Naturwissenschaften, mit den Abrechnungen der verschiedenen Nassen und Stämme unter einander nichts gemein habe n, daß beide zwar scheinbar parallel sich fortbewegen, aber Jedes für sich besondere Ziele verfolgt. Während die Civuisation die Bequemlichkeit aller Menschen im Auge hat, verfolgt der in seinem Wesen thierisch-egoistische Rasseninstinkt nur die Interessen seiner eigenen Rasse, sei es auf Rechnung allerübrigen Rassen: altruistische Gefühle sind ihm. fremd. Es ist ein unerklärliches Verhängniß, daß, während der Collectiv-V erstand der Menschheit sich klärt uud bereichert, das individuelle Herz der Völker zu gleicher Zeit erboster und erbitterter wird, so daß diese in die Augen fallende, wenn auch sophistisch geleugnete Erscheinung, den pessimistischen'Denkern Anlaß giebt zu glauben, ob nicht die so gelobte Civilisation eher ei» das Auge täuschendes Uebel ist, wie der Baum im Paradiese, dessen Früchte für den ersten Menschen so fatal geworden sind. ' / Wir leben jetzt vielleicht am Vorabende von Entdeckungen und Erfindungen, wie sie der Kühnste der Weisen noch nicht zu träumen wagt, Und dennoch hat die Centrifügalkraft der verschiedenen Bestaiidtheile der Menschheit /

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