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Selbst-Emancipation · 1885-10-16 · Heft 18 (16.10.1885) · p. Seite 10

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 18 (16.10.1885)
Date
1885-10-16
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Selbst-Ern an cipation! Nr.18 übrigens ein College Rosenthals, zu Besuche kam. Derselbe, ein äußerst gesprächiger Mensch, erzählte viel von seiner Burschenherrlichkeit -als Couleurstudent, von Kneipen, Balgereien und dergleichen. Dabei kam er auf eine Schlägerei zu sprechen, die er und einige gute Freunde im vorigen Jahre nach einer Kneipe mit einigen antisemitischen Collegen, von denen sie angegriffen worden waren, gehabt hätten und rühmte sich seines damaligen Sieges. ..Rosenthal, Du warst ja damals niit uns, wenn ich nicht irre", wandte er sich an diesen. Der Gefragte nickte bejahend init dem Kopfe. — „Und haben Sie auch tüchtig eingehaut, Rosenthal?" srug Simon, nur um etwas zu sprechen und nicht zu verrathen, wie sehr ihn das Gespräch anwidere. „Ich?" antwortete Rosa's Cousin in dehnendem Singsang und mit schlauem, überlegenem Lächeln. „Was fällt Ihnen ein, Berger? Da bin ich gescheidter, ich bin zur Thüre gegangen und habe von dort zugesehen, wie die Leute sich , schlagen." . Simon war im Innern empört; denn, wenn er auch die Sittenverrohung der Studenten verdammte und es beklagte, daß auch die jüdischen jungen Männer den Kneipgeist pflegten, so mußte er doch dieses Vorgehen Rosenthals, oer, seine Freunde im Stiche lassend, elend die Flucht er- . griffen hatte, zumindest für erbärmlich feige halten; es i fielen ihm die warnenden Worte seines Freundes Sternberg ein und das typische Bild eines gesunkenen, Neuzeit« , lichen Juden, das in jener Tendenzbroschüre gemalt war, trat vor sein geistiges Auge. Seine Verstimmung wurde noch größer und er verließ bald, ohne sich über Rosen- 1 IhalS Desertion geäußert zu haben, das Haus. j Simon war froh, als Rv>enthal am nächsten Tage ' ihn nicht besuchte, denn er war ihm seit gestern nicht mehr > ,o gut wie vorher, auch ging er an diesem Tage nicht zur Familie Katz; aber am zweiten Tage litt es ihn nimmer zu Hause: Er mußte hin, sie sehen, seine unsagbar geliebte, abgöttisch verehrte Rosa. Hatte er sich denn nicht schon tausend Male überzeugt, daß ihr Herz dem harten Zug um die Mundwinkel widersprach und doch war er wieder so schlecht gewesen, an ihr zu zweifeln! Der junge Mann machte sich noch Vorwürfe! Welch' eine verkehrte, närrische Welt! - Und so ging er wieder hin, um sich von diesem .Mädchen, der Braut eine» Anderen, bezaubern zu lassen. Er kam auch weiter täglich, denn sie war so schön,, so gut, so, edel, er liebte sie deshalb so sehr und er hatte eine so »nnige Freude, ihr diese Liebe zu zeigen. Aber trotz der theilweisen Verblendung, in. die „ihn seine Liebe verletzte, merkte er doch bald, daß eine Veränderung in dem Benehmen der Hausleute gegen ihn eingetreten war. Beiden Eheleuten 'Katz war steife, gezwungene Freundlichkeit an die Stelle der früheren Freundschaftlichkeit getreten. Rosa war so auffallend'kühl gegen ihn geworden; wo war ihre gewohnte, Herzlichkeit »m Umgänge mit ihm, die ihm so wohlgethan hatte, hingerathen? Auch Rosenthal war ein Anderer geworden: Abgesehen davon, daß er seine Besuche bei Simon — wahrscheinlich, weil er sich innerlich schuldig fühlte — eingestellt hatte, wurde er sarkastisch; wo er nur kannte, brachte er spöttische Bemerkungen, deren Beweggrund nicht recht deutlich war, gegen Berger an. Was war da geschehen? Sollte ec hier ungern gesehen sein? Traf ihn ja, doch von Zeit zu Zeit ein berückender Blick aus Rosa's schwarzen Augen und drückte ihm das Mädchen ja manchmal'die Hand beim Abschiede so fest, als wollte es , ihn dadurch ermuthigen und ermuntern. Auch Rvsenthal hatte Stunden, wo er seine Bissigkeit aufgäb und lächelnden Mundes von seiner Bruderliebe für Rosa erzählte., — Simon stand anfangs rathlos. vor dieser räthselhaftcn Veränderung, aber nicht länge; bald glaubte er nämlich die Lösung des Räthsels gefunden zu haben. Man war offenbar in der Familie Katz über sein Zaudern ungehalten und Rosa strafte ihn für dasselbe durch ihr kaltes Benehmen. Er fühlte sich glücklich, als er sich in der Sache zurecht gefunden zu haben glaubte, denn er sah voraus, wie er in einem Augenblicke mit einem Worte die Sachlage verändern werde. Der arme Mensch fühlte sich Noch glücklich! Er wußte eben nicht, daß zuweilen Mädchen mit ihren Blicken in herzloser Triumph - sucht auch dort zu wirken suchen, wo sie nur entflammen, aber nicht Liebe gewähren wollen; er wußte auch nicht, der Unerfahrene, daß es Menschen von der bodenlosen Schlechtigkeit geben könne, daß sie den nichtsahnenden und überdies durch Ränke beseitigten Nebenbuhler noch obendrein höhnen; er wußte eben nicht, der Einfältige, daß Gott Wesen in Menschengestalt geschaffen habe, welche mit einander verabreden, einen Blinden weiter taumeln zu lassen, wiewohl sie ihn einem Abgründe entgegenwanken sehen; oder gar. daß auf dieser Welt Geschöpfe herumwandeln, die einem in sein Verderben gehenden Blinden noch zurufen: „Nur muthig vorwärts. Du bist auf dem rechten Wege!" — ,- Also Simon war glücklich und seine glückliche Stimmung , half ihm die Abneigung überwinden, die er seit dein .Momente, wo Rosenthal mit seiner Feigheit geprahlt haue, gegen diesen empfunden hatte. Albert mußte doch ein braver Mensch sein, weil er sich über Simons Zaudern, dessen wahre Beweggründe er nicht kennen konnte, kränkte. So fand noch Berger für das stete Höhnen seines Rivalen eine edle Ursache und, sobald ihm die Kampfgeschichte einfiel, dann gewöhnte er sich, Rosenthal bei sich mit den Worten zu entschuldigen: „Ein Jeder kann doch nicht tapfer sein!" Aber Simon schien vom Schicksale dazu bestimmt, in Rosenthal überhaupt sich zu täuschen. Oder war e» keine tapfere, verwegene That, die dieser eines Tages, in Ausführung brachte?- „Sehen Sir nicht Berger, wie das böse Gewissen sich heute in dem Gesichte meiner Cousine ausdrückt?" „Daß ich nicht wüßte!" antwortete Simon auf die lächelnde Rosa hinsehend. „Es ist kein kleines Verbrechen, das sie heute beging", 'fuhr Albert fort, „sie hat heute die Mittagssuppe so versalze», daß sie ungenießbar wurde." „Plaudre doch nicht Alles aus. Albert!" .„Ei, warum denn nicht? Nichtwahr, ich sollte lieber davon schweigen, damit Niemand aus der versalzenen Suppe einen Schluß auf Deine Verliebtheit ziehen könnte?" „Ach, Sie sind verliebt Fräulein", meinte nun Simon, - „ich würde vieles darum geben, zu erfahren, wer der Glückliche ist." „DaS ist sehr leicht, lieber Berger", sagte Rosenthal. „Ein College von der Medicin hat mich das Mittel, das zu erfahren, gelehrt." „Da wäre ich doch neugierig", meinte Simon. „Und ich auch", fügte Rosa hinzu. V „Sehet, das ist einfach. Du gibst mir Deine Hand, Rosa, dann nenne ich den Namen irgend eines jungen Mannes, den, Du kennst. Beginnt dann Dein Puls rascher zu schlagen, so habe ich den Richtigen getroffen; schlägt er aber normal, so versuche ich es mit einem anderen Namen und so fahre ich fort, bis ich auf den richtigen komme." „In der That, ein geschicktes Mittel", warf Simon, scheinbar gleichgiltig lächelnd und doch gespannt, dazwischen. „Nicht, wahr? So reiche mir Deine Hand, Rosa! Wir wollen'? bei Dir versuchen." . Das Mädchen legte ihre zarte, kleine Hand in die ihres Cousins. - „W., der hübsche Techniker!" declamirte Albert im Tone eines'Geisterbeschwörers oder richtiger einer Geister-

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