Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 18 (16.10.1885)
- Date
- 1885-10-16
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 Selbst-Emancipation! Seite 11 beschwören». — „Ganz normal", fuhr er nach einer Pause des Lauschens fort.-„D., der elegante Mediciner!" — „Ganz normal!" — — „K., der schöne Schauspieler!" — „Ganz normal!" —Ja, ist denn das bei Dir nicht zu errathen? — — Oder ist's gar . . Es war den Vormittag über trübes, kaltes Wetter gewesen; jetzt theilten sich plötzliche die Wolken und ein kühnes Sonnenstrahlchen fiel auch auf die schmale „Fischerstiege" hinab und in das dunkle Wohnzimmer der Familie Katz hinein, gewiß, um hier i» thörichter Verliebtheit mit den rabenschwarzen Haaren Rosa's zu spielen. Sonne, o Sonne, Du brichst strahlend hervor, um eine schwarze Frevelthat zu beleuchten! Liebt Deine Feuerseele den Verrath des Freundes am Frennde. ergötzt sie sich an dem mulhwilligen Spiele eines Mädchens mit dem Herzen eines Mannes?- „ . Simon Berger?" fragte Rosenthal, zu dem jungen Manne hinblinzelnd, mit langsamer Belönnng — und lauschte den Pulsschlägen.- (Fortsetzung folgt.) Don der ersten Zerstörung Jerusalems bis zum Auftreten Alexander des Großen. (Eeichichtlicher Vortrag, gehalten von Herrn N. Birnbaum im Vereine „Zukuust" am 10. Ociober.) Es gibt der Gründe mehrere, warum uns die Erzählung von der ersten Zerstörung Jerusalems nicht gerade so mächtig ergreift und erschüttert, als die von der zweiten über die Stadt herein, gebrochenen Katastrophe, warum wir ruhigeren Blutes an das erstere Ereigniß zurückdenken können als an daS zweite. Abgesehen von dem jedoch nicht ganz zu übersehenden.Umstande, daß die Vernichtung des ersten jüdischen Staates durch die Babylonier 600 Jahre früher stattfand als die d?s zweiten durch die Römer, ist zu beachten, daß die Persönlichkeiten der beiden Eroberer, Nebukadnezar und Titus wesentlich verschieden sind. Wie grell sticht die unmeiischtich grausame Behandlung der Unterworfenen durch den römischen Kaisersohn von dem verhälinißmäßig milden Borgehen des orientalischcn Königs ab! Und wie sollte ferner dieser erste Sturz Jerusalems, dem ein neues Sich-Emporrichte», eine neue Btüthe folgte, uns ebenso tief berühren, als der zweite Fall, dem sich eine achtzehn» hundertjährige Leidensgeschichte auschließt, dieser Fall,. von dem es lein Sich-Aufraffen zu geben scheint? Aber eben, deswegen, eben um des UmstandkS willen, daß auf den Trümmern des von Nebukadnezar zerstörten Jerusalems.wieder ein »encs sich erhob, wird der Untergang des ersten jüdischen Reiches und die unmittelbar darauf folgende Zeit ein interessanter Gegenstand geschichtlicher Betrachtung, — und zwar umso interessanter, als er Vieles zur Nutzanwendung Denjenigen. bietet, die auch heule noch an der Zukuusr deS jüdischen Volkes nicht verzweiseln und nicht verzweifeln wollen. Mehr als ein Jahrhundert vor der Eroberung deS judäischen Reiches durch Nebukadnezar war das israelitische Reich durch die Asiyrier unterworfen, waren die zehn israelitischen Stämme in die Gefangenschaft geführt worden; die Hälfte der Nation war also bereits längst vernichtet, als die Heeresmassen des babylonische» Königs daran gingen, auch die zweite Hälfte tödtlich zu treffen. Im Jahre 586, also am Ende des sechste» Jahrhunderts vor Beginn der christlichen Zeitrechnung, erlag Jerusalem dem Anprall der feindlichen Kriegsschaaren; die Eroberung der Residenz machte s.-lbstverständlich das jüdische. Land zur babylonischen Provinz. Gegenden letzten jüdischen König, Z i d k i a h, wurde grausam verfahren. Ec wurde seiiics Augenlichtes beraubt, seine Kinder in seiner Anwesenden hingerichiet. Die jüdischen Generäle würden sämmtlich enthauptet. Die niedrigen Bolksclaffen, die der Krieg und die Auswanderung in Folge der unleidlich gewordenen Verhältnisse decimirt hatte, wurden im Lande belasten. Die Elite der jüdischen Gesellschaft, also der Geburts- und Priesteradel, die Finaiizaristokratie und die Intelligenz, wurde gefangen in's Feindislaud geführt, erfreute sich aber daselbst einer guten Behandlung und eines - materiellen Wohlstände». Die Lage der Verbannten verbefferte sich noch. mit dem Tode Nebukadnezar's und dem Regierungsantritte Ewil-Meroda ch's. Derselbe begünstigte die Inden aus jede Weise, regierte aber nur zwei Jahre, um dann seinem.Mörder N e ri g l issa r Platz zu machen. Auch dieler starb nach drei Jahre» und ein babylonychec Großer, Namens N a b o n a d, bestieg den Thron. Eine seiner ersten RegierungShandluugeu war, dem pys »irischen Prinzen M e r b a l die Rückkehr nach T y r u s zu gestatten und ihm die Königswürde zu verleihen. Dieses Borgehen erfüllte auch die Juden mit der Hoffnung auf einen ähnlichen Gnadenact gegenüber dem davidischen Prinzen S ch a l t i e l. Aber die Erwartung täuschte sie. und die erfahrene Zurücksetzung sachte den alten nationalen Groll gegen Babel, den die milden Regierungen Nebnkadnezar's, Ewil - Merodach'S und Neriglistar's beinahe auSgelöscht hatten, in ihrer Brust wieder an. In der Verbannung hatten die Juden -inen merkwürdige» Läuterungsprozeß vnrchgemacht: Die beiden großen Proph.ien I e ch e s k e l uno I i r m i a h waren mit in's Exil gewandert n»!> ließen hier ihr? kraftvollen Worte vernehme». Ihre Ermahnnngen zur sittlichen Beffernng und ihre herrlichen Verkündigungen der nationalen Wiedergeburt veredelte» das Volk und erfüllten es mit Vertrauen auf seine Zukunft. Nachdem aber diese beiden Propheten gestorben waren, las man ihre Reden und der Eindruck dieser Leclüre wirkte auf die junge G-'neraliou noch bei weitem stärker, alt das gesprochene Wort aus die alte gewirkt hatte. Außerdem hatte B a r u ch, der Jünger des Propheten Jirmiah's, eine Sammlung der heiligen Bücher angelegt und >o unermeßliche Schätze dem Bolksgeiste zugeführt. Jetzt lernte erst das v-rbauute Volk seine nationalen Güter schätze», jetzt sah es erst ei», was es verloren hatte. Eine flammende Begeisterung für die großen Ideen der mosaischen Lehre ergriff die armen Vertriebenen, zugleich aber auch eine tiefe Sehnsucht nach dem verlorenen Vaierlande; sie wurden zu „Awolej Zion“, zu „Trauernden um Zion". Man würde aber fehl gehen, wenn mau glaube» wollte, daß diese Bewegung Alle ergriffen habe; eia großer Theil des Volkes, von dem babylonischen Schwelgerleben enizückt, verhielt sich abwehrend gegen die patriotischer Einflüsse. Was kümmerte sie Jerusalem, was die Ideen ihres Volkes, wenn sie »uc dem Grauste sich bingeben konnten? Diese Leute hatten ihr Judenthum bei Sei:e geschob.-n uud wollten „Babylonier sein und bleiben", wie sich der Geschichtsschreiber Graetz jo richtig ausdrückt. Zum Glücke waren diese Assimilauten vor dritthalblauseud Jahre» in der Minorität gegenüber Denen, welche den Rückkehrgedauken zärtlich hegten uud pflegte» und welche jetzt, als Rabonao sich abweisend ihren Herzenswünsche» gegenüber verhielt, uurso. leidenschaftlicheres Berlangeu nach dem theuren Heimatsdodeu e>npfanden und bittere» Haß gegen Babylon in ihrem Brisen nährten. Dieser glühende. Psychologisch so leicht erklärliche Haß, und die gestrig rre Z-onSsehnsuchl Tuben Ausdruck in dem berühmreu 137. Psalm: An den Bächen Babel's saßeu wir und weinten, AlS wir Zion's gedachten. An die Weiden in ihrer Mitte hängteu wir unsere Harfen a lf. Dort verlangten u»sere Sieger Gesäuge von uns Und unsere Plünderer Lieder der Freude: „Singet uns doch uo.i de» Liedern Zions!" Wie sollen wir Gottes Lieder in kremdem Lanoe singen? Wenn ich Dein, Jerusalem, vergäße, so welke meine Rechte; Es klebe meine Zunge am Gaume», wenn ich Drin nicht gedenke, Wenn mir Jerusalem nicht vorschwebi mitten in der Freude. Gedenke, o Herr, den Söhnen Eoom's den Tag von Jerusalem, Ihnen, die da riesen: „B:rheeret, verhceret es bis auf den G-Uitd!" Grausame Tochter Babels! Heil Dem, der Dir vergelten wird, was Du an uns gethan; Heil ihm, der Deine Kinder ergreife» uud au de» Fels schmettern Wer weiß, ob nicht der Säuger mir den letzte» Worten de- PsalureS eine bestimmte Persöullchkeit im Auge halte, ob er nicht Hell zurief dem jungen persisch?» Heldenköuig Cyrus, der sich eben dazu auschickle. die babylontsche Weltmonarchie anzugreisen. Die babylonische Judenheik sah in Cyrus den Sendbote» Gottes, der sie ans der Gefangenschaft befreien und dem verbannte» Volke se>n Vaterland wiedergeben werde. Die Regierenden des Landes wußte», wie sehnsüchtig die jüdischen Nationalgesinnten dem Kommen de» Eroberers eutgegenharrten; sie wußten, wie innig sie für seinen Siez über das verhaßte Babel beieten und in Folge dessen brach eine Periode von Dbuck und Verfolgungen über den Ueberrest Israels herein. Aber die Leiden, die der unglückliche Stamm zu übersieh«» hatte, steigerten noch feine Begeisterung für die jüdische Lehre, vertieften noch seine Liebe zu Zion, erhöhte» noch seine Zuversicht. Es erstand in seiner Mitte ein Redner, der dieser Begeisterung, Lieoe und Hoffuungsfreudigkeil so flammenden und hinreißenden, so schwungvollen und formvollendeten Ausdruck zu verleihen wußte, wie Niemand vorher Man nennt ihn oen io e i i e n I e s ch a j a h", weil sein wahrer Name uirbekanut geblieben ist und seine prophetischen Reden mit denen deS echten Jeschajah in einem Bach vereinigt sind. »Tröstet, tröstet mein Volk'." Diesen Goltesbefehl verkündete ec dem Volke. „Schüttle ab den Schutt von Dir, erhebe Dich und throne wieder, Jerusalem! Löse die Fesseln Deines Halses, gefangene Tochter Zons!" ruft er in prophetischer Fernsicht aus. Den Cyrus begrüßt auch er als den von Gott erwählten und gesandten Befreier. Und mir Recht! Denn im August des Jahres 53g vor Beginn der üblichen Zeitrechnung trat das ersehnte Ereigniß -in: Das entartete Bab?l fiel in die Hände dec erobernden Perser, daS babylonische Reich hatte aufgeyöct, zu existireu. für das getretene jüdische Volk hatte die Stunde der Bejreiung geschlagen! — Der Fall Babylons und seines niedrigen Götzeudienstcs übten auch eine ecnüch«