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Selbst-Emancipation · 1885-10-16 · Heft 18 (16.10.1885) · p. Seite 3

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 18 (16.10.1885)
Date
1885-10-16
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 18 S e l b st - E m a n c i p a t i o n! Seite 3 bedaneilicheu Mißverständnissen noch zu in weil größerem! Grade bedanerlickeii Kämpfen der Meinungen und Parleien Anlaß. Die Juden Rußlands wurden allmälig russificirt, diejenigen Polens polonisirt, mit anderen Worten: sie eignete» sich die Cultur des entsprechende» Volkes a», ohne deshalb aufzuhöcen, Juden zu sein, da sie keinen Antagonismus zwischen dem Judeuthume und dem bürgerlichen Leben des Volkes, in dessen Milte das Schicksal sie geworfen halte, zu finden vermochten. Auch unsere westlichen Glaubensbrüder verstunden nicht anders den in unserem Leben sich voll'gehenden Prozeß und b-glück - wünschken einen jede» unserer Schrille auf der Bah» des Fortschrittes. Die Alliance Israelite Universelle b,trachtete ihn in denselben Sinne» keine Mittel scheuend, die Juden in Asien und Afrika zu vewegeu, die in jenen Ländern herrschende Cultur sich anzueignen, ohne dabei die sprciell jüdische zu verleugnen. Dieser Prozeß fand bei der Alliance umsomehr Unterstützung, da für keine Partei in demselben Verletzendes zu finden ist, indem cs sich nicht um das Aufgehen der einen Rare in der andern handelt, sondern um daS friedliche Zusammenleben unter denselben Staatsgesetzen und dem Schutze der a l l g e m e i n. m e n s ch l i ch e n Civilisation. Endlich verstehen lhn nicht anders auch alle Diejenigen unter uns, welche kem Vertrauen zu einer vollständigen . Liquidation unserer historischen Vergangenheit haben, und fest überzeugt sind, daß man auch, ohne mit dieser Vrgangenheit gänzlich z,l brechen, ein guter nützlicher Börger sowohl, als auch Jude in dem bescheidenen Rahmen seiner StammeSangehörigkeit sein kann. Versteht mall den in Rede stehenden Cnltnrprozeß in dem Sinne, wie wir ihn auseinanderzusetzen uns bemüht haben, so wird es klar, daß derselbe mit Assimilation nichts gemein hat, da er nur die Annäherung, Aussöhnung, das Abschleifrn der Ecken und Kanten, die dieser Annäherung^ hinderlich im Wege stehen, anstrebt, ohne eine Zersetzung und Gestaltung neuer Körper, was beinahe ein Selbstmord wäre, zu begünstigen. Wird aber der mit Assimilation benannte Prozeß so verstanden, wie ihn in ihren Salons Ende des vorigen und Anfang des jetzigen Jahrhunderts eine gewisse Schichte deutscher Juden mit dem ilichts weniger als tugendhaften Tugendbunde an der Spitze verstanden haben, dann freilich bleibt nichts als zu fragen übrig, — wozu denn eigentlich dieses Maskireil der Absichten? Wozu dieses Blinde'Kuh- Spirl? Warum die Dinge nicht bei ihrem rechten Namen neunen? Warum nicht offen erklären, daß es sich um eine V.e r n i ch t u n g der veralteten 4000j ährigen Cllltur und des hinfälligen 4000jährigen Stammes handelt? Dann hätte man wenigstens nicht mit Mißverständnissen zu kämpfen, nicht über eine Sache zu raisoniren, die so klar wie der Tag ist. Ein'Jeglicher würde dann wissen, was er ist und woran er ist. Wem es nicht schwer fallen sollte, die unübersehbare Kette, die uns mit unserem vorgeschichtlichen Ahnen Abraham verbindet, zu zerreißen, der würde es schlechtweg thun und wäre zufrieden und folglich auch glücklich. Wein es nicht zusagen sollte, der würde sich nicht weiter um die Sache kümmern. In dieser Weise hat ja auch der Einzelne von uns von jeher gehandelt. Wer sich von seiner Abkunft befreien will, macht ein gewisses Cereinoniell durch und wird ein anderes Wesen — in den eigenen Augen wenigstens. Wer dazu keine Lust empfindet, bleibt was er war, und waffnet sich mit Geduld. Kann man sich was Einfacheres und Natürlicheres denken? Wozu also der unausführbare Wunsch: was jeder Einzelne thun kann und niitunter auch wirklich thut, möge von der Grsammtheit vollzogen werden? Wozu die trüge« rische Fahne und das in Nebel gehüllte Losungswort» mner deren Auspieien die fälsche Predigt die eigentliche Absicht verdecken soll? Wozu diese unberufene Sorge um das Wohlergehen und die Interessen des an Erfahrung reichen, und der Rathsch.äge solcher. selbstgeschaffenen Bormunde nicht benöthigenden Judenthums? Es verfolgt seit jeher den Weg, den ihm sein historischer Genius vorschreibt, und beim jedesmalige» Zurückblicke» kann es sich der Ueberzeugung nicht verschließen, daß es, trotz mannigfacher Hindernisse, immer nur -vorwärts gestrebt hak und anch vorwärts gekommen ist. Manche retrograde Bewegungen sind nicht anders als Umgehiingen zn betrachten, die bei jedem weiten Wege unausbleiblich sind, die aber der allgemeinen Tendenz nach vorwärts nicht nur nicht hinderlich, sondern eher förderlich sind. Die, von den radikalen Assiinilatoren dem greisen Israel gemachte» Vorwürfe, weßhalb es nicht ihre Furcht theilk, daß die Völker Alles verschlinge» und für dasielbe Nichts Zurückbleiben wird, sind nicht ernst zu-nehmen. Israel braucht sich nicht zu beeile» und kann mit Geduld die Stunde erwarten, in welcher auch für dasselbe der Tisch gedeckt sein wird. Nicht einmal blos war ihm rill Mittagsmahl bereitet. Zum erstenmal geschah eü, als es hungernd Egypten verließ, zum zweitenmal nach seinem 70jährigen Fasten in Baby'on, zum dritten nach seiner dürftigen Existenz zur Zeit der Seleuciden. Nicht unmöglich ist die Voraussetzung, daß nach dem groß en Fasten, auch zum viertenmal endlich für ihn rin neues Peßachfest, eine neue Befreiungswoche, anbrechen wird. Existirt denn aber Israel ausschließlich mlr deswegen, um seine materiellen Bedürfnisse zu befriedigen? Wird es von der Vorsehung im Festsaale nach allen Richtungen herumgeführt, ohne es mit den Schmausenden sich vermengen zu kaffen, nur deßhalb, 'damit es auch am Schmause theilnehme? Wenn dem so wäre, es hätte schon längst vor den gegenwärtige» Theilnehmern seine Portion vermehrt, wäre schlafen gegangen, den Schlaf der Tod'en. ähnlich viele» anderen Tischgenossen. Aber nein! Israel existirt, und seine Existenz dauert nicht umsonst. Das können oder wollen nicht die ungeduldigen Näscher begreifen, deßhalb bestreben sie sich so eifrig mit Denjenigen zu identificiren, die des Ahasverus Hinterlaffenschaft noch zur Lebenszeit des Testators theilen wollen. Für Niemand aber wird des Testators lange« Leben so unbequem, als für die eigenen gesetzlichen Erben, und deßhalb sind Letztere zu Allem bereit, damit nur Ersterer euolich die Augen schließe. Da aber das Wort B a t e rmo rd, in den Ohren normaler Menschen zu grause klingt, so gelang es ihnen im Wörterbuchs ein weicheres und anständigeres Wort zu finden: „Assimilation", ein Wort, unter welchem man sehr anständige und sogar löbliche Absichten voraussetzen kann. Mit diesem Worte paradiren nun die ungeduldigen und aufgeregten Erben und suchen dasselbe ihrer Miterven, die es noch nicht v.-rlernt haben, Vater und Mutter zu ehren und deren Leben, wenn auch mit vielen Opfern zu verlängern, aufzudrängen. Selbstverständlich wollen die ehrerbietigen Kinder mit de» vatermörderischen Plänen der entarteten nichts gemein haben. Deßhalb diese Wuth. dieser Haß^ und Verachtung mit welche» Letztere ihre besseren Brüder behandeln, deßhalb sind sie bereit, dieselben lebend zn verschlingen, im Namen, des nach ihren selä« vischen Begriffe» rettenden PrineipS der Assimilation. Zu unserer Schande müffe» wir gestehen, daß unsere nächsten StammeSgenoffeii, ein Häuflein polnischer Juden — pur sang, — im Namen dieses Princips, zumeist durch ihre phcnomenale Intoleranz und Haß gegen ihre Brüder, die nicht zur Categorie der Assi» milante» gehören, sich bemerkbar machen. Ihre Gefühle und Beziehungen zu den Juden anderer Länder, lassen sich kaum von denen der schlimmste» Judophoben unterscheiden.

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