Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 18 (16.10.1885)
- Date
- 1885-10-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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scite 2 Selbst-Emancipationh Nr. 18 läufig oder vielleicht auch weite»hin? einfach unmöglich, obwohl wir als gute Nativ naljudeu unseren» Volke wünsche»» würden," i n sei n e r G c s a m m t h e i t auf die arische Gastfreundlichkeit dereinst.verzichten zu können. Durch daS Aussprechcn dieses Wunsches erledigt sich die zweite Vermuthung des „Oesterreichischen VolkSsrennd", die diesem noch „glaubbarer" erscheint, ganz von selbst. Im weitere» Verlaufe seiner Auslastungen druckt das ' Blatt den Brief des Herrn I. M. Pines in Jerusalein über die Juden in Peknn (Palästina)*) wortgetreu ab, aber wah» hast haarsträubend ist der Commentar, den er zu diesem Briefe gibt. In dem Briefe wud nämlich von fünf jüdischen europäischen Familien in unverkennbar absprechender Weise erzählt, daß sic sich Grund und Boden erwuchert habe», aber auch als Beweis gegen die Versuche, den Wucher zum jüdischen Nationalfehler zu wachen, angeführt, daß - z w e i u n d z w a n z i g einhei-' mische (!) "Familien desselben Ortes, deren Voreltern seit den Zellen der jüdischen Selbstständigkeit auch daselbst ai.säßig waren, den Ackerbau betreiben. Darin sieht nun der „Oesterrcichische Volksfreund" ein Eingeständniß. Ja, wir Nationaljuden gestehen ein, daß sich Entartete unter uns treffen, aber es ist eine gemeine Fälschung der G c s ch i ch t e, das verallgemeinern oder uns die Schuld davon, beimeffe» zu wollen. Wir Nationaljuden leugnen nicht, daß unser Volk jetzt moralisch tiefer stehe, a.s einstmals, aber dadurch, daß wir das anerkennen, sprechen wir zugleich auch eine fürchterliche und in allen Punkten berechtigte Anklage gegen die arischen Völker aus: Die N i ch t s e m i t e » habe,, uns Semiten systematisch demoralisirt und, daß es tyueu nicht gelungen ist. uns so zu erniedrigen. als sie selbst bei ähnlicher Behandlung gesunken wären, »st ein Zruguiß für unsere höhere s i t t l i ch e K r a f t. Wie hilft sich aber, der „Volksfreund" gegen die Bauernfamilien in Pekiin, welche durch ihre Existenz zeigen, daß ein. guter Ke»n in Unserem Volke liege, der nur iu der zärtlichen arischen Umhüllung »licht zur Geltung komme» kann? Er jagt: „Diese armen Bauern si»»d offenbar keine eigentlichen Raffeiijuden, sondern Araber, die beschnitten sind urid zum Theile nach jüdischen Sitten lebe>t, denn (so heißt es ».änilich im betreffenden Briefe) ihre Tracht und Lebensweise gleicht ganz der der Fellachen, „ihre Sprache ist die arabische." Es ist wohl kau,n je so viel Unwissenheit und Widerspruch in wenigen Worten zufammengedrängt gewesen, als»» diesem „Volksfreund"-Cvmmentar. Abgesehen davon, daß. es von. Seiten eines antis e m i t i s ch e n Blattes eins unverzeihliche. Uükennlniß der eigenen Doctrin bekundet, diese Bauern durch ihre Erklärung zu Arabern, also auch Semite», von dem Verdachte jüdischer Abstammung reinigen zu. »volle» und abgesehen davon, daß so gelehrte Herren wisse» sollten, was Mer Schulbub weiß, daß die Be,chneiduug bei oen. Arabern ohnehin eingeführt ist, wirkte die voit» „VolksfreMd" mit solcher Sicherheit vollzogene Arabisirnug der Juden von Pekiin durch den auf die fellachische T»achl u»»d Lebensweise und die arabische Sprache sich stützenden Beweis dieser Behauptung geradezu verblüffend. Hat der edle „Bolksfremrd" vergessen, daß er eine Seite, vorher den Worte», des jüdisch-nationalen Artikeljchrelbers zugejübelt . hat, die da lauteten: „Das scheinbare Anne h men von Sitten,. Sprache uns Manieren der mit den Juden zusammenwohnenöe« Völker vermochten nicht die charakteristischen Eigenschaften unseres Stammes zu vertilgen oder nur zu schwächen." Wir haben nur die widerwärtigste» Ert'ärmlichkeiten aus diesem Artikel angeführt, der einer Literatur angehört, welche die eckte und elende Aufgabe sich *) Nr. 15 unseres Blattes. gesetzt hat, ein ganzes Volk, sieben Millionen Mitmenschen mit»lly: Gcwal», koste es, was es wolle, durch rin ewiges Brand,nal zu schänden. . Und »v»r Nativnaljnden sche»»en uns »»icht, iu irgend einer Sache im „schönsten Einkiailg" mit diesen Leuten zu sein- »vir schrecken nicht davor zurück, zu wolle»», »vas jene wollen? Nein, »vir schrecken auch »virklich davor nicht zurück. Wen» Ihr Affiinilailten, über einen Kiesweg schreitet und da zu Euren Füßen ein glitzender, kostbarer Brillant glitzert, »verdet Ihr Bedenken tragen, ,hn aufzuhebe», weil nur Kiesel seme Nachbarn sind? Die Erkenntniß der .nationalen Eigenartigkeil unicres Stammes und die Palästina-Idee sind solche kostbare Edelsteine, die wir Nationaljuden unter einer Unzahl von werthlosen Steinen, unter dem antisemitischen G danken chm» gefmive» haben. — Wenn das Kind von eiilem dosh>.steu Gespielen durchgebläut wird ul»d »Denn es vom Vater u» zärtlichen Scherze einen Backenstreich erhält, so sind das zwei pniriilelmeit von einander liegende Dinge. Fortg jagien S claven gleich, von Antisemiten getrieben werden und freien Männern gleich, mit Freiheitsstolz in der Brust selbst gehen, das sind zwÄ sehr verschiedene Sache». Es gilt in dieser Beziehnng eben daS alte Sprichwort: Wen» zwei dasselbe thu», so ist eS nicht dasselbe. Nachum Nathan Agassi. ^Assimilation."') . (Aus dem-Russischen übersetzt voi» I. P i n s k e r.) Die wenigen Worte des „Izraelita“ sind weder inhaltsreich noch neu und verdienten nicht einmal, bemerkt zu werden, aber die Sache, die sogenannte Affimilation »äinlich, die er behandelt ist eine ernste und verlangt auch eine ernste »lud umständliche Besprechung. Dieses seit verhältnitzmäßig kurzer Zeit bei uns entstandene Wort ist zur Losung geworden und hat leider das Lager der Juden entzweit. Die Begriffe, die diesem Modeworte unterschoben werden, sind so unklar und verwickelt, daß tnaii unmöglich zur Erkenntniß desselben kominei» fault; die Parteien kämpfen mit einander, ohne sich zu verstehen und gelänge es, dieses Mißverständniß zu e, klären, so würden die Waffen den Händeil der Käm-. pfenden entfallen und diese sich entweder als Freunde umarmen oder aber in entgegengesktzter Richtung weit auseinander gehen, in der Ueberzeugung, daß kein, auch noch so langer Krieg ihnen Friede oder Berständigung bringen wird, da ihre Ausgangspunkte und Ziele gänzlich entgegengesetzter Natur sind. Wie sollen wir eigentlich den Culturprozeß verstehen, der unter der Benennung Affimilation, jetzt »m Jndenthnm sich vollzieht? We»»n die Juden eines Landes sich die Sprache und Cultur desselben aneiguen, sich in die bürgerlichen Bcrhält- »lfje desselben fügen, ohne dabei in ihrem häuslichen, religiösen und Gemeindeleben, ihre Niemandem schadenden, historische» Erinnerungen, individuellen Eigenarten und ererbten Sitten freigeben zu »vollen, so kann man gerechtermaßen unmöglich einen solche» Vorgang als Affimilation, d. h. ein Anfgehe» einer Nation in einer ailderen, sondern eher als Annäherung bezeichnen, oder»och besser als Civilisation, Fortschritt und bürgerliche Vervollkommnung überhaupt. In dies-:»» Sinne verstanden einen solchen Prozeß vor Anfang der Sechziger-Jahre die besten Inden Rußlands und Polens, und dieses Berständntß gab »oeder zu *) Die Asslmilationsdoctrin hat wohl in der letzte» Zeit bedeutende Breschen erfahren; nichtsdestoweniger wird eS den Lesern »»»iereS Blaites In deutschen Gegeilten hoffentlich nicht unwillkommen sein, zu hören, wie der rühmlichst bekannte russisch-jüdische Schriftsteller Leon Lewanda in der letzten Nummer des „Woschod“ diese» Gegenstand, anläßlich eines Artikels im Warschauer „Izraelita“ behandelt. ' . v