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Selbst-Emancipation · 1885-10-01 · Heft 17 (1.10.1885) · p. Seite 11

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 17 (1.10.1885)
Date
1885-10-01
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 17 Selbst-Emancipation! handeln, das konnte er nicht wagen. Wenn sie ihn dann vielleicht ausschlüge und Simon sie gewinnen würde! Nein, nimmermehr! Es mußte anders vorgegangen werden. — Simon war ein befähigter Mensch, ein geweckter Kopf und hatte ein idealistisch angelegtes Gemiith. Diese letztere Eigenschaft war es, die Rosenthal zuerst ansnützen zu müssen glaubte, wenn er an's Ziel kommen wollte. Es gelang ihm, dem Onkel und der Tante den jungen Berger als einen jugendlichen, unberechenbaren Schwärmer zu schildern, welchem gegenüber er selbst als ein Muster von Gesetztheit und Lebensernst erscheinen mußte. Freilich diese einfachen Leute in ihrer Furcht vor allem Romantischen konnten unmöglich ahnen, daß ein Unterschied ist zwischen Idealismus und Leichtsinn und zwischen Philisterthum und Mainiesernst. Sv mußten sie denn ihren Neffen mit seiner Großmutterstimme und seinen Großvatermänieren dem Hitzkopf Simon vorziehen und waren ganz erfreut, als Albert die ersten Andeutungen machte, er wolle seine Consine zur Frau haben. Inzwischen hatte aber auch Rosenthal bei dem Mädchen selbst schon vorgearbeitet: Simon sang schön und erntete stets reichlichen Beifall bei seinen Zuhörern^ Rosenthal wußte vor Rosa die Begabung seines Nebenbuhlers zn verkleinern und das Selbstbewußtsein, das derselbe verrieth, als lächerliche Einbildung hinzustellen. Von all' diesem halte Simon keine Ahnung; er malte sich weiter eine wunderbare Zukunft aus, er wartete weiter — aus Zärtlichkeit und Zaitgefühl und hörte weiter in freudiger Erregung die Lvbhymnen Rosenthal's über seine Cousine, die dieser so „brüderlich" zu lieben vorgab — so „brüderlich", daß er ihr eines Tages, gerade bevor Simon zu Besuche kam, diese Bruderliebe gestand und um ihre Hand bat. (Fortsetzung folgt.) Einleitung in die jüdische Geschichte. (Bortrag, gehalten von Herrn N. B i r n b a u m im Vereine .Zukunft" am 15. August.) (Schluß.) Ein weiteres Moment, das in Betracht gezogen werden muß. will man die Geschichte eines Volkes verstehen, ist die Beschaffenheit seines. Wohnortes. Das alte Judäa, ein fruchtbares Land, war vom Meere durch die dazwischenwohnenden Phönizier abgeschlossen, im Süden und Osten von Wüsten, im Norden von hohen Gebirge» begrenzt, so daß es bei dem Mangel der modernen Verkehrsmittel auf sich selbst angewiesen war. Natürlich konnte da der Handelsgelst nicht geweckt werden und das Volk mußte ein ackerbautreibendes und daher i» politischer Beziehung conservatives, in gesetzgeberischer und sittlicher Hinsicht fruchtbares Volk werden. Sobald aber die Juden in alle Weltgegenden verstreut wurden, wurden sie von den Verhäliniffen zum Handel gezwungen und derselbe mußte als Alleinherrscher natürlich ihre nationale, siitliche Stärke vermindern. Ein drittes zu berücksichtigendes Moment ist der Charakter der Völker, mit denen ein Volk in Berührung kommt. Was das jüdische Alterthum betrifft, so weiß man von de» stammesverwandten Nachbarvölkern der Israeliten, daß sie auf niedrigerer Cullurstuse standen als diese, von den Römer», daß sie egoistisch und luchsschlau, aber muthig und patriotisch, von den Gri dun, daß sie lc chilebig und kunstsinnig waren. Was die letzten 1800 Jahre der jüdischen Geschichte betrifft, so haben hier die Jude» mit allen Völkern Bekanntschaft gemacht und es würde zn weit nlvre», dieselben einzeln zu beschreiben. Nur möge von den arischen Völkern im Allgemeine» soviel gesagt werden, daß sie im Großen und Ganzen intoleram sind, in der Macht das Recht sehe», daß sie ferner eine gewiffe äußere Eleganz dem wirklichen Seelenadel vorziehcn und aus diesem letzteren Grunde den wenig eleganten Juden verachten. Naäi Erörterung dieser Fragen, die überhaupt auszuwerfen sind, wenn inan die Geschichte eines Volkes beginnt, wollen wir einen Blick werfen ans den ganze» Verlauf der jüdischen Geschichte, die einzelnen Perioden charakterisire», die für ihre Gestaltung wichtigen Ereignisse herausgreisen, die Leistungen des jüd. Volkes beurtheilen, seine Au,gaben besprechen, seine Existenzberechtigung beweisen. A>s die wichtigsten und jolgereichsten Turnsachen und Ereignisse der jüd. Geschichte und für dieselbe sind zn neunen: die egyptiiche Knechtung und die ihr folgende Befreiung, die Entstehung des jüd. Königthnms, ie Theiluug des jüdischen Reiches in zwei Staate», der Untergang dieser Staaten, die Rückkehr nach Palästina, die hellenisirende Assimilation und als Reaction dagegen die maccabäischen Freiheitskämpfe, die mit der Proclamirung der jüdischen Selbstständigkeit endeten, die Entwicklung des Rabbiiiismus, die Entstehung des Christenthums im Schoße des jüdischen Volkes, der Untergang des zweiten jüdischen Reiches und die daraus resnltirende Zerstreuung unter den Völkern, die Entstehung der mohamedauischen Religion auf Grundlage der mosaische» und christlichen, die Krenzzüge, die Vertreibung der Juden aus Spanien und Portugal, die Gründling der protestantischen Kirchen, die Eutstehnng des Chaffidismiis, die kosmopolitische Richtung des 18. Jahrhunderts, das Auftreten der klar ausgesprochenen Affimilatioiisrheorie, und als Rcaclioi, dagegen das Wied>rauftaucheu des j ü d i s ch e » N a t, o n a l g e d a n k e n s und derZionsidee in innerem Jahrzehnt. — Die ganze Periooe von der Beireiung aus Egypten bis zum Beginne der Königsherrschafr unter den Juden, die republikauische Richleczeit ist die idealste Epoche, das H e l d e u z e i t a l r e r des jüdischen Volkes. Tapferkeit, Naiurfrömmigkeir, Sitleiiemsalt sind die charakteristischesten Merkmale des damaligen Juoeuiuums. Mir dem Königthum schwindet die Einfachheit und es tritt eine Verseilter,mg des Lebens ein, welche die Sucht nach Glanz gebärt. Die Zeilen David's und Salomo's sind die Glanzzeit des jüdische, Staates. Bon der Spaltung des Reiches au bis zum Unt^.gange der beide» Staaten wogt ein großer innerer Kamps im jüdischen Volke zwischen dem despotische» K ö u i g t » >t m, das aus politischen Gründen das Heideiithu», begünstigt und denk demokratische», den MosaismuS verlhe,dige»den Profete »thn »i. Es ist dies also die Zeit der inneren politischen Kämpfe. - Die Zeit von der bald auf den Untergang solgeiiden Rückkehr, also von dem Wirken Esras an bis auf den Beginn der Hellen.sirniig, ist die Zeit der ruhigen Abhängigkeit der jüdischen Ration von andere,, Bölkeru. — Dann folgte d e Epoche der H e l l e n i s i r u n g sbestreduiigen des jüdischen Volkes, d. i. die Sucht, sich selbst anfzugebe» und Griechen zu werde», ein oft wiederholtes Analogon zu de» heutige» Assimilationsbestrebuilgeii. — Durch Juda den Makkabäer wird dem selbstmörderischen Gebaren der Assimilanteu ein Ziel gesetzt; die Freiheitrkämpfe dieses Man,es and seiner Brüder gebe» dieser Epoche, was Ritterlichkeit »nd Heldenmnth betrifft, eine Aenulichkeit mit dem Zeitalter der Richter, und führe» zur Erlangung der Selbstständigkeit. — Mit Erwerbung derselbe,i und dem Beginnen der Herrschaft der unabhängige» jüdischen Könige aus dem Geschlechtder Ha-monäer leitet sich die Epoche ein, die an, besten charaktcrisirr >st durch das Wort: „Sucht, eine Großmacht zu h„." Aehulich, wie schon im ersten jüdische» Reiche, wogt auch jetzt im Jnuecir der Kamps zwischen dein o e i p o t i s ch e i, K ö u i g r h n i» e, das der Romanisirung hm- »eiat und der » a t i o ii a l e » D e in o k r a t i e, die durch den R a b b i ,i i s in ,i s repräsentirt wird. — Dieser Streit beschleunigt den Untergang des jüdischen Staates und den Beginn des großen Gal,ith. Bon jetzt an muß mau die Geschicke des jüdischen Volkes nicht allein mebr „ach zeitlichen Periode», sondern auch gesondert nach Ländern betrachten. Da ist vor Allem die große talmudische Arbeit des babylonischen Jubenthiims. das ziemlich unverfolgt lebte, hervorzuheben. Da ist das spanische Judeiithum. welches gleichberechtigt unter de» mohamedauischen Chaliien »nd anfänglich auch unter den christlichen Königen lebte, wegen seiner großartigen Leistungen ans den, Gebiete der Religionsphilosophie, der hebräischen Sprache, der verschiedenen Wiffenschaften und wegen seiner achtunggebietenden Sittenreinheit zu erwähne». Durch die spätere Vertreibung auS Spanien und Portugal im Jahre 1492 und 1497 sind diese Juden von ihrer geistigen Höhe h-rabg-stürzt. - Die deutschen und sranzösischeu Juden verfielen in die einseitige Weitercommeiitlrung des Talmuds und in Wiffenshaß, ganz natürlich — wie konnten sie das Wiffeu dere? achten, von welchen sie ärger als Sclaven behandelt wurde». — Die polnischen und ruffischen Juden übenrafe» anObscurantismus noch die Brüder in Deutschland und Frankreich; doch fand zn ihnen auch noch die chaffidische L-Hre Eingang, ein MysticismuS, der mit der christlichen Lehre viele Berührungspunkte hat, dessen Bekenner sich nationalen Sinn bewahrt haben, aber immer meyc ,» den Sumpf des Aberglaubens versanken. Ueberall aber hatten sich die israelitischen Natlonalmgenden des Familiensinnes, der Gutherzigkeit und des MärtyrerthnmS für Volk und Glaube erhalten. So blieb es bis in's vorige Jahrhundert. Die Humanuätslehre schuf den Gedanken der Menschenrechte, die französische Revolution führte ihn bezüglich der Juden praktisch durch. Die Deutschen folgten allmälig dem Beispiele der Franzosen; die deutschen Juden, an ihrer Spitze Moses Mendelssohn und seine Jünger, begrüßten die begin- »ende Befreiung, zeigten den Werth der profanen Bildung ihren Stammesgenoffeii, waren aber auch die Ersten, die die Bedingung aufstellten, Israel müffe die Freiheit mit dem Ausgeven seines Stammes erkaufen. Ihre Ideen fanden Anklang, es entstand die religiöse Resormbewegung, in einer unnöthigen Verbindung aber damit die ausgesprochene und bereits klar auSeinandrrg-setzte Assimilationstheorie. Der deutsche Jude sollte aufhören, unv der jüdische Deutsche an seine Stelle treten. Die Affimilarionsbewegung war nicht so sehr eine Sünde ihrer Schöpser, als vielmehr ein Jrrlhum der-

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