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Selbst-Emancipation · 1885-10-01 · Heft 17 (1.10.1885) · p. Seite 10

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 17 (1.10.1885)
Date
1885-10-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Selbst - Emancipatio n! Nr. 17 Vielleicht nur ihre Verzogenheit verrieth. Sie war charakterrein trotz ihrer Affeclirtheit, die mehr eine kindliche Coquetterie war. Ja, sie war so gut, so edel! Wie h atte er nur an ihr zweiseln können? Er machte sich Vorwürfe, es gethan zu haben, er bat es ihr im Innern ab und freute sich auf die Zeit, wo er mit beredten Worten von ihr selbst Verzeihung dafür würde erflehen können. Er' malte sich den Moment in glühendsten Farben aus, wo er vor dieses schöne, gfift«- nnd gemüthvolle Wesen hintreten würde mit der Bitte, zusammen mit ihm den Gang durch's Leben zu wagen. Der Gedanke an diesen Augenblick, die entgegenkommende Freundlichkeit Rosa's, die Hoffnung auf eine glückliche Zukunft an der Seite dieses herrlichen, angebeteten Mädchens schwellten seine Brust, veredelten und verbesserten seinen Sinn, machten ihn empfänglich für alles Hohe und Erhabene. Weil Simon Berger mit der ganzen jugendlichen Kraft seiner Seele liebte, dehnte er dieses hehre Gefühl auch aus seine Mitmenschen ans, fanden die Worte der Brochure. die ihm sein Freund zu lesen gegeben hatte, mächtigen Nachhall in seinem Herzen und mit der stürmische», siegesgewissen Energie des glücklich Liebenden — denn noch liebte er glücklich — warf er sich auf die Erfassung und Verbreitung der ihm ganz neuen Ideen.' Ec griff das längst vernachläßigte Studium der hebräischen Sprache wieder auf und betrieb es'mit Lust und Liebe, er las mit Eifer jüdische Geschichte und da waren es die Gestalten eines Esra und Nehemia, die Kämpfe der Maccabäer, der Fall Jerusalems, der Aufstand des Barkochba, das Wanderelend der Juden, die ihn. für Zion eniflalninteu. Die glückliche Stimmung, in der er sich befand, verlieh ihm die Kraft, trotz des an-, strengenden Militärdienstes und, trotzdem seine Gedanken jo ofl durch seine glühende Liebe zu Rosa abgezogen-wnrden, Studien und Agitationen zu betreiben. Mit Albert Rosenthal lebte er bald auf sehr freundschaftlichem Fuße. Abgesehen davon, daß sie sich im Hause Katz trafen, besuchte Roseiuhal seine» Freund auch täglich in deflen Wohnung (zum großen Aerger Sternberg's) und da war es, wo er hie und da das Gespräch auf die Familie Katz überhaupt und auf seine Cousine insbesondere zu lenken wußte. Dabei lächelte er so gönnerhaft gutmüthig, so verständnlßinuig, ja einmal verflieg er sich sogar zu der Bemerkung, Rosa könne Berger vielleicht gm leiden. Doch Simon schwieg bei solchen Anspielungen, denn er wollte noch nicht reden; es waren verschiedene Gründe, die ihn schweige» hießen. Desto lauter aber sprach sein Benehmen. . Sie Art und Weise, wie er Rosa in dem einen Momente neckte, um ihr im andern Momente unverhohlen seine Achtung auszudrücken, wie seine Blicke auf ihr ruhten, wie er Gelegenheiten benützte, um ihr feine Verehrung.zu bezeugen, das Alles verrieth Jedermann seine heiße Liebe zu dem-schönen Mädchen und dar wollte'er auch-' Er schämte sich seiner Liebe nicht, er fürchtete nicht das Bekanntwerden derselben; nur hielten ihn, wie bereits erwähnt, vorläufig noch gewichtige Gründe von einer officiellen Erklärung zurück. Vor Allem wollte er nämlich sein Dienstjahr zürückgelegt und eine gesicherte Stellung erworben haben, um Rosa ein sorgenfreies Leben bieten zu können. Bevor seine eigene materielle Zukunft nicht sichergestellt war, durste er a.ich nicht das Schicksal der von ihm so unsäglich geliebten Rosa unwiderruflich an das seine fesseln. Ein zweiter Grund war der, daß Rosa eine ältere Schwester hatte, die sich in der letzten Zeit bei Verwandten in"Mähren anfhielt, weswegen er sie noch nicht kannte. Würde es diese nicht kränken, wenn ihre jüngere Schwester früher verlobt würde als sie lelbst. So wartete er denn ans Zärtlichkeit einerseits und aus Zartgefühl andererseits. Inzwischen war der Winter in's Land g kommen und mir ihm die Saison der Bälle und Kränzchen. Mit den erste» Januartagen scheint ganz Europa von einem Wahnsinn erfaßt zu sein, welcher die armen Menschenkinder auf die glatten Parquettböden der Tanzsäle treibt, um sie hier im tollen Wirbel, in der parfumgeschwängerten Lust so oft der Gesundheit, des Vermögens und der Herzensrnhe zu berauben. Auch Israel nimmt Theil am Vergnügen der Völker und Prinz Carneval hat aufopfernde Ünterthanen genug unter den Söhnen und Töchtern Juda's. Auch die Familie Katz besuchte einige Bälle, Wiewohl ihre Verhältnisse nicht ganz den erwachsenden Ausgaben entsprachen. Doch was thut man nicht einer theuern Tochter zu Liebe, die doch sonst so anspruchslos ist und so wenig vom Leben genießt? Der Besuch eines oder zweier Kränzchen im Winter ist für ein Mädchen armer Eltern fast ebenso Bedürfuiß wie Speise und Trank, denn welches Menschen- Herz sehnte sich nicht hie und da nach Vergnügen? Bef. solchen Gelegenheiten nun waren Berger und Rosenthal die ständigen Begleiter Rosas. Simons Liebe wuchs mit jedem Tage, mit jedem Tage aber wuchs auch seine Zuneigung zu Rosenthal. von dem er sich verstanden sah und den er, schon deswegen lieb hatte, weil er immer mit Begeisterung von seinen Verwandte» und seiner Cousine sprach. Simorr schätzte diese begeisterte Freundschaft des jungen Studenten für das Mädchen, das er selbst so innig liebte umso höher, als Rosenthal sonst so unempfindlich für ein wärmeres Empfinden schien. „Rosa ist em seltenes Mädchen"^ äußerte Rosenthal oft im trockensten Tone von der Welt, „ich habe sie lieb wie eine Schwester; sie wäre eines braven Mannes werth — ich wünschte, ein Graf käme und würde sie heiraten." Simon verwunderte sich schier, daß in diesem Rosenthal keine heißeren Wünsche anfstiegen, aber er dankte Gott dafür, daß er diesen Menschen mit so praktischer Denkweise erschaffen hatte. Berger frohlockte zu früh! ' Rosa wurde zusehenos reizulder; die jungen Herren auf den wenigen Bällen, die sie besuchte, waren entzückt und kreisten so lange um dieses Licht, bis sie sich die Flügel verbrannten. Simon war stolz auf seine Rosa, denn sie sollte doch die Seine werden! Und Rosenthal? Ec sah die Huldigungell der Ballherrlein, er sah die tiefe, leidenschaftliche Liebe Simons, er sah die Reize des Mädchens sich entfalten und er begann Rosa mit ganz andern Augen anzusehen. Wie hatte er so kalt neben einem solchen Mädchen bleiben können, wie war es möglich gewesen, dag luchb auch in ihm das Verlangen nach dem B sitze dieses köstlichen Schatzes aufgestiegen war? Jetzt war es vielleicht schon zu spät! Diese Furcht brannte wie verzehrendes Feuer in seinem Gehirne. Die jungen Leute von den Bällen, die fürchtete er nicht; denn bei den meisten derselben mochte nur ein flüchtiges Interesse für Rosa geweckt worden sein; einige andere waren vielleicht tiefer getroffen, aber diesen bot sich keine Gelegenheit zu näherer Bekanntschaft und so waren auch sie nicht gefährlich. Aber Berger?. Er war begabt, gebildet, vermögend, gefiel Rosa und ihren Eltern und war seinerseits fest entschlossen — das merkte er — die Hand des Mädchens zu erhallen. Und hatte er, Rosenthal, nicht selbst mitgeholfen, es soweit zu bringen? Hatte er nicht selbst dem jungen Mann Rosa in den reizendsten Farbe» geschildert, hatte er nicht selbst aus brüderlicher Liebe zu Rosa absichtlich Simons Leidenschaft genährt? Er schalt sich einen Thoren; ein glühender Haß gegen seinen Freund, der Rosa besitzen sollte, ergriff ihn. Simon mußte fort, fort um jeden Preis, auf jede mögliche Weise l Alle bösen Geister, die in Rosenthal ruhten und die das ruhige Temperament desselben bisher nievergehälten hatte, reckten sich empor bei der Entzündung seiner Leidenschaft. Offen' an Simon herantreten und ihm sagen: Freund, Du liebst Rosa,' Du verhehltest es mir jä nicht, obwohl Du es mir nicht offen heräüssagtest — ich liebe sie auch. Treten wir beide vor sie hin, sie möge wählen — so zu

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