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Selbst-Emancipation · 1885-10-01 · Heft 17 (1.10.1885) · p. Seite 3

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 17 (1.10.1885)
Date
1885-10-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 17. Selbst-Em ancipation! "mischung mit den Völkern und betet für das Getingen derselben zu dem Herrn, denn das Wohl der Völker verlangt euren Untergang!" Nachum Nathan Agassi. GhroniK. (Tie Fortschritte der jüdisch-natioualeu Bewegung.) Daß sich die nationale Idee des Judenthnmsin allen Ländern zu verbreiten beginnt, zeigt ein Artikel, den die in London in jüdisch-deutscher Mundart erscheinende „Zukunft" in ihrer Nluninee vom 23. September l. I. veröffentlicht. Die „Zukunft", ein seit zwei Jahren erscheinendes Blalt, hat sich die erhabene Aufgabe gesetzt, die Idee der nationalen und socialen Neugestaltung Israels in den breiten Volks inaffen, welche keine andere Sprache lesen und verstehen als den Jargon, zu verbreiten. Es ist geradezu rührend zu sehen, wie die edlen Herausgeber dieser Zeitschrift die barocke und holperige Sprache unseres Unglückes so kernig und scharf zu gebrauchen wissen, um im Herzen der niedcrgebeugten im Grunde aber so hoffnungsvollen 5 Millionen Jargoujuden die Liebe zur wahren Arbeit, den Drang nach Bildung uud Fortschritt und das nationale Bewußtsein zu wecken. — Der erwähnte Artikel dieses Blattes fühlt den Titel: „Die Consequenzen des Antisemitismus" und enthält folgende Stelle, welche wir in hochdeutscher Uebersctzung wiedcrgeben: „Sobald sie (die jetzt national-jüdischen Studenten Oesterreichs) erkannten, daß ihre deutschen College« sich ihrer zu schämen begännen, erinnerten sic sich, daß sie dem auserwählte» Volke angehören und geburtsedler seien, als diese. Sie erinnerten sich, daß sie die Nachkommen von Ahnen seien, die ihr Blut in den Schlachten gegen Egypter,. Syrier, Griechen nnd Römer veigvßen, daß ih>> Vorfahr,» stolz und selbstbewußt waren und nicht mit Lumpen und alten Kleidern gehandelt haben. Diese jungen Leute, stolz auf ihre Nation, stolz auf ihre Freiheitsliebe, wollen sich selbst emancipircn, sich selbst von jedem Joche befreien. Sie, welche vielleicht nicht sehr ängstlich darauf sehen, ob ein Ethrog einen Pitnm hat oder nicht und oft genug mehr als 4 Elle» im Umkreise unbedeckten Hauptes einhergehen — kurz sie, welche von vielen unserer „Frommen" für Clojün, Apikorssim gehalten werden würden, predigen kühn den Rabbinern nnd dem Volke die Moral: Daß sie davon ablassen, unjüdische Gebräuche nachzuäffen, daß sie aufhören, sich ihres Judenlhums und ihrer Abkunft zu schämen, daß sie einseheu lernen, daß „Jude sein" keine Schande, vielmehr eine Ehre sei, und daß man stolz darauf sein könne, ein Sproß des alten Stammes zu sein, einem Volke auzugehören, daß zu einer Zeit gelebt und gewirkt, und seine eigene sowie die Geschichte anderer Völker geschrieben har, in der unsere abkunftsstolzen Deutschen, Franzosen, Russen und Engländer noch nicht einmal existirten." (Bom österreichischen Abgeordnetenhause.) So hat sich denn der Deutsche Club gebildet, als eine versteckte Schvn erer-Partei. Dre Herren werden schon mit der Zeit Farbe bekennen und dann wird auch die deutsche Herrlichkeit "er zwei Juden M e n g e r und P o l l a l, die sich in diesen Club cinzunisten wußten, ihr Ende haben. Der Re.chenberger Abgeordnete P r a d e wird sich, wie verlautet, ben Schönerianeln anschließeti. Nicht mit Unrecht gratulirt die in Prag erscheinende „Politik" den Reichenberger Juden, welche immer so stark deutsch thun, in ironischem Tone zu dem Abgeoidneten ihrer Stadt. — Auf die diesbezüglichen Anfragen mehrerer Abonnenten müssen wir die Meldung der Tagesblätter bestätigen, nach welcher Herr Dr. Bloch, der Reichsrathsabgeordncte von Kolomea-Buczacz-Snialyn die Angelobung in polnischer Sprache geleistet hat. (Das Wirken der „Israelitischen Allianz" in Galizien.) Nach drei Richtungen hin bewegt sieb die Thätigk. tt.der Wiener „Israelitischen Allianz" in Galizien; Der vom Vereins-Secretär, Herrn Dr. Friedländer erstattete Bericht reserirt über jede derfelben: Errichtung von Schulen. Verbreitung des Handwerks unter den Juden und Heranbildung jüdischer junger Leute zur Feldarbeit. Was den ersten Punkt betrifft, so können mir bie „Allianz" zu diesem civilisatoriichen Unternehmen nur auf's Innigste beglückwünschen. Was den zweiten Punkt betrifft, so können wir der „Allianz" für diesen ihren Kampf gegen den Schachergeist nicht genug dankbar sein. Doch köitnen wir uns bezüglich dieses und des dritten Punktes des Verdachtes nicht erwehren, daß der plötzlich an den Tag gelegte Eifer für Industrie und Ackerbau nicht blos um dieser selbst willen da ist. sondern, vielleicht auch dazu dienen soll, die Aufmerksamkeit von der Pa istina-Colouisationsidee, die bereits längst die schwarzgelben Pfähle überschritten hat, abzuleaken. Man wird uns doch nicht weiß machen wollen, daß der Jude bei seiner socialen Stellung in Europa und seiner heutigen moralische» Disposition, in der Nähe der Centren des Handels nnd unter einer ihm abgeneigten Bevölkerung dem Handwerke oder gar dem Ackerbau mit Erfolg huldigen wird. Wie wenig das zu erwarten ist, zeigt am besten eine Notiz der „Drohobyczer Zeitung" (Organ der Jsr. All. in Galizien), in welcher erzählt wird, daß man in Rußland bereits über die jüdische Concurrenz auf dem Gebiete der Jitonstrie und des Ackerbaus schimpfe, so über die jüdtfchen Geever in Bialagnwa, die jüdischen Graupenmüller ,n Ostrolenka, die Nagelschmiede bei Lamza und d:e Töpfer bei Augustowa. Das Blatt schließt seine Notiz mit der „ewig offenen" Frage: „Woaiit sollen sich die Juden eigentlich oejchäfUgeu, um leben zu können?" — Wir wollen aber mit diesen Zeilen keineswegs der „Allianz" ihre Bemühungen an und für sich verargt haben; gerade im Gegenthcile, denn auch nach unserer Ansicht sollte der Jude in Europa nach Möglichkeit zu Hammer und Pflug greife», weil er dann empfänglicher würde für die nationale Idee und vorbereitet für seinen künftigen Beruf, uns fällt nur auf, daß dieseloe israelitische Allianz, welche sich in Galizien so sehr um Handwerk und Ackerbau kümmert, die palästinensische Colonisationssache, von der allein ja nur bedeutendere Resultate in der Zuführung der Juden zur ehrlichen Arbeit zu erwarteit sind, bisher nicht mit einem Helle r unterstützt hat. (Procetz Ritter). Die dritte Verhandlung gegen die Eheleute Ritter und den Bauer Stochlinski hält, gegenwärtig wieder ganz Krakau in Athem. Stochlinski bleibt bei seiner Aussage, daß sein vor Jahren gemachtes Geständniß, er habe in Gemeinschaft mit den Eheleuten Ritter die Magd der letzteren im Keller ermordet, ein durch Quälereien des Gendarmen erpreßtes gewesen sei, das er nun wiedcrrufe. Der Präsident dran» in Stochlinski, so daß diesem der Schweiß auf die Stirne kam und redete ihm in drohendem Tone in's Gewissen. Doch der Angeklagte beharrte fest bei seiner Aussage. — Ritter vertheidigt sich ruhig und gleichmüthig. — Unterm 28. d. M koutml 'uns von unserem Correspondenten noch folgende Mittheilung zu: „In der heute stattgefundenen Verhandlung begannen die Plaidovers. Staatsanwalt Loziuski hielt in einer beinahe drei Stttnden währenden Rede die Anklage vollkommen aufrecht. Er betonte, daß alle Bedenke», welche das Cassations-lUtheil begründen, geschwunden, uud treue Belastungsmoinente gegen die Angeklagten hervorgetreten seien. Besondeies Gewicht legte er auf die Aussage Ratz omski's. Nachmittags sprechen die Vertheidiger, und zwar in nachstehender Reihenfolge: Dr. Ni a ch a l s.k i für Moses Ritter, Dr. B o r i n s k i für Strochlinski und

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