Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 17 (1.10.1885)
- Date
- 1885-10-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Selbst-Eniancipat io»! ,Nr. .17 das Jahr, hindurch, auf eine ihrer' Bestimmung widersprechende, befriedigungslose, unsicher Weise ihren Lebensunterhalt verdienen werden, um dann im Herbste — sie, die Händler; wir läckerlick: — ein Erntefest zu feiern! Auf Suecoth folgt Simcliatb-Thorak. So bauen wir denn erst auf succatk Jisrael hanofeleth die eingestürzte Hütte des jüdischen Volksthumes und dann wird diesem Wiederaufbau unserer Nationalität die Wieder« belebung aller unserer Nationaltugendcn, deren Ausdruck ja die Tkorak ist, folgen. Säen wir die Liebe zu unserem Stamme und wir werden feine Freiheit ernten! ZruKajoie äodra kraju!2 Dirschueth 8oh’lom hair, ascher higlethi ethchem schamtnah we-hitpalelu baadah , ■ . al Adonai, ki bi-sch’lomah jih’je lachem schalom. (Jirmejab, 29, 7.)*) Nicht umsonst haben wir den bekannten Satz des großen Propheten Jeiemias an die Spitze dieser' Zeilen gestellt. Zwar prangt er auch als Motto auf den Blättern der „Ojczyzna“ aber dieser merkwürdige Zufall kann uns doch nicht hindern, die schönen Worte, welche der nationalste aller Propheten gesprochen hat, in aller Ordnung zu finden. Oder soll es doch mehr als Zufall gewesen sein, was die „edle Polin" zur Wahl dieses Losungswortes veranlaßt hat? Ja, es war mehr als ein reiner Zufall, es war ein dunkler Drang, sich selbst zu widerlegen: Schon die Wahl des Gewährsmannes! Man denke nur: Jeremias als Verthcidiger der Assimilation! Dann würde es sich vielleicht auch empfehlen, Moses als Verthcidiger des Heidenrbums hinzustellen! Und weiter muß es uns schier verwundern, daß die gute „Ojczyzna“ nicht die Befürchtung hegte, ein Pole christlicher Confession könne einmal durch die schönen Worte: Szukajcie dobra kraju!’ (Sucht das Beste des Landes!) angezogen, die Lust verspüren, im Capitel 29 der Weissagungen des Jeremias sich näher umzuiehen und sieben Verse später die merkwürdige Sti lle zu eiiiüecke»: „Sehawthi etb sch’wutkchem wekikazti etlichem mi-kol liagojim, u-mi-kol kam’komotb, asclier hidaektlii etlichem schäm, n’um Adonai, wehasckrwothi ethchem el hamakom, ascher higlethi ethchem mi-sckam.**) Müßte dann nicht io ein Pole christlicher Confessio» bedenklich oen Kopf schütteln und an der Zurechnungsfähigkeit der Vorfahren seiner mosaischen „Natrons "genossen zu zweifeln beginnen? Kann deuu ein vernünftiger Mensch in einem Athem zwei Sätze sprechen, die sich so sehr widersprechen? Sicher nicht! Und doch würde ein solcher Pole christlich n Glaubens, nachdem er einmal diese Entdeckung gemacht hat, kaum dem Profeteu Jeremias Unzurechnungsfähigkeit zumuthen wollen, denn er würde nach einiger Ueberlegung darauf kommen, daß hier kein Widerspruch obwaltet, daß mit diesem „Szukajcie dobra kraju“ ein nebelhaftes Spiel getrieben, daß ihmdnrcv „Ojezyzna“- Commkntar em falscher Begriff von dem Prrpheter.wvrte beigebracht worden fei. Hat vielleicht der Prophet Jeremias die hebräische Sprache so wenig in feiner Gewalt gehabt, daß er die treffenden Worte für das vollständige Aufgehen in die fremden Nationen nicht finden konnte und sich mit seinem „Dirschü etli sch’lom hair“ behelfen mußte, worin man . *) Suchet dos Beste der Stadt, wohin ich,' euch gefangen führen ließ und bitet für sie zu tum Herrn; deim-ibr Wohl wird auch euer Wohl sein. "(Jeremias, 29. 7.) **) Ich will eure Gefangenen zurückbringen, euch sammeln aus all' den Völkern und aus oll' de» Ländern, wohin ich euch verstoßen, spricht der Herr und will euch zurücksühren an den Ort,, von dem ich euch gefangen wegführen ließ. .. (Jeremias, 29, 14.) doch bei patter Mühe nichts von Assimilation zu entdecken im Stande ist., Oder irren wir uns in den Tendenzen der „Ojezyzua“, wenn wir glauben, daß sie denn doch etwas weiter gehen, als das Motto erwarten lassen würde? Im letzteren Falle wollen wir Buße thun. und die „Ojczyzna“- Svhnr an unser Bruderherz drücken mit den Worten: „Verzeihet! Wir sind ja einer Meinung. D'rum lasset uns wieder in Frieden mit. einander leben, als Kinder eines Glaubens und einer — Nation!" Aber da kommen wir schön an! Man stößt uns zurück und der zürnende Nnf gellt uns entgegen: „Wir sind Polen mosaischer Confessio»!" — Was war das? — Wir fahren verwirrt ulit der Hand über die Stirne, ob uns unser Gedächtnis nicht im Stiche gelassen bat. Sollte sich vielleicht. Jeremias anders ausgedrückl haben, etwa so: „S u ch t d i e V e r- Mischung mit de» Völkern und betet für ihr Gelingen zu de m H errn, denn das Wohl der Völker verlangt euren Untergang!" Bestürzt und zweifelnd, in banger Erwartung, greifen wir nach einer „Ojezyzua“. Da erhellt sich unsere finstere Miene: Unfer Gedächtniß ist uns doch nicht nntren geworden, es leuchten uns dnr einsacken schlichte» Wo te e-X-- gegen: „Szukajcie dobra kraju!“ rc. „Sucht das Beste der Stadt, wohrn ich euch gefangen fuhren ließ und betet für sie zu dem Herrn; denn ihr Wohl wird auch euer. Wohl sein!" Ist den» Nation und Staat identisch? So wie e; Nationen gibt, die ihren eigenen Staat haben, so existieren Staaten, die aus ° verschiedenen Nationen zusammengesetzt sind. Ein Staat kan» kaum die Aniorderung an feine Bürger stellen, die Nationalität aufzugeben, ebensowenig wie er den Austritt aus der Familie verlangen kann. Vaters landsliebe und Natioualgefühl decken sich ja nicht. Jeder 'Staatsbürger ist im Stande, seine Pflichten als solcher zu erfüllen^ und nebenbei ein warmes Interesse für seinen Stamm zu' hegen. Aber ivozu reden ivir davon'! Der Staat verlangt ja in den seliesten Fällen die Anfgebung -einer Nationalität. Wenn er es aber schon lhnt, so gefchieht es aus centralistischen Giünden und wir wären neugierig das centralistische Motiv in der Polonisiruug der Juden zu entdecken. Was hat der österi eichische Staat davon,, wenn die Juden „verpolt" werden? Gewiß nichts! Freilich ist uns auch unerfindlich, was die Polen selbst von diesem charakkerlosru Zuwachs habe» könnten. Sie werden sich doch nicht einbilden wollen, daß das „leuchtende" Beispiel eines eienden Volksverrathes, einer feigen Ueberläuferei in der Zeit der Noth beitragen kann, den Sinn der wahren (christli^en) polnischen Jugend für die Idee der Behebung des polnisch-natiunalen Unglückes empfänglich, r zu machen! Und ähnlich verhält <-z sich in den anderen Provinzen Oesterreichs und in den anderen Staaten. Europas. Bon der Entnationalisirnng der Juden haben weder die Staaten, noch die Völker einen Nutzen, destomehr aber von einer moralisch hochstehenden, selbstbewußten jüdischen Bevölkerung, die vermöge ihrer Selbste: kenntniß auch die unvertilgbaien Unterschiebe zwischen Arnr und Semiten merkt und so eher befähigt ist, die bösen Wirkungen dieses ewigen Widerspruches nach Möglichkeit abznichwächen. als die Affimikanten, die nichts dagegen thun, weil sie seine Bedeutung unterschätzen. - Den Willen, nützliche und aufopferungsfähige Staatsbürger zu sein, müssen die Juden.haben,. Vers 7 des 29. Capitels in Jeremias müssen sie' befolgen; das darf sie aber nicht veranlassen, ihrer nationalen Hoffnungen zu vergessenden Vers 14 desselben Capitels zu-übersehen. Die „Ojezyzua“ - aber übersieht ihn und thäte daher besser, überhaupt den Jeremias, den sie sehr ungeschickt zum Gewährsin. nn gewählt hat, nicht zu citiren; wenn sie es aber schon thut, in der obigen Variante:. „Sucht die Ver-