Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 16 (17.9.1885)
- Date
- 1885-09-17
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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-Seite ilO ,Nr. 16 :© c l b st -E m a » c ip a t io u! verwandelte er Alles, .was er. iioch besaß, in Geld.und kaufte dafür-eine» Handwagen -und einen .Hund. So>.zog--er Tag «ui, Tag aus an seinem Wagen an-der Seite seines treuen Hundes,-um nur. seine Kinder zuernähren. Und hätte , er .seinem gestorbenen Weibe nicht treue Liebe bewahrt, dann, würde er vielleicht seiner Leiden, vergessen und in seinem Verdienste einen Halt igefundewchaben.Doch: brach die Vernichtung plötzlich aus-einer -anderen'Richtung,über zihn.herein. — MeStadträthe brauchen Geld, yielMeld, um Straßen zu bahnen und zu verschönern - und-prachtvolle öffentliche-Gebäude aufzuführen und die Leute, wiewohl sie nicht-wenig sind, geben Alles, was verlangt wird, nach und sind noch darüber einig, immer neue Steuern-einzuführen. . Einige hatten nunim Sinne, die Besteuerung des Roffechaltens zu. empfehlen. da die. Pferde der größten.,Mehrzahl nach.zum- Vergnügen gehalten -werden und weil m einer so-großen Stadt ohnehin sehr viel Geld-für Stall, Futter und-Wartungnothwendig ist, weshalb einige Gulden Steuer jährlich mehr, nichts -.-ansmachen. Aber aus-einem mir unbekannten-Grunde fiel-das Loos nicht .auf-die Pferde, sondern, auf. die. Hunde und man forderte..eine jährliche Hunde- -steuer-.von vier Gulden. Unser Mann nun hätte die vier Gulden nur durch -Verkauf des Hundes erschwingen können; .diesen konnte er ja abernicht.verkaufen,-denn er. war ja für seinen und seiner Familie Unterhalt.unbedingt nothwendig. So fiel -denn-das Thier schließlich in die Schlinge des Hundefängers, der alle-Hunde einfängt, welche nicht die Steuermarke am Halse tragen. Wie aber der .Besitzer des HundeSdessen-herzzerreißendes Gebell hörte, eilte er ihm -zu Hilfe und es entspann sich zwischen ihm und dem Hundesänger ein Streit, der so weit ausartete, daß der Unglückliche seinen Gegner niederschlug und dieser, wenn ihm nicht -Polizisten zu Hilfe geeilt wären, kaum. mehr hätte aufstehen , können. Die Sicherheitswachleute retteten. den Hundefänger und verhafteten den Armen,, der nach einiger. Zeit zu vier- . monatlichem Kerker wegen Verbrechens. der Mißhandlung .einer Amtsperson verurthcilt.wurde. Am Tage aber, als /er das.Strafhaus verließ und nach Hause kam, fand er ..nur den Zwilling und das Mädchen vor, während, der kleine Sohn gestohlen war. Die drei Kinder aber beaufsichtigte seine alte Schwiegermutter, .welche nur mit größter. Mühe .sich selbst erhielt, so daß die Haut der Kleinen, an ihren: Knochen klebte und ihre Augen tief in den. Höhlen lagen/ Der bedauernswerthe Vater bedeckte einen . Tag lang die dürren Gebeine mit Küssen und wich nicht.aus dem Zimmer; in der Nacht aber erwachte die,Greisin durch ein furchtbares Geschrei: Mit einem scharfen Messer hatte der Vater seine drei'Kinder getödtet und legte es nun an seinen- .eigene».Hals, aber, auf die Hilferufe der alten Frau eilten .Nachbarn herbei und vereitelten seine Absicht. Er wurde zum Tode verurtheilt, denn alle um ihre Ansicht befragten . Aerzte hatten behauptet, daß er, die That bei vollem Bewußtsein verübt, habe, mit Ausnahme des Professors, der ihn für geisteskrank hielt; dieser .aber trat, .als er. die Richter seine Ansicht zu theilen sich weigern sah, auf den Verurthrilten zu und rief: „Hund!" Pfeilschnell sprang .dieser nun auf, bellte, biß um sich und.konnte nur mit . .Mühe von der'Wache geseffelt und in's Irrenhaus gebracht .werden. Seit damals sitzt er den ganzen Tag da und redet kein Wort; sobald er aber einen Hund bellen oder btos das Wort „Hund" aussprechen hört, dann .beginnt er zu toben und will alles verschlingen, was-sich . ihm näht." Mein Freund, der Arzt, hatte seine Erzählung, vollendet und ging seines Weges. Das Bild dieses Wahnsinnigen aber, verließ mich nicht den ganzen Tag und die . ganze Nacht und so oft mir ein Hund. mit der Steuermarke am,Halse begegnet, erinnere ich mich an den Armen. '.Fast thut es mir leid, daß ich der Lehre meines ersten Erziehers zuwider gehandelt und mich einem Wahnsinnigen genähert chatte, dessen Lebensgeschichte verschiedene Gedanken über die Rechte und Gesetze .der/Menschen in mir angeregt hatte. P ii I s s db l ä g e , Novelle-von . /Ilehernia Wevner. (Fortsetzung.) Der Regen hatte bereits aufgehört, als Simon auf die Gasse trat; dagegen hatte sich ein dichter Nebel auf die Stadt Herniedergelaffen, der dem Auge nicht einmal Aussicht auf einige Schritte weit gestattete; so kam es denn auch, daß der überdies in leidenschaftlicher Aufregung befindliche Soldat unversehens mit einem Vorübergehenden zusammenstieß. „Pardon!" sagte er fluchtig über höflich. „Bah, geben Sie ein andermal besser Acht!" antwortete eine eigenthiimlich singende Stimme in unfreundlichem Tone. Der dermaßen barsch Angefahrenr wollte über diese Grobheit aufbrausen, aber, bevor er noch dazu kam, war hereits der Unbekannte in das Haus getreten, aus welchem Simon soeben gekommen war.- Dieser sah dem Fremden mehr belustigt als beleidigt nach. „Ich wollte wetten," sagte er zu sich selbst, „daß dieser unhöfliche Kauz mit seiner bittersüßen Weiberstimme der famose Cousin ist, von dem sie oben gesprochen haben." Mit diesen Worten lenkte» sich seine Gedanken wieder auf die heute, gemachte Bekanntschaft zurück und dabei verblieben sie auf dem Wege in seine Wohnung. Mit laut pochendem Herzen, schmerzendem Kopfe und glühenden Augen betrat er dieselbe. Sein Zimmer war geräumig, freundlich au?gestattet; er bewohnte es übrigens zusammen mit' einem erst in Wien gewonnenen Freunde, der an der Universität Jura studierte. Simon hätte keinen besseren Zimmercollegen Minden können, denn wenn er auch selbst nicht Studierender war. so hatte er doch Gymnasialunterricht und private Ausbildung genossen und war demnach auf den Umgang mit akademisch gebildeten Menschen angewiesen, umsomehr, als er solchen Verkehr in seinem nach der Maturitätsprüfung gewählten Kaufmannsberufe ohnehin öfter als ihm lieb war, entbehren miißle. Eduard S t e r n b er g las gerade in einer Brochnre. als Simon stürmischen Schrittes hereinkam; er sah auf und dem Freunde in's erregte Antlitz; doch da er sich in fremde Angelegenheiten nicht früher einzumengen pfl-gte, als bis man ihn zu Nathe zog, so war er auch gar nicht weiter neugierig, was den Freund so sehr in Harnisch gebrächt haben könne und nahm gleichmüthig seine Lecture wieder auf. Berger dagegen warf .sich ungestüm, ans's Sofa und blickte starr in die Flamme der. kleinen auf dem Tische stehenden Petroleiimlampe. Einige Minuten war. es ganz still im Zimmer, nur das eintönige Ticktack der Pendeluhr . unterbrach die Lautlosigkeit. „Himmel, das Büchlein ist nett geschrieben," so unterbrach plötzlich.,Sternberg die herrschende Ruhe, indem er zur Bekräftigung dieser Worte auf seinen Oberschenkel schlug und. mit der Zunge schnalzte. „Fürwahr, sehr gut," wiederholte er mit seiner singenden, abrr nicht .unmelodiösen Stimme, die den galizischeu Juden, verrieth. Und wieder folgte ein längeres Stillschweigen auf beiden.Seiten,- denn Berger hatte nicht weiter auf die Worte seines. Freundes geachtet üNd dieser sich wieder in ' seine Lectüre vertieft.