Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 16 (17.9.1885)
- Date
- 1885-09-17
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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.Nr. 16 Seite 11! Selbst-Emancipation! „Na, das Buch sollte in Gold gefaßt werden," rief er jedoch wieder plötzlich aus. ,;Kernige Gedanken und eine kernige Sprache. Jetzt fallen -mir'die Schuppen von den Augen. Das sollst Du lese». Simon, famos — großartig!" „Worüber handelt es denn eigentlich?" frug der Angeredete zerstreut. „Worüber es handelt, fragst Du? Ueber Glück und Unglück, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eines großen und edlen Volkes. Dieses Heft geißelt eine lächerliche Begriffsverwirrung, in der auch ich bisher befangen war, der ich aber von nun an verächtlich den Rücken kehren will. Diese Zeile» athmen Lebenskraft, Selbstbewußtsein, Math und Heldenlhum. Lies das Freund und Du wirst, glaube.mir, ein neuer Mensch werden." Simon wurde durch diese Anpreisung Sternberg's nun doch ein wenig.neugierig gemacht und fetzte sich, als Letzterer die wenigen Seiten, die noch zum Schlüsse fehlten, gelesen hatte, an den Tisch, um den Gegenstand der. Bewunderung seines Freundes selbst zu benrtheilen. Doch er kam nicht über die erste Seite hinaus: Die Zeilen führten seltsame Tänze vor seinen Augen auf und ans allen Rundungen und Windungen der Buchstaben lugten blitzende, ihm bekannte Augen hervor. Und als er überdies zufälligerweise aus der ersten Seite das Wort „Juden" zusammenduchstabirt hatte, so schien es ihm, da er seinen Stamm zwar nicht schlecht litt, demselben aber ziemlich gleichgiltig urtd kalt gegenüberstand, nicht der Mühe Werth, dessentwegen seinen rebellischen Augen, ' die heute alles Andere .«her als Buchstaben und Zeilen auseinander halten wollten, Lwang anzuthun. Daher legte er die Brochllre wieder weg und warf sich eine Weile später angekleidet aus sein Bett. Eduard Stecnberg sah ihm verwundert zu, schüttelte den Kopf, zuckte die Achseln, sagte aber nichts, sondern machte stillschweigend Anstalten, um sich ebenfalls zur Ruhe zu begeben. Bald war die Lampe verlöscht und in dem finstern Zimmer hallte» nur das unermüdliche Geticke der Uhr, die gefunden Alhenizüge des schlafenden Sternberg und das Aechzen des auf seinem Lager sich herumwälzenden schlafberaubten Berger.- Es war schon zieinlich spät am Vormittage, als .Simon erwachte, da er erst gegen Morgen ein geschlafen war; doch störte ihn diese Verspätung nicht besonders, nachdem heute als am Sonntage, der Kaseruendirnn nufiel. Unwillkürlich mußte er lächeln, als er beim Aufstehen seinen Freund schon über dte Brochure gebeugt sah, die dieser wieder von vorne zu lesen begonnen hatte. „Willst Du Rabbiner werden, Eduard?" fragte er spöttelnd. „Du bist ein Narr, mein Lieber," lautete die Antwort. „Nun nur nicht so grob, ich meinte es ja nicht so arg, denn in dem Falle einer Bejahung meiner Frage hätte ich Dich bei einer äußerst frommen Familie einführen können, deren Bekanntschaft ich gestern gemacht habe." „Ah, Du fängst an, Bekanutschasten zu machen, sehr gut! Das wäre das beste Mittel, um Dir dir Heiterkeit, in die das frische Militärleben Deine gewohnte Melancholie verändert hat, zu erhalten." Dabei aber verheimlichte Sternberg, daß er Simon's neuerliche Stimmungsänderung, die seit gestern Abends ^deutlich erkennbar war, gemerkt habe. „Und kann man/fwissen. ^vie die Familie heißt, die Du kennen lerntest'? — Mädchen dabei? Hm?" setzte er listig und augenzwinkernd hinzu. „Ein Mädchen," erwiderte Simon erröthend. „Die' Familie heißt Katz. Moses ist der Vorname des Alten." „Moses Katz," wiederholte Sternberg mehrere Male, „der Name ist mir gut bekannt; wo Hab' ich ihn denn .mur schon gehört?— Ja, jetzt fällt's mir ein. Der Mose n th al ist der.Neffe des Hauses und kommt täglich hin, — auf der Fischerstiege, nicht wahr?" „Ja, auf der Fischerstiege. Du kennst also den Neffen? Was ist er denn?" „Albert Rosenthal ist mein Studiencollege, ein Original von einem Menschen. Doch darfst Du nicht etwa an einem'Originalgenie denken, vielmehr an einen Originalkauz. Stelle Dir einen nicht gerade unschönen, aber schwächlichen, jungen Mann vor, in der Mitte der Zwanzig, stets gemüthlich lächelnd, mit kleinen, schwarzen Augen und sich sträubenden, dunkelbraunen Haaren, von etwas nachlässigem Gange und mit einer fistelnden Weiberstimme begabt. Bor diesem Rosenthal warne ich Dich, denn wenn Du wissen willst, welche Meinung ich von ihm als Menschen habe, so lasse Dir sagen, daß es keine gute ist; wie ich das aber verstehe, darüber wirst Du am Besten in der Brochnre Aufschluß finden, die ich Dir schon gestern empfahl und die Du in blindem Vornrtheil gar nicht lesen wolltest." „So gib' es denn her, dieses Wunderbuch, das gegen Alles hilft; ich will doch sehen, was darin ist," sagte Simon, und da er Heute schon um Vieles beruhigter war, als gestern Abends, so kam er schnell vorwärts. Immer mehr zog ihn die Präcision und Folgerichtigkeit der darin ausgesprochenen Gedanken, die kraftvolle Redeweise, deren sich der Verfasser bediente, an. Wie ihm sein Freund prophezeit hatte, ganz neue Ideen gewannen Macht über ihn; alles, was er bis jetzt als feststehend angesehen hatte, gerieth mit jeder Seite, um die er weiter kam, immer mehr in's Wanken. Im Innersten bewegt, las er die gerechte und strenge Verurtheilung der Handlungsweise der heutigen meisten Juden, las er von dem einzigen Heilmittel für dieses unglückliche Volk, von der reuigen Rückkehr zur eigenen, schnöde verleugneten Nationalität. Mit tiefem Schmerze erfüllte ihn die Eekenntniß dessen, daß in dieser traurigen Selbstverachtung, sowie in der unauslöschlichen Fremdartigkeit des jüdischen Stammes auf europäischem Boden die Ursachen des Niederganges des jüdischen Stammes liegen. Als er aber au eilte Stelle kam, wo oh-e Schönfärberei das Bild Eines jener Bielen gemalt wurde, die zu schwach sind, diese Volkskrankheit unv diese unversöhnlichen Gegensätze zu ertragen und daher sittlich verkommend, den Judenfeinden als R-präsentanten des ganzen Stammes gelten, da wurden ihm die Worte seines Freundes sofort klar und er wußte, daß er die Charakterbeschreibung Albert Rosenthals gelesen habe. Erschüttert von der Macht der ihm plötzlich offenbarten Wahrheit und zugleich unangenehm berührt von der Gewißheit. mit einem unliebsamen Menschen bekannt werden zu müssen, legte er die Brochure bei Seite, nahm seinen Czako — es war ja Sonntag — und verließ, von mannigfachen Gedanken und Gefühlen bestürmt, seine Wohnung. Ziel- und zwecklos schleuderte ec einige Stunden in den Straßen umher; da^ Wetter hatte sich nämlich ganz anfgeheitert und erlaubte einen solchen Spaziergang. Als es jedoch drei Uhr geworden war, beschloß Simon, seine Irrfahrten aufzugeben und die Familie Katz zu besuchen. Klopfenden Herzens trat er ein. Er wurde sehr herzlich von Vater, Mutter und Tochter begrüßt und dem gleichfalls anwesenden Neffen Albert Rosenthal vorgestellt. An dem „Freut mich sehr!" desselben erkannte ec die Stimme vom vergangenen Abend. Aber er konnte, so gerne er sich's hätte einreden mögen, die neue Bekanntschaft nicht so sonderlich finden. Rosenthal machte zwar einen etwas seltsamen Eindruck, beionders trug seine Stimme dazu bei, aber es war bei Weitem nicht so arg, wie Sternberg geschildert hatte; das gemüthliche Lächeln stand ihm sogar recht gut und Simon hätte, wäre ec nicht von seinein Freunde gar so sehr gewarnt worden, schnell eine freundschaftliche Zuneigung zu ihm gefaßt; so nahm er sich vor, vorsichtig zu sein. Aber als er im Laufe des Nachmittags I