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Selbst-Emancipation · 1885-09-17 · Heft 16 (17.9.1885) · p. Seite 9

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 16 (17.9.1885)
Date
1885-09-17
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 16 Selbst-Em an cipo tion! Seite 9 Skizze aus dem hebräischen dcS 8 « Ar » ^ereg §malEn§ky. —- (Schluß.) . Der rühmlichst bekannte Seelenarzt stand auf seinem Katheder, rechts und links von ihm eine Anzahl Studiren» der, ror und hinter ihm. aber einige von Denjenigen, welche die ganze Welt für verrückt ansehen und sich allein für geistesgesund. Der Professor sprach zu den sanken und machte zuweilen ieinen Hörern Zeichen» damit die Kranken von ihrem Wahnsinn nichts erführen. Durch seine schönen und einsichtsvollen Worte fesselte er meine Aufmerksamkeit in solchenr Grave, daß ich der Lehre meines ersten Erziehers vergaß und dem Vortragenden sowohl als, den Studenten und den Irren näher trat. Mein Freund, der Arzt, stellte mich dem Professor vor, der mich begrüßte und dann in seiner Rede sortfnhr, wobei er sich von Zeit zu Zeit auch an mich wandte. Wie sehr die Kraft des Wahnsinns ihre Spure» dem Gesichte aufdrückt, konnte man am besten hier erkennen, wenn man die Unglücklichen anblicktc, deren Aussehen, ohne daß einer von ihnen gesprochen oder mit einer Muskel gezuckt hätte, die fixe Idee, die sie beherrschte, verrieth. Auf dem Gesichte des Einen sah es öde und wüste aus, wie ans einem feuerspeienden Berge, das einer Anderen glich einem seit Jahr und Tag brach gelassenen Felde, auf dem Gestrüpp und Unkraut gedeihen; in den Augen des Einen loderte ein verzehrendes Feuer, in demjenigen eines Anderen war aller Lebensglanz erloschen. Getäuschte Hoffnungen, ein gebrochenes Herz, unglückliche Liebe, ver. letzte Ehre, wilde Begierde, Armuth und Elend und alle anderen Leiden des Lebens ziehen hier an uns vorüber, eines irach dem anderen, um uns ihr furchtbares Antlitz und ihte geistveruichtende Stälke zll zeigen. Einer voir den Irren, der ruhig dasaß und den Worten des Vortragenden lauschte, als wäre auch er ein ausmerksamer Student, veranlaßte mich, ihn längere Zeit zu betrachten. Der Professor aber bemerkte dies und frng mich: „Was bemerken Sie au diesem Manne? Sehen Sie, auf seinem Gesicyle sind fast gar keine Spuren von Wahnsinn zu finden. Deswegen bekämpften mich meine College», welche ihn für gesund erklärten, während ich allein ihn als geisteskrank bezeichnete und ihn auch wirklich vom Tode rettete. Was bemerken Sie also an ihm?" „Nichts, als daß er von Zeit zu Zeit seine Unterlippe bewegt und-" „Getroffen!" rief der Professor mich unterbrechend. — und diese Bewegung", fuhr ich fort, „gleicht der eines Hundes auf ein Haar." Kaum hatte ich das Wort ausgesprochen, als die Anwesenden von Schrecken ergriffen wurden: die Diener und Wärter erzitterten, der Professec sprang aus mich zu und stellte sich vor mich, um mich, wie ein Schild, zu schützen. Vor wem? V-rc dem Manne, der die Lippe wre ein Hund bewegte — denn derselbe hatte seinen Ort verlassen, sperrte seinen Mund auf, zeigte seine Zähne und wollte sich mit aller Macht auf mich stürzen. Doch die Wärter hielten ihn zurück, noch mehr aber zwang ihn ein Blick des Arztes, der es bewirkte, daß er plötzlich starr stehen blieb wie eine Marmorsäule, nur einige Augenblicke lang bellte, mehrere Male „Hund! Hund!" rief und den Wärtern seine Hand reichte. Hätte mir früher Jemand erzählt» daß es Menschen mit einer solchen Gewalt in ihrem Blicke gebe, ich hätte ih n ausgelacht: Daß ein Blick im Stande sei,, einen Mensche» wahnsinnig zu machen, daß er ihn in der.Tod treiben könne und was Alles, wie man sich erzählt, durch die Macht eines schönen Auges möglich fei, hatte ich immer gewußt, aber daß der menschliche Blick im Stande sein sollte, eine von den verwirrtesten. in der tiefsten Nacht des Geistes entspringenden Gefühlen aufgeregte Seele zu beruhigen, das hätte ich nie geglaubt, wenn ich es nicht selbst gesehen hätte. Die Augen des Professors leuchteten wie die eines Dichters, als er den Befehl ertheilte, den Unglücklichen in seine Zelle zu bringen. Anfangs verstand ich nicht, warum er sich so sehr freute; etwa darüber, weil es ihm gelungen war, den Verrückten durch seinen Blick zu besiegen. Doch war ihm dies ja zweifellos nicht zum ersten Male gelungen; auch erzählten mir die Studenten viel von der Kraft seines Blickes, die ihn gegen jeden Ueberfall schütze. Ich ward mir erst über den Grund seiner Freude klar, als ich die Schicksale des Armen erfuhr und ich einsah, daß er darauf stolz War, seine Collegen besiegt zu haben, welche diesen Mann als nicht geisteskrank erklärt hatten. Ich blickte meine Umgebung staunend an, bnm ich verstand das Alles nicht; ein Wärter aber beeilte sich, an mich heranzutreten, um mir alles zu erklären, was hier vorgegangen war. Obwohl ich nun wußte, daß solche Wärter immer Geschichten bereit haben llnd, was sie nur von den armen Irren wissen, ausführlich erzählen, wenn ihnen nur ein Lohn winkt, daß sie sich aber kein Gewissen daraus machen, die Lebensgeschichte» verschiedener Kranker zu combiniren oder überhaupt etwas zuzudichten, — obwohl ich das wußte, so war ich doch entschlossen, dem Wärter, der auf mich zutrat und, ein Zeitungsblatt herausnehmend, sagte: „Hier finde» Sie leine Geschichte", mein Ohr zu leihen und ich hatte bereits eine Gnldenbanknote vorbereitet, um ihn für seine Auskünfte zu entlohne». Da ergriff mich aber mein Freund, der Arzt, bei -der Hand und jagte: „Komm ich kann Dir das Alles selbst ei zählen, denn auch ich war damal im Gerichtssaale." Folgendes erzählte er mir nun auf dem Wege: „Dieser Mann lernte in der Jugend in der Scbule seines Geburtsortes; seine Lehrer fanden nichts an ihm auszusetzen, mit Ausnahme des Religionslehrers. Du kennst ja das Los dieser Lehrer, die von allen Schülern bitter gehaßt und auf alle erdenkliche Weise gequält werden. Deswegen wählen sie sich gewöhnlich ein Opfer, um an demselben ein Exempel zu statuiren; so ein Opfer war nun zufällig der Mau» da. Der Lehrer verfolgte ihn so lange, bis er ihn aus der Schule vertrieben hatte. Der Vater sagte nun, er habe nichts mehr bei ihm zu suchen und möge sich fortan selbst sein Bros verdienen. Der Junge irrte nun herum, bis er nach Wien kam und hier Kellner, später Hausknecht bei dem Inhaber eines Fuhrwescnunternehmens wurde. Als ihin aber die Hand des Herrn zu schwer und die Augen der Magd zu fesselnd wurden, ging er fort und. wurde Stadtträger. Unter ^anstrengender Arbeit sammelte er nun allmälig eine kleine Summe, auch die Magd erübrigte etwas von ihrem Lohne und so heirateten sie denn einander. Sie kallfte ihm ein Fuhrzeug lind ein Roß für den Lasteutransport; es ging ihnen gut und sie lebten zufrieden. Die Geburt eines Zwillings vergrößerte ihr Glück. Ein Jahr später wurde rynen wieder ei» Töchterchen geschenkt und ihre Freude war wiederum sehr groß, obwohl es diesmal kein Zwilling war. Auch im dritten Jahre gebar die junge Frau, aber diesmal war die Freude nicht groß, denn vre Mutter bezahlte die Geburt dieses Kindes mit ihrem Leben und der unglückliche Mann war während der Krankheit seiner Frau verarmt, denn diese Krankheit hatte sehr viel verschlungen und er hatte auf Verdienst nicht ausgehen können; er mußte sein Pferd einem Anderen vermiethen, da aber der Miethpreis nicht einmal ausreichte, um nur das Roß satt zu füttern, sah er sich bald genöthigt, Roß und Wagen zu verkaufen. Nach dem Tode leiner Frau aber

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