Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 16 (17.9.1885)
- Date
- 1885-09-17
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 Sel b st- Emanc i p ation! Seite. 5 noch Vieles lernen könnte, und zwar von den „jungen .Herren", wie er sich ausdrückt—oder glaubt er etwa, daß ihn das Mehr-Vergilbtsein seiner Geburtsscheines vor Unwissenheit, schützt? Es märe aber auch dem „illustren" Herrn („Jllustrirte Gemeinde-Zeitung") anzurathen, in eines der Vereinslocale zu kommen, um sich von den „jungen Herren" das Wort „Politik" definiren zu lassen, denn er selbst scheint die Definition feit seiner Jugend — er ist doch sicherlich nicht jung — vergessen zu haben. Im klebrigen möge er ja nicht glauben, daß wir seines sinnlosen Wuthgehenls wegen—den betretenen Weg verlassen werden. Im Gegentheil. Wir werden die Glacehandschuhe gänzlich abstreife» und Assimilanten, die es aus Berech. mung sind, behandeln, wie sie es verdienen. — Jener Herr gibt auch dann den „Kadimahnern" den „Rath", in der „Zukunft" (wie witzig!) mit den Kosenamen vorsichtiger umzugehrn; wir aber möchten dem Herrn Artikler die höfliche. A n deutung geben, in ,der Zukunft, wen» er es wieder einmal unternehmen will, sogenannte Artikel zu schreiben, seine Schreiblust lieber heldrnmüthig zu unterdrücken; freilich wäre ein , solches Vorgehen auch in der Vergangenheit gerathen gewesen. Ja, noch etwas. Wie die in drnletzten Wochen in allen jüdischen Zeitungen erzählte Änekdote vom Herzog Leopolo von Deffau die famose Kritik über, die Vereine beleuchten soll, das wissen nur die Götter, selbst der Herr Artikler kann, es nicht wissen. Uns kommt dabei das Jargonwort in den Sinn: „Wie kommen d i e Rüben iw d e-n Sack?" --- - Einige Mitglieder der „Kadimah“ - und der „Zukunft". Bade» (bei Wien), 14. September 1885. — (Z e ichen der deutsch, jüdischen Verbrüderung:) — Als die heutige Vorstellung im hiesigen Sommertheater zu Ende war, wollte ein alter ehrwürdiger Mann aus dem Gedränge, das an dem Ausgange entstanden war, rascher loskommrn und ersuchte eine vor ihm gehende Dame äußerst höflich, ihn womöglich vorzulassen. Die Dame sah sich um und sagte, als sie bemerkte, daß sie es mit einem Semiten zu thun habe, geringschätzig: „Der Jud' möge hinten bleiben u. s. w." Daß ein solches, Vorgehen Seitens einer Frau nur Entrüstung Hervorrufen könne, ist selbstverständlich und erzürnt nannte sie der alte Mann eine gemeine Person. Daraufhin großes Entsetzen unter den anwesenden Söhnen Japhets. Einige galante Ritter nahmen sich der holden arischen Schwester an und überhäuften den Greis mit unfläthigen Worten. Die sich um die Streitenden ansammeli'de Menge begleitete jedes Wort der Herren Antisemiten mit arischem Gejohle und Händeklatschen. Nur der Intervention des Dir. Schreiber ist es zu verdanken, daß der Scandal nicht größere Dimensionen annahin. — Was sagen unsere „Daitschen mosaischer Religion" zu dieser liebevollen Behandlung? Sie sind sicherlich ganz entzückt von diesem Beweise treuer deutscher Bruderliebe. — Diese Glücklichen! Z. Lemberg. Herr Dr. Löwenstein hielt am Rosehhaschanah nach seinem Heimkommen aus den Bädern im israelitischen Tempel eine 8 albo-rnortiale-Predigt. Sie verdient keinen andern Namen, da ihr jede Logik und jeder Zusammenhang fehlte. Hier einige drastische Brocken aus diesem oratorischen Meisterstück, die unter den Zuhörern besondere Mißstimmung hervorriefen:. Beim Betreten der Kanzel sprach Löwenstein: „Heute betrete ich mit Ehrfurcht diese Stätte"— und sonst während, seiner 23jährigen Function? — „Ich sehe das alte und. neue Jahr vor mir, das neue schwarz, umhüllt." Wie kommt Löwenstein unter die Propheten? Oder eine ähnliche Vision: „Ich bin jetzt begeistert, sehe vor mir die. Todten auferstehen." Das. alles sieht er, wir. aber würden im Interesse unserer Fugend, und des ' wahren Fortschrittes gerne sehen, wenn Löwenstein einer tüchtigern Kraft s'inen Platz übe, lassen würde. — M—z. Lemberg. Die Nummer 24 vom 23. August d. I. des Warschauer Assimilanten-Blattes „Izraeüta“ bringt in einer Corrrspondenz ans Lemberg die haarsträubende Mittheilung, die jüdisch-nationale Idee, welche bis nun zn nur in Wie« (sie!) einigen Anhang hatte, beginne (!) sich nun gar auch in Galizien einzuschmuggeln, ja in Lemberg.— horribile dictu! — existire schon ein derartiger Verein, „Mikra Kodesch“, den inan, um es offen zn gestehen, leider als Filiale der „Kadimah“ ansehen müsse! Bei jeder Gelegenheit, sei es in den jeden Samstag statt- ' findenden Vorlesungen oder in den bei den verschiedenen Festlichkeiten gehaltenen Reden u. dgl. trete dieser „Mikra Kodesch“ mit jüdisch-nationaler Färbung auf! Scheut sich dov selbst ein Ausschußmitglied dieses Vereines „Mikra Kodesch“, der gleichzeitig Correspondent des bekannten (will sagen: berüchtigten) „Kadirnah“-Blattes i,Selbst- Emancipation!" ist, nicht, den „Mikra Kodesch“ ohne U ms chweife als jüdisch-n ational zn stempeln!!! Unerhört! — Und dies Alles, geschieht — sagt ferner der geschätzte. Einsender an das Warschauer Assimilanten-Blatt — unter den Augen der „Ojczyzna“. „Wo bist Du," ruft er entrüstet aus, „„Ojczyzna“, wenn es heißt aller Welt die Augen zu öffnen und das verderbliche Wirken dieses „Mikra Kodegeh“ zu rügen?! Warum lassest Du nicht Deine allgewaltige (?). donnernde Stimme erschallen?!" Mit „Caveant consules!“ schließt der ungestüme Herr Berichterstatter seinen heftigen Appell an die glorreiche, machthabende „Ojczyzna“. Entsetzlich! Fürchterlich! Lieber Herr Einsender, nur nicht so aufgeregt, nicht so stürmisch! . Behalten Sie doch, um Gottes Willen, ein klein wenig kaltes Blut! So leid es mir auch thut, ich muß Ihnen; leider dennoch zu meinem allergrößten Bedauern die Ihnen höchst unangenehmen Mittheilung machen, daß Sie sich an eine falsche Adresse gewandt haben! Fallen Sie nnr nicht in Ohnmacht, wenn ich nun das große Wort gelassen ausspreche: „Die verehrliche „Ojczyzna“ — Ihre Rachegöttin — hat bereits keine Zähne mehr!" Ich kann aber nicht umhin. Ihnen werthester Herr Einsender bei dieser Gelegenheit unseren (der Nationaljuden — wenn Sie und Ihre Busenfreundin die alte Jungfer „Oj—czyzna“ nichts dagegen haben) wärmste» Dank auszusprechen. Sie haben, während Sie den „Mikra Kodesch“ als jüdisch-national verschrieen nnr dem Verein und allen Rationaljnden dadurch in unbewußter Weise einen Dienst erwiesen. — x.— Aus der Theitzgegeud. Als ich in Nr. 14 Ihres geschätzten Blattes die Frage las: warum in Wien unter der jüdischen Jugend ein so warmes Interesse an dem Judenthume sich zeige, dagegen in Budapest ein solches nicht vorhanden ist, da dachte ich, daß man noch mehrere Fragen dieser An aufwerfen könne. So z. B.: 1. Warum tragen in anderen Ländern die Juden so viel zur Colonisation .Palästina's bei, in Ungarn aber gar nichts? 2. Wlirüm hat man in anderen Ländern das Andenken des Sir Moses Montefiore durch Errichtung von culturellen und Humanitären Anstalten geehrt, während dies in Ungarn unterblieben ist? 3. Warum hat Deutschland vier israelitische Lehrerbildungsanstalten und Ungarn nur eine? —. Und so könnte man noch weiter fragen und immer klarer ersehen, daß die ungarischen Juden an Sinn und Opferwilligkeit für ihre nationalen Interessen im Allgemeinen (einzelne Personen und Gemeinden ausgenommen) weit hinter ihren Brüdern im übrigen Europi zurück sind. ' — Es hieße für heute den Raum dieses geschätzten Blattes zu sehr in Anspruch nehmen, so ich die Ursachen dieser Erscheinung aufzudecken versuchen würde, doch hoffe ich noch hiezu Gelegenheit zu finden. A. Sohn.