Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 16 (17.9.1885)
- Date
- 1885-09-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 S e i b st - E m a n c i p a t i o nl Seite K einige anrüchige 'Aufwiegler über die.Grenze schickt. In erster Linie sind es aber erwiesenermaßen die Juden, gegen die der ganze Kampf geführt wird, an denen sich wieder ihre alte Bestimmung „Wandre!" bewährt. .Man lese die antisemitischen Organe und sehe,, wie sie frohlocken über die preutziiche I u d e n a u s t r e i b u n g, mau lese dagegen die TageSbläitcr, die doch „Judenpresie" genannt werden und inerte, wie sie das eigentliche Wesen dieser Ausweisungen zu verhüllen wissen. Das gehört ja eben zur. lendenlahmen und charakterlosen Politik der Assimilanten, oaß den Christen und Juden Zustände vorgelogen werden, die nicht find, Thatsachcn, die sich nicht ereignen, Verhältnisse verschwiegen werden, die der Vcrschinetzungstheorie nicht in den Kram passen. - Ei, darf denn ein solches von Assimilanten geleitetes Tagesblatt, zu» gestrhen, daß der preußische Staat, diese Sehnsucht der großdeutsch gesinnten Juden, die Polen und Russen mosaischer Confession heraustreibt, während eS ihm gar nicht in den Sinn kommt, diese humane Vorgehen auch gegen die christlichen Polen und Russen zu beachten. Behüle der Himmel! Es könnten ja dann die christlichen und jüdischen Leser sich ganz eigene Gedanken über die nationale Gleichartigkeit der verschiedenen Religionsgcnossen machen und das muß verhütet werden. Oh über diese Brrtüschungswuth, welche an das bekannte Äugenschließen im Monttnle der Gefahr erinnert! Bei dieser albernen VerycimlichungStaktik sind ja nur die jüdischen Leser die Ge» foppten,' indem sie alles für baare Münze nehmen, was sie hier zu hören bekommen — was man will, glaubt man ja so gerne —-; die nichtjüdischen Leser aber haben bereits gelernt, zwischen den Zeilen der Tagesdlätter zu lesen und haben nur ein verächtliches Achselzucken für diese unkluge Entstellung von Thatsache». Ja, durch diese Zeitungslügen- Politik werden die Juden ln eine gefährliche Sorglosigkeit gelullt, während unter der christ- Doppeluatur des jüdische» Stammes' als Volk und R e l i g i ö n, „>e sich nur »och bei dem Brudervolke der Araber, aber auch blos annähernd, vorfindet. Seit dem Eintreten des jüdischen Bottes in . die Geschichte zeigt sich dieses Doppelwesen; dasselbe ist vou günstigem Einflüsse auf die Eristenzfähigkeit der Juden, da Volksthum und Religion derselben einen gegenseitige» Assecuranzvertrag, wenn ich mich >o ausdrücken darf, geschloffen haben. War bis zum Untergange deS jüdischen Reiches das jüdische Bolksihum Grundlage und Schutz der jüdischen Religion, so war nach Verlust des nationalen Bodens die jüdische Religio» Hüterin und Erhalterin des jüdischen Voltsrhums. — Daß diese eigenthümliche Verschwisterung von Nationalität und Conseffionalitär noch existire, wird von den großen und kleinen Assimilanten geleugnet. Das sortwährende Walten des Rationalg e i ü h t e s will man nicht eingestehen und man hilft sich damit aus, daß man die so oft zu Tage trelendeu Beweise desselben als Ausflüsse der Religioiiszusammengehörigkeft bezeichnet — ganz gegen alle ethnographische und religionSgejchichiliche Ersahrung. Man hat plötzlich gesunden, daß der Körper des jüdischen Volkes abgestorben und nur noch die Seele zurückgeblieben sei, denkt, aber nicht daran, daß ein körperloser Geist etwas ist, wovon man nur bei der Gottheit zu sprechen pflegi. Die Affimilanten machen eS so wie jene superklugen Juristen, welche einenaus Amerika Zurückkehrenden nicht als lebend betrachten, weil sie ihn bereits für tvdt erklärt habe». — Die Doppelnatur oer Juden als Stamm und Volk existier noch heute wie vor zwei Jahrtausenden, sie ist noch heute eine Besonderheit der jüdischen Geschichte, die bei ihrer Behandlung durchwegs zu berücksichtigen ist. Die dritte Eigenthümlichkeit der jüdischen Geschichte ist die, daß sie seit zwei Jahrtausende» die Geschichte eines gräßlichen, unfäglichen Leides ist, dem ein kurch lbarer, in den verschiedensten Gestalten auftretender, im innersten Wesen aber stets sich gleich bleibender Haß entspricht. Man hak, da der Judenhaß d«e Ursache deS JudenleideS ist, viel um sein en Grund herumgestritten.— Der Streit har aber noch zu keiner Einigung geführt. Erwiese» ist, daß der Judenhaß w esentlich anderer Art ist, als jeder andere Nationalyaß, z. B. des Franzosen gegen den Deutschen. Es ist eben ein Haß, der auS Verachtung, Furcht und Neid gemischt ist. Der Verfasser der geistreichen Broschüre „ A.utoemancipation!“ hält den Judenhaß jür eine Judenfurcht, Judophobie, und bezeichnet ihn als unheilbare, seelische'Krankhein der Volker, die, .wie s-lastverständlich beizufügen ist, .erst, mit dem Moareute rmstehen lo»nie, alsdie Völker die Juden unter-sich a^fnahmrn. ' " v . lichen Bevölkerung der Antisemitismus dadurch immerfort genährt wird. „W a n dre!" rufen jetzt die Ausweisungs-Decrrte unseren Brüdern zu. Was war es aber, das einst diese unsere Stammesgenossen aus ihren Geburtsländern nach dem deutschen Reiche trieb, das sie bewog ihren Aufenthaltsort zu wechseln? Legen wir ab jede falsche Scham und beantworten wir diese Frage ehrlich und aufrichtig: Es trieb sie derselbe von Geschlecht zu Geschlecht seihJahrtauseiiden' sich vererbende Fluch, der sich zuweilen, wie eben jetzt in Ausweisungen, meist aber in scheinbar' freiwilligem Fortgehen offenbart; es trieb sie die gespenstige Schicksalsstimme „Wan drei" Seitdem das jüdische Volk aus seinem. Vaterlande heraüsgeriffen und in alle Länder der Erde zerstreut wurde, seitdem es unter dem Drucke entmenschter Peiniger die volkserhaltende, segenspeudende Arbeit des Ackerbaues verlernt hat, seitdem es überall in einer winzigen Minderzahl und stammlich verschieden von den umgebenden Völkern auf deren Gnade und Laune an» 'gewiesen ist, seit dieser Zeit ist ihm folgegemäß der Wandertrieb ei »geimpft. Entweder sind es Verfolgungen eines herzlosen Pöbels, oder der ruhelose Geist und das unsichere Wesen des Handels, welche die Juden von einem Stiefvaterlande zum andern führten. „Wand re!"; in diesem herben Schicksalsworte liegt die ganze Geschichte des jüdischen Elends, diese sechs Buchstaben umfassen eine Welt voll Wehe; umspannen das ganze nationale Unglück Israels. Erst dann, wenn einmal der Bann dieses alten Fluches gebrochen, wenn aus dem „toanbernben“ Juda ein ruhig wohnendes geworden sein wird, wird auch die letzte Stunde unseres Unglückes geschlagen haben. Die Lösung dieses Bannes liegt aber nur in uns selbst, sie liegt in der Erkenntniß, wie schmählich und kläglich diese wandernde Existenz für unser edles Volk ist, und in dem . ..... ' Nachdem nun diese Eigenthümlichkeiten gerade der jüdischen Geschichte hervorgehoben sind, muffen Dinge erörtert werden, die überhaupt zu erörtern sind, wenn man au das Studium der Geschichte eines Volkes geht. Da ist erstens der BolkScharakter. Man muß die Beschaffenheit eines Volkes kennen, wenn mau seine .Geschichte' verstehen will. Welches ist der sittliche Standpunkt der Juden, welches ihre Geistesanlagen, welches ihr Temperament, wie beschaffen ihr Fühle»; Wollen und Handeln, was sind ihre National» lugenden, was ihre Nationallaster? Ueber die geistige Veranlagung der Juden ist schon viel gesprochen worden: Renan hält sie, wie alle Semite» überhaupt, für geistig tieferstehend als die europäischen Völker; andere Gelehrte stellen fie den übrigen Stämmen an intellectuell-r Begabung gleich und kaffen nur qualitative Unterschiede gelten; eine dritte Meinung — dieselbe theilte der getaufte Jude Benjamin DiSraeli Lord of BeaconSfield, Premierminister von England — hält die Juden für den anderen Völkern geistig über, legen. Die richtigste dieser Ansichten dürste die zweite sein; sie findet ihre Bestätigung darin, daß unter den Größten auf jedem Gebiete geistigen Schaffens Inden zu finden sind, und zwar in einem erstaunlich großen, aber nicht übergroßen, Procentsatze. Bei der Behandlung der Geschichte d-8 jüdischen Volkes muß auch dessen süd» ländische, orientalische Lebhaftigkeit in Betracht gezogen werden, sowie die eigenthümliche Sprunghaftigkeit seiner Naturells. Entsprechend dem sanguinischen Temperamente der Juden »st ihr Gefühl empfänglich, ihr Wollen heiß »nd schrankenlos, ihr Handeln rasch und überschäumend. In sittlicher Beziehung steht das jüdische Volk sicherlich über den anderen Völkern, wenigstens hat eS die erhabensten sittlichen Principien aus seiner Volksseele geschöpft und den anderen Völkern mitgetheilt, wie Sie im Lause der Geschichte zu erkeimen genug Gelegenheit haben werden. Nationaltugendeu der Juden sind besonders — Familiensinn und Gutherzigkeit, ihre Nationallaster— Hochmuth, Spottsucht, letztere in Selbstverhöhnung auSartend. Was die übrigen jüdischen Laster betrifft, die in so großer Anzahl von den Antisemiten aufgezäblt werden, so liegen sie, soweit sie mrt Recht vorgeworfen werden, nicht in der Natur deS jüdisch'» Volkes selbst, sondern wurden durch äußere ungünstige Umstände hervor gerufen und werden mit dem Wegfall dieser auch wieder verschwinden. — Soviel über den BolkScharakter der Juden. (Schluß folgt.)